Wer im belgischen Kelmis spazieren geht, dem fällt eines der Häuser sofort auf: groß, rosa gestrichen und mit einem geräumigen Garten, in dem viele große, alte Bäume stehen. Es erinnert an eines der schönen Herrenhäuser aus alten Geschichten. Die ehemalige Villa eines Tuchfabrikanten beinhaltet jetzt das Göhltalmuseum, das die Geschichte von Neutral-Moresnet erzählt. Die Exponate sind zum Teil über 200 Jahre alt, und die Ausstellung sieht noch so aus wie vor 30 Jahren. Sylvie Fabeck, eine sympathische Dame mit französischem Akzent, führt durch die Ausstellung:

„Napoleon wollte immer mehr Land haben und eroberte auch dieses Gebiet hier. Nachdem er in Russland geschlagen wurde, mussten überall die Grenzen neu gesetzt werden. So gerieten Preußen und die Niederlande in einen Streit um dieses kleine Land hier, das eine Zinkmine beherbergte. Zink war zu dieser Zeit sehr wichtig – es rostet nicht, es lässt sich einfach verarbeiten und es ist Grundstoff vieler Medikamente.“

Die beiden Mächte einigten sich folgendermaßen: Dieses Gebiet sollte vorerst beiden Ländern gehören. Wer zuerst hier einmarschierte, sollte es an das andere Land verlieren. Und so entstand im Jahr 1816 Neutral-Moresnet. Als sich 1830 der Staat Belgien gründete, gaben die Niederlande ihre Rechte an Belgien ab. Am Anfang fasste das Dorf ca. 50 Häuser. Es reichten zwei Kommissare – ein belgischer und ein preußischer –, die die Meinungen der eigenen Länder vertraten. Allerdings galten für dieses kleine Land noch die Gesetze des alten französischen Reiches, welche keine Alkoholsteuer vorsahen. So verloren viele Menschen schnell die Lust am Zinkabbau und gründeten eigene Brauereien. Um Arbeiter anzuwerben, musste die Vieille Montagne – die Gesellschaft, die die Zinkarbeiter beschäftigte – ihre Herangehensweise von Grund auf ändern und stellte neue Regeln auf:
1) Jeder arbeitet 12 Stunden am Tag, 6 Tage in der Woche (damals war das sehr wenig)
2) Kinder unter 14 Jahren und verheiratete Frauen arbeiten nicht.
3) Es wird eine Schule gebaut für die Töchter und Söhne der Arbeiter.
4) Ein Arzt soll für das körperliche und seelische Wohlbefinden der Arbeiter und ihrer Familien sorgen.
5) Bei jeder Auszahlung wird von der Vieille Montagne etwas einbehalten als Vorsorge für die Tage, an denen jemand arbeitsunfähig ist.
6) Fleisch und Land sind für alle Arbeiter günstig von der Vieille Montagne zu kaufen.
7) Es werden Sport-, Musik- und andere Vereine gegründet.
Und tatsächlich, sie hatten Erfolg: Während normalerweise Arbeiter nach etwa drei Jahren zu einer anderen Grube wechselten, blieben bei der Vieille Montagne Arbeiter bis zu 17 Jahre beschäftigt.

Neutral-Moresnet als Symbol für das „schöne Leben“

Neutral-Moresnet war nun ein Symbol für das „schöne Leben“. Die Menschen waren gesund, wohlernährt und gut angezogen – kurzum, sie waren glücklich. Dieser hohe Lebensstandard zog viele Leute an, und so wuchs Neutral-Moresnet bis 1880 auf über 4.000 Einwohner an. Es entstand die Idee, aus Neutral-Moresnet einen Esperanto-Staat zu machen, also einen eigenen Staat mit Esperanto als Amtssprache. Diese Idee hatte schnell viele Anhänger, und so wurde eine eigene Hymne komponiert und ein Name ausgedacht: „Amikejo“ – Ort der Freundschaft. Diese Idee wurde aber nie umgesetzt, da weder Preußen noch Belgien das Land abgeben wollte.

Heute ist Neutral-Moresnet belgisch. Das kommt daher, dass 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, Preußen seine Vorsätze brach und in das Gebiet einmarschierte. Seitdem wussten die Bewohner, dass ihr Land nach dem Krieg zu Belgien gehören würde.

Das Göhltalmuseum zeigt aber nicht nur die Geschichte des Ortes Neutral-Moresnet, es bietet auch einen Einblick in das Leben der Menschen und die Arbeit in der Grube. Besucher werden mit einem Lächeln das Museum verlassen, nicht zuletzt aufgrund von Madame Fabeck, die alles so menschlich und echt erzählt und sie mit ihrem Charme verzaubert. In etwa einem Jahr wird das Museum umziehen, in die unmittelbare Nähe der alten Grube, und Madame Fabeck erhofft sich, dass es dort noch viel schöner wird als jetzt. Das Museum ist aber schon jetzt zu empfehlen, nicht nur Geschichtsinteressierten, sondern allen, die einen Nachmittag frei haben und die Zeit nicht zu Hause verbringen wollen.

Göhltalmuseum
Maxstraße 9
B-4721 Neu-Moresnet
Belgien
+32 87 657504
Öffnungszeiten:
Di 8:00-12:00 Uhr, Mi 8:00-12:00 Uhr und 14:00-16:30 Uhr, Sa/So 14:00-18:00 Uhr; auf Anfrage auch andere Öffnungszeiten möglich

Kosten:
Erwachsene 2 Euro,
Kinder, Rentner, Studenten
und Gruppen 1,50 Euro,
Familien 5 Euro

Foto: Zollmuseum Friedrichs