Auslandsjahr – während der Schulzeit oder nach der Schule? Unsere Schülerpraktikantin Alina Langreck hat recherchiert, was es für Möglichkeiten gibt. Außerdem hat sie unsere a52-Redaktionsmitglieder Lucie Heinen, Janine Friedrich, Deborah Peters, Jacqueline Dammers und Jakub Dudzikowski befragt, die schon Auslandserfahrung gesammelt haben oder sich gerade im Ausland befinden.

Ein ganzes Auslandsjahr nach der 9. Klasse:
Die Informationen über das Auslandsjahr nach der 9. Klasse bekommt man normalerweise in der 8. oder 9. Klasse. Wenn entschieden ist, wo man das Jahr verbringen möchte, muss man sich dort natürlich vorher bewerben. Das sollte vom Ende der 8. Klasse bis zum Anfang der 9. Klasse geschehen. Nach der 9. Klasse reist man dann ab und kommt nach der Reise meist in die 11. Klasse.

Zwischen der 10. und 11. Klasse:
Über das Auslandsjahr zwischen der 10. und 11. Klasse erhält man die Informationen meistens in der 9. oder 10. Klasse. Auch hier sollte man sich frühzeitig bewerben, das heißt am Ende der 9. Klasse oder noch am Anfang der 10. Klasse. Nach diesem Auslandsjahr kommt man in die 11. Klasse, die Schulzeit verlängert sich also auf 13 Jahre.

Ein halbes Jahr im Ausland:
Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, ein halbes Jahr im Ausland zu verbringen. Auch hier muss man sich natürlich vorher bewerben und sich mit der eigenen Schule absprechen. Es sollte aber bedacht werden, dass man den Unterrichtsstoff des ersten Halbjahres nicht mitbekommt und somit quasi mittendrin einsteigt. Der Vorteil an einem halben Auslandsjahr ist, dass das Schuljahr wahrscheinlich nicht wiederholt werden muss und dass man wieder in seine alte Klasse oder Stufe zurückkommt.

Sprachreisen:
Bei einer Sprachreise lernt man mehr über die Sprache in einem bestimmten Land kennen und man hat die Chance, seine Sprachkenntnisse aufzubessern. Es werden oft Kurse angeboten, bei denen man die Möglichkeit hat, in einem Internat oder College zu leben. Ansonsten kann man aber auch in einer WG, einem Hotel oder bei einer Gastfamilie wohnen. Man lernt aber nicht nur die Sprache eines Landes, sondern auch die Kulturen des Landes kennen.
Hier kannst du Sprachreisen finden und vergleichen: www.sprachreisen.org

Praktika:
Für ein Praktikum im Ausland musst man volljährig sein und sollte schon einige Sprachkenntnisse haben. Man sammelt Berufserfahrungen auf einem anderen Level, indem man z. B. in einem Unternehmen arbeitet und dabei ein Land von vielen Seiten kennenlernt. Für den späteren Beruf ist es sicher sinnvoll, ein weiteres Praktikum gemacht zu haben, welches dann auch im Lebenslauf vermerkt ist.

Au-pair:
Als Au-pair wohnt man bei einer Gastfamilie und kümmert sich sowohl um die Kinder als auch um den Haushalt. Das heißt zum Beispiel, dass man die Kinder morgens weckt, sie zur Schule bzw. zum Kindergarten etc. bringt, das Mittagessen zubereitet und die Wäsche wäscht. Man bekommt dafür ein wöchentliches Taschengeld, wird verpflegt und darf kostenlos bei der Gastfamilie in einem eigenen Zimmer wohnen. Normalerweise dauert ein Au-pair-Aufenthalt sechs bis zwölf Monate und man hat pro Jahr zwei Wochen Ferien. Auch hier lernt man natürlich sowohl die Sprache des Landes als auch die Kulturen kennen.
Hier kannst du eine Au-pair-Familie finden: www.aupairworld.com/de/familie-finden

