Für uns ist es heute kaum vorstellbar, dass es an den Aachener Ländergrenzen mal zu gewaltsamen Übergriffen und Aufgeboten von Zollbeamten kam. Kaffee, Schokolade oder Tee in Belgien einzukaufen ist für uns schließlich fast alltäglich. Die Ausstellung „Mokka Türc & Marihuana – Schmuggel an der Aachener Grenze“ im Centre Charlemagne erinnert an die Schmuggelereignisse im Aachener Grenzraum, der schon seit dem 19. Jahrhundert als „Loch im Westen“ gilt.

Not macht erfinderisch

Warentransport gilt dann als problematisch, wenn nicht nur für den Eigenbedarf eingekauft wird, sondern in großen Mengen, um die Waren gewinnbringend weiterzuverkaufen. Dies ist ein Verstoß gegen gesetzliche Bestimmungen, da dabei Steuern und Zölle verloren gehen. Schon in der Weimarer Republik schmuggelten die Menschen mit höchst erfinderischen Konstruktionen die Ware über die Grenzen. Es kamen doppelte Röcke bei den Frauen zum Einsatz, Speck wurde direkt auf den Bauch gebunden und mit Fahrradschläuchen katapultierten die Anwohner das Schmuggelgut über die Grenzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Schwarzmärkte und Hamsterfahrten zum alltäglichen Überlebenskampf der Menschen. Jeder schmuggelte, um zu überleben. Die Linie 12 der Aachener Straßenbahn war damals auch als „Bottertram“ bekannt, denn auf der Rückfahrt von Vaals nach Aachen hatten die Menschen gerne mal eine Menge Schmuggelgut bei sich – Kaffee, Zigaretten oder auch Butter.

Kaffee, Schokolade und Marihuana

Das begehrteste Schmuggelgut war nach dem Zweiten Weltkrieg der Kaffee. Der niedrige Preis in Belgien und die hohe deutsche Kaffeesteuer sorgten dafür, dass mit Kaffeeschmuggel zeitweise eine Milliarde DM pro Jahr verdient wurde. Auch der Schmuggel mit Tee, Schokolade und Spirituosen entwickelte sich rasch zu einem mächtigen, grenzüberschreitenden illegalen Handel.

Die Zollbeamten standen den Schmugglern zeitweise machtlos gegenüber, da ihre technische Ausstattung und ihre Ausbildung mangelhaft waren. Doch schon bald entwickelte sich das „Loch im Westen“ zum best- überwachten Grenzabschnitt Deutschlands. Auch Kinder und Jugendliche wurden als Schmuggler eingesetzt. Ob nun von den Eltern geschickt oder von eigener Neugier getrieben, die kleinen, flinken und noch dazu strafunmündigen sogenannten Rabbatzer rutschten so schon früh in illegale Geschäfte ab.
Ab den 1960er Jahren nahm auch der illegale Handel mit Luxusgütern, Heizöl und Drogen zu. Zudem wurden Plagiate geschmuggelt. Nicht nur gefälschte Sneakers, sondern tragischerweise auch mangelhafte Autoersatzteile und wirkungsloses Insulin.
Auch heute ist das Aachener Grenzgebiet ein Drehkreuz von Schmuggelwaren. Durch die Nähe zu den Niederlanden mit ihrer liberalen Drogenpolitik und den nahegelegenen Häfen von Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen ist Aachen ein Paradies für den illegalen Handel.

Von Zeitungsberichten über Knüppel bis hin zu Raudi

Die Ausstellung im Centre Charlemagne soll vor allem jungen Menschen, die mit großzügigen Reisefreiheiten groß geworden sind, den Alltag von Leuten näherbringen, die mit stationären Kontrollen leben mussten. Unter den etwa 150 Exponaten ist auch ein mit Stacheldraht umwickelter Knüppel zu finden, der von den Schmugglern als Abwehr gegen die Zollhunde eingesetzt wurde. Zu sehen sind außerdem Transportbehälter, Passagierscheine und Zeitungsberichte – auch der erfolgreiche Zollhund Raudi darf dabei nicht fehlen. Video-Interviews mit Zeitzeugen aus den 1940er bis 1960er Jahren ermöglichen zudem einen Eindruck der alltäglichen Grenzerfahrungen zwischen Selfkant, Südlimburg, Ostbelgien und Eifel.

Die Ausstellung „Mokka Türc & Marihuana – Schmuggel an der Aachener Grenze“ ist vom 05.12. bis zum 20.03. im „Centre Charlemagne – Neues Stadtmuseum Aachen“ zu sehen.
(24./25./31.12. geschlossen; 04.02.-08.02. (Karneval) geschlossen)
Weiter Termine, zum Beispiel ein paar spannende Vorträge, stehen im Kalender.
www.centre-charlemagne.de

Foto:
Kinder als Mitglieder einer Schmuggelkolonne in der Deckung des „Westwalls“. Das Foto entstand vermutlich im Rahmen der Dreharbeiten zum Film „Sündige Grenze“ 1951 (Foto: Zollmuseum Friedrichs / Matthias Forschelen)