Wandern geht man doch nur, wenn die Eltern einen zwingen, oder? Cosima, Christiane und Leonie überwinden ihre Zweifel und machen sich auf den Weg. Drei Mädels alleine auf dem Eifelsteig. Ob das gut geht und Spaß macht?

Die Sonne schien, die Ferien standen vor der Tür. Für meine Cousine Christiane, meine Schwester Leonie und mich stand sofort fest: Wir fahren zu dritt weg. Ohne Eltern. Doch die Standardlösung Ferienfreizeit war uns zu langweilig. Denn: wenn wir schon alleine reisen, dann wollen wir auch selbstbestimmt sein und etwas erleben.
„Macht doch einfach einen Jugendherbergsurlaub“, lautete der Vorschlag unserer Eltern. Was sollen wir bitte da? Etwa wandern? Wie öde ist das denn? Wandern geht man doch nur gezwungenermaßen, wenn die Eltern wieder einmal die Lust auf Natur packt und  sie die wehrlosen Kinder mitschleifen.

Zunächst kritisch setzten wir Mädels uns mit dem Vorschlag auseinander. Doch nach und nach faszinierte uns diese „alternative“ Urlaubsidee immer mehr. Bis schließlich die Entscheidung feststand: Wir wandern! Und zwar den Eifelsteig!
Bei einer solchen Reise muss man natürlich früh anfangen zu planen. Schaffen wir auch immer die Etappen? Wo können wir übernachten? Was nehmen wir mit?
Um sich eine grobe Übersicht zu verschaffen, war die Eifelsteig-Website (www.eifelsteig.de) sehr nützlich. Mit Hilfe von Etappenbeschreibung, Höhenprofil, Gesamtlänge und voraussichtlicher Wanderzeit (wobei wir beim Härtetest feststellen mussten, dass „voraussichtlich“ tatsächlich nur „voraussichtlich“ hieß) war es möglich, schon mal eine Ahnung davon zu bekommen, was wir Wanderlaien uns da überhaupt antaten. Nach ausführlichem Wälzen der Wanderzeitschriften unserer Eltern entschieden wir schließlich, in der uns zur Verfügung stehenden Zeit die Etappen 2 bis 7 zu wandern. Von Roetgen bis Mirbach. Sechs Etappen, 121 km. Eine Herausforderung.
Zunächst war jedoch die Übernachtungsfrage ein viel größeres Problem. Zwar gibt es auf der Strecke einige Jugendherbergen, von einer zur anderen zu wandern ist allerdings nicht lückenlos möglich. Und von unserer leicht romantisch angehauchten Vorstellung von kleinen Pensionen mit Bauernfrühstück mussten wir uns ziemlich schnell verabschieden. Wir waren zu spät dran, alles ausgebucht, nicht für drei Personen geeignet oder zu teuer.
Auf dem Weg von Roetgen bis Kloster Steinfeld (Etappen 2-5) lagen zwar genug Jugendherbergen, die mit geringen Umwegen auch zu erreichen waren. Aber dann: Keine Jugendherberge am Kloster. Wenn man den Eifelsteig wandern will, muss man wohl auch Kompromisse eingehen. Das bedeutete für uns, statt am Kloster zu übernachten, mit dem Bus zum nächsten Etappenziel (Blankenheim) zu fahren, dort zu schlafen und am nächsten Morgen zurück mit dem Bus zum Kloster zurückzukehren. Ab da ging es wieder nach Blankenheim – dieses Mal zu Fuß. Dieser Planungspunkt bereitete uns ein bisschen Sorge. Kriegen wir den Bus? Was, wenn wir ihn verpassen? Unsere Eltern sahen das optimistischer. Schließlich konnten wir dann wenigstens für eine Etappe die schweren Wanderrucksäcke in der Jugendherberge Blankenheim lassen und mussten nur den nötigsten Proviant tragen. Dann hieß es nur noch: Die Herbergen vorbuchen und bezahlen; so hatten wir auch nicht so viel Bargeld dabei. Sicher ist sicher.

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Weitere Improvisationskunst erforderte das Packen. Keine von uns dreien besaß einen professionellen, rückengerechten Riesen-Wanderrucksack, stattdessen mussten unsere Freizeit-modelle und Tagesrucksäcke herhalten. Schmalspurpacken war also angesagt. Zelt und Schlafsäcke mussten wir zwar nicht mitschleppen, allerdings besaßen wir auch keine ultraleichten Handtücher oder ähnliches. Das versuchten wir mutig mit dem Prinzip „Alles, was wir nicht unbedingt brauchen, bleibt zu Hause“ auszugleichen. Fehler wie „Lassen wir mal die Sonnencreme zu Hause, es soll eh regnen“ waren dabei unvermeidbar und leider noch länger sicht- und spürbar. Zwei Hosen für die sechs Tage, vier T-Shirts und Unterwäsche nahmen schon erschreckend viel Platz weg. Handtücher drauf – und die Rucksäcke waren praktisch voll. Deo, Duschgel und Zahncreme teilten wir auf, als medizinische Ausrüstung mussten Fußbutter (vorher noch nie davon gehört, aber könnte ja nützlich sein), Tape und Pflaster reichen.