Freiwilligendienste:
Bei einem Freiwilligendienst arbeitet man bei einer Organisation, die sich zum Beispiel mit den Themen Gesundheit, Bildung oder Tierschutz beschäftigt. Man kann mehrere Wochen oder einige Monate in einem Land seiner Wahl verbringen und dort an verschiedenen Projekten mitarbeiten. Für einen Freiwilligendienst muss man in der Regel volljährig sein. Es gibt aber auch wenige eingeschränkte Angebote für 16- oder 17-Jährige.
Freiwilligendienste in Deutschland finden: www.bundesfreiwilligendienst.de

Lucie Heinen, ein Jahr in Sankt Petersburg

Was war deine Motivation, ein Auslandsjahr zu machen?
Meine Motivation war vor allem, dass ich etwas Praktisches lernen wollte. Ich brauchte eine Pause vor dem Studium, wusste zu dem Zeitpunkt aber auch noch nicht, was ich studieren werde, und wollte eine soziale Tätigkeit damit verbinden, mal komplett raus aus dem Alltag, dem Bekannten.

Wo hast du das Auslandsjahr verbracht?
Ich war über die Evangelische Kirche im Rheinland für ein Jahr in Sankt Petersburg, Russland, und habe dort in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung gearbeitet.

Was haben deine Eltern von der Idee gehalten?
Die Idee des Auslandsjahres fanden meine Eltern sehr gut, das war aber für mich auch kein überraschender Schritt. Der Arbeitsbereich war für mich schon bekannt und hat mir viel Spaß bereitet und ich hatte immer viel Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, mit oder ohne Behinderung. Und ein Jahr mal raus aus Deutschland war für mich auch eine klare Entscheidung, alleine, weil meine früheren Auslandserfahrungen oder Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern sehr prägend und positiv für mich waren. Natürlich kamen dann – besonders bei meiner Mutter und meinen Großeltern – Bedenken auf, als es dann auf einmal hieß, ich wollte nach Russland oder sonst Israel. Mein Wunsch war immer London gewesen bis zu dem Zeitpunkt, wo ich von den Projekten dort erfahren habe, die mich einfach begeistert haben. Inzwischen ist übrigens nicht nur meine Mutter ein großer Russland-Fan, sondern eine Menge anderer Familienmitglieder und Bekannte!

Was ist deine größte Erfahrung, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Ich habe unglaublich viel gelernt in diesem Jahr, eine Menge für mich selber und über mich selber. Ich wurde in diesem Jahr komplett ins kalte Wasser geschmissen, in ein Land mit einer fremden Kultur und einer Sprache, die ich anfangs gar nicht konnte und auch jetzt immer noch nicht perfekt beherrsche. Ich habe nochmal ganz anders gelernt, was es bedeutet, Geduld zu haben, offen zu sein, verständnisvoll und verantwortungsbewusst zu sein. Ich bin definitiv nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen, sehe viele Dinge vielleicht aus einer anderen Sicht als Leute, die diese Erfahrung nicht nachvollziehen können.

Würdest du solch ein Jahr empfehlen und warum?
Ich würde dieses Jahr sofort nochmal genauso machen und empfehle jedem, so eine Erfahrung für sich selber zu machen. Wir haben die Möglichkeit, und wenn man fertig ist mit der Schule, ist man so jung, da ist es gut, ein Jahr etwas anderes zu lernen, was man nicht in der Schule erlernen kann. Natürlich ist es nicht der richtige Weg für jeden, aber aus meinen eigenen Erfahrungen würde ich behaupten, dass es jedem gut tut.


Janine Friedrich, ein Jahr in Australien

Was war deine Motivation, ein Auslandsjahr zu machen?
Ich wollte schon immer die Welt sehen und neue Länder bereisen, das war eigentlich der Hauptgrund. Ich wollte einfach raus aus Deutschland, eine andere Kultur kennenlernen, woanders leben, komplett auf mich allein gestellt sein, mich selbst finden, neue Leute kennenlernen und all das. Und was ich nicht wollte, war, mich direkt nach dem Abitur in eine Uni zu setzen und zu studieren und dann womöglich direkt noch in das Berufsleben einzusteigen, jedenfalls zu dem Zeitpunkt noch nicht – das wäre nicht ich gewesen.

