Erschreckend viele Jugendliche haben schon Erfahrungen mit Cybermobbing machen müssen. Ob man das Mobbing als Außenstehender mitbekommen hat, jemand aus dem Bekanntenkreis betroffen ist oder man selbst das Opfer ist, 38 Prozent aller Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren hatten laut der JIM-Studie (2014) schon einmal mit Cybermobbing zu tun.

Das ist eine erschreckend hohe Zahl, doch nicht nur das Mobbing an sich stellt das Problem dar, sondern auch, wie damit umgegangen wird: Viele der Betroffenen haben niemandem von ihren Problemen erzählt und jedes fünfte Opfer fühlt sich hilflos und verzweifelt.
Mobbing beschreibt das Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe, die absichtlich und über einen längeren Zeitraum einen anderen verletzen, belästigen oder ihn bloßstellen. Beim Cybermobbing erfolgt dies über soziale Netzwerke und Internetplattformen. Da sich mit der Zeit die Kommunikation unter Jugendlichen vom Klassenzimmer auf soziale Netzwerke wie WhatsApp und Facebook verlagert hat, haben sich auch Hänseleien und Beleidigungen, die früher auf dem Schulhof stattfanden, nun auf das Internet verschoben.

Für die Täter ist das ein leichtes Spiel, denn durch die Anonymität des Netzes und die große Aufmerksamkeit, die Hänseleien auf sozialen Plattformen auf sich ziehen, wird der Täter in seiner Handlung bestärkt. Wenn zwei oder drei Jugendliche einen verbalen Konflikt auf dem Schulhof haben, dann bleibt dieser Konflikt auch meist unter den Beteiligten, doch im Netz findet so ein Konflikt häufig großes Publikum, so dass viele Menschen das Mobbing verfolgen und darauf zugreifen können.
Jeder Einzelne von uns kann etwas tun, um Cybermobbing einzuschränken.
Aber was sind die Besonderheiten von Cybermobbing? Woran und wann kann ich erkennen, dass jemand von Cybermobbing betroffen ist? Und was kann ich dagegen tun?

Um diese Fragen zu beantworten, habe ich mich mit Georg Helmes, Informatiker und Datenschutzexperte, getroffen. Er besucht Schulen und gibt Workshops, bei denen er über Gefahren im Netz und Cybermobbing aufklärt.

a52 // Mobbing hat es immer schon gegeben. Aber was sind genau die Besonderheiten von Cybermobbing und ist durch Internet, Smartphone und soziale Netzwerke Mobbing häufiger geworden?
Georg Helmes // Ja, weil es anonym ist. Der entscheidende Punkt, warum Cybermobbing viel mehr passiert als das „klassische Mobbing“, ist, dass man sich beim klassischen Mobbing gegenübersteht: Man hat die Telefonnummer, kennt die Stimme und weiß, wer der andere ist. Beim Cybermobbing kennt man im Zweifelsfall den Nickname, aber man kann sich als Täter jederzeit verstecken. Zumindest so lange, bis die Polizei eingreift.
Also das eine ist, dass das Mobbing anonym ist, und das andere, dass es sehr schwer ist, die Daten wieder aus dem Netz herauszuholen. Und das ist genau das, was das Cybermobbing so heftig macht.

Wie kommt es zu solchen Cybermobbing-Attacken?
Sie können ganz verschiedene Ursachen haben. Ganz oft: Die Freundin oder der Freund wurde ausgespannt und man handelt als Täter dann aus Eifersucht. Ein anderer Grund ist, wenn jemand sich rächen will, der in der Klasse keine Rolle spielt und nicht geachtet wird und der dann zeigen möchte, was es heißt, ihn oder sie links liegen zu lassen.
Dann gibt’s Jugendliche, die gerne im Mittelpunkt stehen und durch Mobbing Aufmerksamkeit erlangen und ihre Macht demonstrieren wollen.
Ein weiterer Grund ist, dass es den Tätern Spaß macht. Im Grunde ist es der Sadismus, den man anderswo bei physischen Qualen oder Folter findet. Das geht alles in dieselbe Richtung, denn ein einzelner Mensch hat die Macht, andere Menschen zu verletzen. Diese Macht produziert massenhaft Adrenalin, und das ist ganz oft der Ansatz zum Mobbing – nach dem Motto „Den mach ich fertig! Der kann sehen, wo er bleibt …“.  Es gibt dem Täter ein unglaubliches Gefühl, denn wenn er eigentlich ein Außenseiter ist, ist er das dann endlich einmal nicht mehr. So kommt es auch dazu, dass sich ganze Mobbing-Gruppen zusammenschließen, da immer mehr Leute an dieser Macht teilhaben wollen.

