Von einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Ausland wird viel erwartet: ein erweiterter Horizont, persönliche Entfaltung, Selbstfindung und Orientierung. Unser Autor Jakub Dudzikowski ist für ein Jahr in Nicaragua und findet: Entspannt euch.

Als ich vor vier Monaten für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Nicaragua gereist bin, habe ich beim Abschied oft gehört, ich würde als anderer Mensch zurückkommen. Das scheint zu einem Jahr im Ausland dazuzugehören. Wahrscheinlich wären alle sehr enttäuscht, würden sie mich nach meiner Rückkehr wiedererkennen.
Ich treffe hier auch allerhand Leute, die mit diesem Vorsatz verreisen. In den schmuddeligen Sofa-Ecken von Hostels tauscht man sich dann darüber aus, wie man vorhatte, sich selbst zu finden. Dem liegt anscheinend die Annahme zu Grunde, im Ausland sei mehr von einem selbst als zu Hause und man müsse nur die Augen offen halten. Man kommt meistens zu dem Schluss, dass daraus nichts geworden ist, weil man ja dauernd weitergereist ist und gefeiert hat und bei all dem ganz vergessen hat, nach seinem wahren Selbst zu suchen.
Ich wurde im Ausland bisher nicht jemand anders, ich werde nur anders wahrgenommen als in Europa. Die Maßstäbe sind anders, was Freundschaft, Männlichkeit, Weiblichkeit oder Aussehen betrifft. Weißsein ist hier das Schönheitsideal, und wenn man nicht bei einer spontanen Boxrunde auf der Straße mitmacht, ist man ein unmännlicher Waschlappen. Wenn man Dinge länger vorausplant als bis zum nächsten Morgen, kriegt man schon mal zu hören, man sei zu verspannt, und man sollte seine Freunde immer mal wieder einladen, sonst wird wahrscheinlich erzählt, man sei geizig. Ich bin also noch der Gleiche, ich werde bloß anders gesehen. Und wenn ich zurückkomme, wird davon nichts bleiben außer der Einsicht, dass europäische Werte nicht absolut sind, dass man Dinge anders sehen kann.
Außerdem war ich mir sicher, dass ich hier besser entscheiden könnte, was ich studieren soll. Ich dachte, wie so viele andere Freiwillige auch, ein bisschen Abstand von der Schule würde helfen. Aber auf Entfernung sieht man bekanntlich schlechter – dadurch, dass ich seit Monaten nichts mehr gerechnet, definiert und analysiert habe, fällt mir diese Entscheidung schwerer als in der Schulzeit.

Und doch lässt mich diese Erfahrung hier viele Dinge erkennen. Das Gefühl des Fremdseins, das sich langsam auflöst, bis ich mich plötzlich Zuhause fühle, bis sich mein zu Hause in Deutschland fremd anfühlt. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, wie unpersönlich Alltagsbegegnungen in Deutschland sind. Ich habe jetzt verstanden, dass die Kultur, die ich so gewohnt war, dass ich sie nie hinterfragt habe, nicht die einzig richtige ist. Jetzt wird eine fremde Kultur zum ersten Mal zu einer wirklichen Alternative, kein von Touristenfrührern als Schmankerl am Rande beschriebenes Phänomen (etwa: „Ach, die Griechen, die verschieben ja alles auf morgen, zu Ihrer Rechten sehen Sie jetzt …“).
Solange man allem offen gegenüber ist und sich auf das neue Land wirklich einlässt, wird man sicher über seine Heimat und seine Werte reflektieren.
In erster Linie geht es aber darum, das Land kennenzulernen – nebenbei erfährt man vielleicht etwas über sich selbst. Ganz ohne spirituellen Selbstfindungsdruck.