Wo hast du das Auslandsjahr verbracht?
In Australien.

Was haben deine Eltern von der Idee gehalten?
Ich hab das mit dem Auslandsjahr für mich allein beschlossen und dann sozusagen alle vor vollendete Tatsachen gestellt: Ich geh für ein Jahr nach Australien, ich buch morgen die Flüge für Juli. Viel entgegenbringen konnte mir also keiner. Sie waren natürlich im ersten Moment ein wenig geschockt, aber dann fanden sie es super, denn ich bin jung und soll was von der Welt sehen und hab jetzt nun mal die Möglichkeit dazu. Sie haben mich auch sehr unterstützt, ohne sie wäre es wohl nicht möglich gewesen.

Was ist deine größte Erfahrung, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Ich würde das Jahr als Ganzes als größte Erfahrung sehen, denn man hat so viel erlebt und gelernt, das könnte ich jetzt nicht unbedingt an einem Erlebnis festmachen. Wahrscheinlich war die Farmarbeit bzw. das Fruitpicken, die Zeit, die einen mit am meisten geprägt hat, da man das erste Mal richtig hart arbeiten musste, um Geld zu verdienen.

Würdest du solch ein Jahr empfehlen und warum?
Auf jeden Fall. Ich kann es nur jedem ans Herz legen, ins Ausland zu gehen, wohin auch immer – vollkommen egal. Vor allem geht es darum, auf sich allein gestellt zu sein in einem fremden Land, dort klarzukommen und zu leben, das ist nicht zu vergleichen mit Urlaub, selbst wenn der drei oder vier Wochen dauert. Man lernt viel über sich selbst und findet heraus, was man im Leben will und was nicht. Man macht so viele Erfahrungen und nimmt aus allen viel mit. Ein Chef eines großen Unternehmens meinte mal zu mir: Dein Lebenslauf und deine Noten können noch so gut sein, aber wenn du keine Lebenserfahrung hast, sei es durch ein Auslandsjahr oder Ähnliches, dann werde ich jemanden vorziehen, der vielleicht schlechtere Noten hat, aber der schon gereist ist und andere Kulturen kennengelernt hat. Das macht so viel aus im späteren Leben und im Berufsleben, die Noten sind völlig egal.


Jacqueline Dammers, Auslandssemester im Libanon

Was war deine Motivation, ein Auslandsjahr zu machen?
Im Vordergrund stand meine Leidenschaft für Sprache, natürlich auch bedingt durch mein Studium (Anwendungsorientierte Interkulturelle Sprachwissenschaft). Ich wollte einmal in einem Land leben, in dem die Sprachen gesprochen werden, die ich an der Universität studiere. Außerdem habe ich das Leben im Ausland vermisst – ich lerne gern andere Kulturen und Menschen kennen, und am besten geht das, wenn man mit den Menschen lebt.

Wo hast du das Auslandsjahr verbracht?
Ich habe mein Auslandssemester in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, verbracht.

Was haben deine Eltern von der Idee gehalten?
Ein Auslandssemester haben meine Eltern immer befürwortet. Nur von meiner Wahl waren sie zunächst nicht begeistert. Erst als ich bereits ein paar Wochen dort war und sie durch meine Erzählungen wussten, dass es mir wirklich gut ging und ihre Bedenken viel mehr Vorurteile als Realität waren, konnten auch sie wieder ruhig schlafen.

Was ist deine größte Erfahrung, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Das lässt sich schlecht in einem bestimmten Erlebnis zusammenfassen. Die größte und beste Erfahrung insgesamt war für mich wohl die Gastfreundschaft und Warmherzigkeit der Libanesen. In keinem anderen Land wurde ich je so offen und liebevoll aufgenommen.

Würdest du solch ein Jahr empfehlen und warum?
Ich würde jedem ein Auslandssemester/-jahr empfehlen. Denn auch wer es sich zunächst nicht zutraut, wird über sich hinauswachsen und etwas Gutes aus dieser Zeit mitnehmen. Man lernt, bestimmte Dinge mehr zu schätzen – sei es in der Heimat oder in der Fremde.


