Wer während der Schulzeit und nach dem Abitur noch nicht ins Ausland konnte oder wollte, der muss nicht verzweifeln. Auch während des Studiums kann man eine tolle Zeit in einem anderen Land haben – für manche ist das sogar die bessere Option.

Schon früh stand für mich fest: Nach dem Abitur erst einmal weg. Ich liebte die Arbeit mit Kindern und das Reisen, da fiel die Wahl also nicht schwer. Ich wollte ein Jahr lang als Au-pair in die USA. Und tatsächlich stieg ich 2013, wenige Wochen nach meinem Abitur, ins Flugzeug gen amerikanischer Traum. Ich hatte eine wundervolle Gastfamilie, süße Kids und lebte im wunderschönen Washington D.C. – besser geht’s nicht, dachte ich. Doch schon bald merkte ich, dass ich als Au-pair nicht glücklich war. Schweren Herzens beendete ich meinen Aufenthalt nach nur einem halben Jahr. Mein Traum war geplatzt.

Irgendwann verstand ich, dass nicht alle Pläne aufgehen können. Ich machte das Beste daraus und stürzte mich voller Freude ins Studium der englischen und französischen Sprachwissenschaften. Von längeren Aus-
landsaufenthalten wollte ich nichts mehr wissen. Im Laufe meines Studiums lernte ich außerdem Arabisch und verliebte mich augenblicklich in diese exotische Sprache mit ihren malerischen Buchstaben und den Lauten, an denen ich mir bis heute die Zähne ausbeiße. Und schon bald packte es mich wieder, dieses Fernweh.

„Ist das denn nicht zu gefährlich?“

Wie wäre es, in einem Land zu leben, wo diese Sprache gesprochen wird? Welche Länder sind sicher? Wie sind wohl die Menschen?
Bei aller Vorfreude musste ich mir gleichzeitig eingestehen, dass ich Angst hatte – was, wenn es wieder schiefginge? Doch schließlich stieß ich auf den Libanon, wo sowohl Arabisch als auch Französisch gesprochen wird – ich könnte also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Bürgerkrieg ist vorbei, das Land recht stabil. Eine Kommilitonin war sogar schon dort und nach einem Gespräch mit ihr war es um mich geschehen. Weniger begeistert von meinem Vorhaben waren Freunde und Familie: „Im Libanon gibt’s doch regelmäßig Anschläge! Überall Muslime, die ihre Fehden austragen, und du unter ihnen allein als christliche Frau – das ist doch nicht sicher!“ Dass dies lediglich Vorurteile waren, die längst nicht der ganzen Wahrheit entsprachen, davon konnten weder ich noch besagte Kommilitonin meine Eltern überzeugen. Eine Bedingung gab es also: Es musste unbedingt ein schwarzer Schal mit, den ich notfalls in Windeseile zu einer Hidschab umfunktionieren könnte. Eine Tarnung als Muslimin zur eigenen Sicherheit. Ob das wirklich notwendig sein würde?
Ich bewarb mich also, wurde akzeptiert und im September 2015 saß ich im Flugzeug. Denn trotz aller Ängste und Unsicherheiten musste ich es versuchen. Ich war jetzt reifer, selbstständiger, längst von zu Hause ausgezogen – vielleicht ist ein Auslandssemester genau das Richtige für mich, so dachte ich. Im Ausland studieren und so gleichzeitig neue Leute und das Land kennenlernen, das klang gleich viel besser als das ermüdende Tageswerk eines Au-pairs.

„Leben und leben lassen“

Ich wurde nicht enttäuscht. In Beirut verbrachte ich die bislang beste Zeit meines Lebens. Ich lebte im Süden der Stadt mit einer jungen Frau aus Ungarn zusammen in einer WG. In ihr fand ich eine wahre Freundin, die mich in ihren Freundeskreis aufnahm und jedes Wochenende aufs Neue den kleinen Libanon mit mir erkundete. Denn dieses winzige Fleckchen zwischen Syrien und Israel hat einiges zu bieten. Endlose Sandstrände, türkisfarbenes Meer, eine Bergregion und warmherzige, gastfreundliche Menschen, die so stolz sind auf ihr kleines Land, das sich nach dem Bürgerkrieg aufgerappelt hat und langsam wieder Reisende anlockt.

Und auch Eltern und Freunde waren nach den ersten Wochen beruhigt, denn ich war weder als Frau noch als Christin gefährdet. Libanesische Frauen tragen mit Stolz knappe Kleider, High Heels und natürlich viel Make-up. Daran stören sich weder Muslime noch konservative Christen – „Leben und leben lassen“, so schien das Motto. Ich wurde als Europäerin aufgenommen wie ein Gast, vor dem man sein Land unbedingt von seiner besten Seite präsentieren sollte. Immer wieder wurden wir spontan auf einen Tee eingeladen, von Straßenhändlern verköstigt und von Fremden nicht nur neugierig betrachtet, sondern auch verwundert angesprochen. Warum leben Europäer im winzigen Libanon, wo trotz allen Bemühungen noch so vieles im Argen liegt? Die Antwort fällt mir leicht: Weil ich nirgends so glücklich war wie unter diesen Menschen, die einander helfen und mir stets mit einem warmen Lächeln begegneten. Die auch mich als Europäerin wie eine der ihren behandelten, mich für mein dürftiges Arabisch begeistert lobten und mir mit Händen und Füßen neue Wörter beibrachten. Der Libanon hat auf mich achtgegeben und mich mit einer viel positiveren Lebenseinstellung zurück in die Heimat geschickt. Und deshalb ist der Libanon nun auch ein Stück Heimat für mich.