Woran kann ich als Außenstehender erkennen, wann sich kleine Konflikte oder Sticheleien zu Cybermobbing entwickeln?
Also das Hauptproblem dabei ist, dass die Gemobbten häufig nichts sagen, weil sie sich schämen oder weil sie Angst haben, dass das eskaliert. Man erkennt so ein Cybermobbing-Problem häufig daran, dass die Kinder still werden, sich zurückziehen und sich nicht mehr mit Freunden treffen.
Es sind meistens die Eltern, die beobachten, dass ihr Kind plötzlich immer zu Hause bleibt, obwohl es normalerweise viel unterwegs war. Das ist total verdächtig. In der Klasse bekommt man Mobbing meistens sowieso mit und dann müsste einer, der das mitbekommt, Initiative ergreifen.

Wie ergreift man als Außenstehender denn am besten Initiative?
Zum einen kann man Schulsozialarbeiter, also Sozialarbeiter, ansprechen, die extern von der Stadt bezahlt werden und genau dafür da sind, an Schulen solche Konflikte zu lösen. Durch beispielsweise Klassenkonferenzen und Anti-Teambildung, also das Bilden einer Gegengruppe, die die Täter zurückdrängen soll, können diese Schulsozialarbeiter helfen, dem Mobbing entgegenzuwirken.
Wenn es ein schulinterner Konflikt ist, dann ist auch ganz wichtig, dass die Lehrer informiert werden und tätig werden, indem die Problematik auf jeden Fall im Unterricht mit allen Betroffenen thematisiert wird.
Irgendwann muss man als Außenstehender einfach petzen, wenn man die Täter kennt, und das ist dann auch kein Petzen mehr, auch wenn viele Schüler das so sehen. Ab irgendeiner Heftigkeit muss es einfach einer schaffen, etwas zu sagen und endlich Initiative zu ergreifen.

Datenschutz und die Eigenverantwortung im Netz sind ein wichtiges Thema im Bezug zu Cybermobbing. Vor allem bei Angaben von persönlichen Daten, Bildern oder auch dem Praktizieren von Sexting, also das Verschicken von Nackt- oder erotischen Fotos. Worauf muss man dabei unbedingt achten?
Es muss eins klar sein: Alle Bilder, die auf irgendwelchen sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder WhatsApp gepostet werden, gehören derselben Firma. Alle Daten und Bilder, die dort irgendwann mal gepostet worden sind, werden nie gelöscht. Auch, wenn ihr sie löscht, sind die Daten immer greifbar. Zwar nicht für den normalen Nutzer, aber es gibt diverse Wege, an diese Daten zu gelangen. Für mich ist das Wichtige, das demjenigen klar ist, welche Folgen es haben kann, wenn er ein Bild ins Netz stellen will. Wenn einem diese Konsequenzen egal ist, dann kann man Bilder ins Netz stellen. Das ist eine ganz eigene Entscheidung.
Bei Facebook ist es wichtig, dass man alles nur für Freunde zugänglich macht. Man kann zum Beispiel googeln: „Zeig mir mein Profil aus der Sicht von …“ Das ist eine tolle Sache, denn man kann so herausfinden, was ein Fremder auf Facebook von dir sieht und so mal eine echte Außensicht erhalten.
Ein weiterer Punkt ist, dass man das Finden über das Profil ausschalten sollte, damit nicht jeder direkt auf das eigene Profil zugreifen kann.
Außerdem darf man kein Bild von jemand anderem posten, wenn es ein Bild außerhalb einer größeren Gruppe ist, ohne dass man eine schriftliche Einverständniserklärung hat. Man kann diese Strafbarkeit gut mit einem Bild erklären: Wer ein Bild von sich weitergibt oder postet, gibt einen Teil von sich weg, über den andere verfügen können, ohne dass man es selber kontrollieren oder Einfluss darauf ausüben kann.

Haben Sie ein paar Verhaltenstipps zum einen für jemanden, der selbst von Cybermobbing betroffen ist, und zum anderen für einen Außenstehenden, der etwas gegen diese Problematik unternehmen möchte?
Wenn man von Cybermobbing betroffen ist, hat man keine Chance, das Problem alleine zu lösen. Man ist den Tätern einfach ausgeliefert und muss sich also Hilfe holen. Das können Eltern sein, große Geschwister oder auch Internetseiten, bei denen man anrufen kann. Auf diesen Internetseiten findet man Adressen, die einem erst einmal helfen, wieder auf die Beine zu kommen, und einem auch konkret sagen, wie man sich am besten verhält und was man unternehmen kann.

Hilfe könnt ihr finden unter:
www.nummergegenkummer.de
www.juuuport.de