Deborah Peters, ein Jahr in Namibia

Was war deine Motivation, ein Auslandsjahr zu machen?
Meine Motivation war zum einen die Arbeit mit Kindern und der Gedanke, etwas verändern zu können, zum anderen wollte ich gerne ins Ausland, um in eine andere Kultur einzutauchen und Lebenserfahrung zu sammeln.

Wo hast du das Auslandsjahr verbracht?
Ich bin für ein Jahr in Windhoek, Namibia.

Was haben deine Eltern von der Idee gehalten?
Meine Eltern haben mich bei meinem Vorhaben voll und ganz unterstützt, weil sie bereits positive Erfahrungen gemacht haben, als meine Schwester ein Jahr in Santiago de Chile verbracht hat.

Was ist deine größte Erfahrung, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Das ist eine durchaus schwierige Frage. Ich glaube meine größte Erfahrung hier bisher war, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein, und dass man manchmal einfach den Moment leben und genießen sollte.

Würdest du solch ein Jahr empfehlen und warum?
Ich würde es jedem ans Herz legen so ein Jahr zu machen, weil man unglaublich viele Erfahrungen sammeln kann und viele nette Menschen kennenlernt.


Jakub Dudzikowski, ein Jahr in Nicaragua

Was waren deine Motivation, was waren deine Gründe, ein Auslandsjahr zu machen?
Zum einen wusste ich noch nicht genau, was ich studieren will. Durch das FSJ habe ich ein Zeit, darüber nachzudenken. Ich wollte auch praktisch arbeiten, bevor ich entscheide, was später mal mein Beruf sein könnte.
Außerdem wollte ich ein Land besser kennenlernen – nicht nur reisend, wie ich das schon oft im Urlaub gemacht habe, sondern indem ich dort lebe. Durch das FSJ sehe ich vielleicht nicht so viel, als wenn ich ein Jahr lang reisen würde, aber ich bekomme viel mehr vom Leben hier mit. Und ich wollte Menschen helfen, die nicht so viele Chancen haben, wie ich sie gehabt habe.

Wo hast du das Auslandsjahr verbracht?
Ich verbringe mein FSJ in Tipitapa, einer Vorstadt der Hauptstadt Managua mit rund 100.000 Einwohnern. Flache Häuser mit Wellblechdach, zwei Supermärkte, viele Marktstände und an jeder Ecke eine Pulperia, ein Kiosk. Die Stadt gilt als problematisch, es gibt vergleichsweise viel Kriminalität und schlechte Berufsaussichten.
Für 100.000 Leute betreiben wir (ich und eine andere deutsche Freiwillige zusammen mit lokalen FW) die einzige Bibliothek und ein Jugendzentrum.

Was haben deine Eltern von der Idee gehalten?
Meine Eltern haben mich nach anfänglichen Diskussionen (es ging vor allem um die Sicherheit in dem Land) unterstützt.

Was ist deine größte Erfahrung, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Nach einiger Zeit merkt man, dass die deutsche Art zu leben und die Prioritäten daheim nicht die einzig richtigen sind. Ich habe auch gelernt, dass ich mich hier mit Menschen genauso verstehe wie in Deutschland, obwohl die Kultur ganz unterschiedlich ist.

Würdest du solch ein Jahr empfehlen und warum?
Ja, ich würde ein FSJ weiterempfehlen. Auch wenn man sich bewusst sein muss, dass es nicht die ganze Zeit über schön und einfach ist, sondern oft Herausforderungen auf einen zukommen, die man von zu Hause nicht gewohnt ist. Aber genau dadurch lernt man hier schnell dazu und wird offener für Neues.
Gerade in einer globalisierten Welt ist es wichtig, respektvoll und offen gegenüber anderen Ländern eingestellt zu sein. Wenn man so lange im Ausland war und Freunde gefunden hat, werden diese Menschen für einen nicht mehr hinter Flüchtlings-, Arbeitslosen- oder Migrationsstatistiken verschwinden.