Für alle sechs Tage die Verpflegung einzupacken war utopisch. Obwohl wir Frühstück und warmes Abendessen in den Jugendherbergen gebucht hatten, mussten wir ja auch tagsüber etwas zu Essen haben. Umso nützlicher war für uns als geübte Google-Maps-Nutzer deshalb die interaktive Tourenkarte der Eifelsteig-Seite, mit der man sich über die geografische Beschaffenheit der Strecke und natürlich alle umliegenden Supermärkte und Gaststätten informieren konnte.
Dann konnte der erste Tag gar nicht schnell genug kommen. Unsere Eltern sahen das Ganze bis zum Schluss eher gemischt. Drei Mädels tagelang alleine im Wald? Ob das gutgeht? Aber mit dem Versprechen, jeden Abend anzurufen, und dem Wir-bewegen-uns-ja-an-der-frischen-Luft-Argument zogen wir schließlich morgens früh in Roetgen los.

Unsere Tour führte uns durchs Hohe Venn über Holzstege und malerische Moorlandschaften nach Monschau. Zunächst orientierten wir uns mithilfe einer kurzen Streckenbeschreibung, die vor einiger Zeit in der Aachener Zeitung in der Rubrik Freizeit erschienen war. Nach spätestens einer Stunde gaben wir das aber auf und suchten den Weg lieber anhand der zahlreichen Wegmarkierungen, die den Eifelsteig zuverlässig beschildern.
Am nächsten Tag ging es über gewundene Waldwege und weitläufige Wiesen (teilweise mit sehr hohem Fliegenaufkommen) nach Einruhr. Die Jugendherberge im benachbarten Rurberg zu finden war schwerer als gedacht. Statt der eingeplanten Stunde irrten wir hilflos und am Ende unserer Kräfte zwei Stunden durch den Ort, bis ein rettender Anruf bei der Rezeption uns endlich den Weg wies.

Trotz Regen (wir mussten weiter, was blieb uns anderes übrig) wanderten wir tags drauf von Rurberg nach Einruhr und von da wieder auf dem Eifelsteig über die Kaserne Vogelsang nach Gemünd, wo dieses Mal zum Glück die Jugendherberge direkt am Weg lag. Am nächsten Morgen machten wir uns dann extra früh auf den Weg zum Kloster Steinfeld, um auch ja unseren Bus zu bekommen. Das verlief zum Glück ohne Probleme. Die nächsten Etappen vergingen wie im Flug. Während wir am Anfang noch viel gelacht und geredet hatten, setzte nun eine fast besinnliche Stille ein. Jeder kam zum Nachdenken, so ganz abseits vom Alltagsstress und Hektik.

Glücklich wurden wir von unseren Eltern am Ende in Mirbach eingesammelt: voller neuer Erfahrungen, Spaß, abenteuerlichen Erlebnissen und Begegnungen mit mehr oder weniger sonderbaren Mitwanderern und Tieren, Sonnenbrand und Blasen an den Füßen. Wir haben Erinnerungen an atemberaubende Orte gesammelt – oder auch solche, die nachdenklich stimmen, wie das verlassene Dorf Wollseifen bei Vogelsang. Ob unser Improvisationstalent durch mangelnden Rucksackregen- und Sonnenschutz gefordert wurde (Fußbutter lässt sich ganz wunderbar als Aprèslotion benutzen) oder unser Orientierungssinn bei der Schlafplatzsuche – wir haben es geschafft. Und bald soll es wieder losgehen. Wir sind uns noch nicht sicher, ob wir durch Spanien pilgern oder vielleicht mit dem Fahrrad nach Amsterdam fahren, vielleicht ja sogar bis Paris, aber wir sind uns einig: So ein Urlaub ist viel abenteuerlicher und spannender als jeder Strandurlaub es sein könnte.

Nützliche Links:

www.eifelsteig.de
www.eifel.info
www.jugendherberge.de
www.vogelsang-ip.de
www.kloster-steinfeld.de
www.rursee.de

Wollseifen

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Wollseifen war einst ein malerisches Eifeldorf mit Blick auf die Urfttalsperre. 1946 wurde es auf Befehl der britischen Besatzungsmächte geräumt – neue Unterkünfte bekamen die Bewohner aber nicht. Die nach dem Krieg gerade erst wieder aufgebauten Gebäude wurden größtenteils abgerissen, um einem Truppentrainingsgelände Platz zu machen. Mitte der 1950er Jahre wurde den Vertriebenen ihr Besitz zu gedrückten Preisen „abgekauft“; die Häuser und Grundstücke gingen in den Besitz der Bundesregierung über. Reparationszahlungsforderungen wurden abgewiesen. Heute ist Wollseifen ein Geisterdorf.