Peter Grunwald und Jakub Dudzikowski waren für uns in Berlin. Spontan eröffnete sich die Gelegenheit den Street Art Künstler Señor Schnu zu treffen.

Es ist kurz nach zehn, als wir eine Nachricht bekommen: „Ihr könnt ihn treffen – jetzt.“ Wir holen unsere Ausrüstung und machen uns auf den Weg. Treffpunkt ist das RAW-Gelände an der Revaler Straße. Wer den Ort googelt, liest Schlagzeilen wie: „Fund einer Leiche auf der Revaler Straße. Die Anwohner überrascht der Vorfall kaum.“
Wir googeln nicht und kommen sorglos an, als es dunkel wird. Schließlich treffen wir Schnu – hinter diesem Künstlernamen verbirgt sich ein Aachener Street-Art-Künstler, der vor kurzem nach Berlin gezogen ist. Er bringt uns auf das RAW-Gelände, einen Platz mit einigen leerstehenden Hallen der Bahn. Hier finden Partys statt, es gibt ein inoffizielles Schwimmbad und eine Kneipe. Vor allem aber ist es Berlins Zentrum für Street Art. Und das sieht man auf den ersten Blick, es gibt keinen Fleck, der nicht besprüht, beklebt oder oder irgendwie anders gestaltet wäre.
Vor dem Eingang zu der Halle, in der Schnu sein Atelier hat, findet eine Art privater Party statt. Leute liegen in großen Hängematten, während gegenüber ein Polizeibus steht. Das ganze fasziniert uns auf eine Art und macht uns doch irgendwie Angst.

Schnu hütet sein Atelier wie einen heiligen Gral, und alle ziehen beim Betreten die Schuhe aus. In dem kleinen Raum hängen kleine und größere Plakate an Wäscheleinen und an den Wänden. Wer durch Berlin gefahren ist, erkennt die Motive wieder: Immer ist ein angebissenes Eis am Stiel dabei, Schnus Markenzeichen.
Die Plakate, die hier an der Wand hängen, werden schon bald Berliner Hauswände zieren. Denn mittlerweile sprayt Schnu nicht mehr. Seit er eine hohe Strafe zahlen musste, klebt er die Motive lieber auf die Wände. Dafür fallen die Strafen deutlich geringer aus, erklärt er uns. Er achtet aber dennoch darauf, wo er seine Motive anbringt: „Auf eine Wand, auf der sonst kein Graffiti ist, würde ich auch nichts aufkleben. Aber auf einer vollgesprühten Wand stört das keinen.“
Außerdem muss er aufpassen, um den Rivalitäten unter Street-Art-Künstlern aus dem Weg zu gehen. „Einmal habe ich ein großes Motiv geklebt und dabei mit einer Ecke das Graffiti von jemand andrem überklebt. Am nächsten Tag war mein Motiv komplett abgerissen.“

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Er zeigt uns noch mehr von seiner Arbeit: Skateboard-Designs, T-Shirts und eine Werbeaktion für Jack Daniel’s. „Das war eine große Sache“, erinnert er sich. Damals hat er eine ganze Hauswand in Köln beklebt, aber nicht wie sonst mit Papier, sondern mit Moos. Sein Graffiti ist später also auf der Wand gewachsen.
Geld verdienen kann man als Street-Art-Künstler nur, wenn man Sponsoren hat oder Bilder verkauft. In beiden Fällen muss man bekannt sein. Und das erreicht man am besten auf der Straße. Nur dass es in Berlin nicht so einfach ist aufzufallen. Aber einer von vielen in Berlin zu sein, gefällt Schnu trotzdem besser, als einer der wenigen in Aachen zu sein. „Allein auf dieser Straße ist dreimal mehr Street Art zu Hause als in ganz Aachen“, erzählt er uns fasziniert. Es ist nicht ganz einfach, von Street Art zu leben. „In einem Monat hat man dann einen großen Auftrag und dann wieder drei Monate nichts.“ Deshalb arbeitet er jetzt tagsüber in einem Café.

schnu_stileis_artikelEin lächelndes Eis am Stiel – was ist denn da die Botschaft? Er wolle Menschen glücklich machen, sagt Schnu, und sie daran erinnern, positiv zu denken. In der Street-Art-Szene heißt das Happy Style, der Künstler Pez aus Barcelona hat ihn vor zwei Jahrzehnten begründet.
Schnu gibt uns noch einige seiner Arbeiten mit, die wir verlosen können, und zeigt uns die verschiedenen Techniken, mit denen er arbeitet. Mal zeichnet er ganz klassisch auf Papier und bearbeitet die Zeichnungen später am Computer, um sie drucken zu können. Mal schneidet er Aufkleber aus und bemalt sie einzeln von Hand.

Später ziehen wir noch zusammen durch das Viertel. „Ach, das Eis, das hab ich schon mal irgendwo gesehen“, meint eine Kellnerin. Viele Leute kennen hier die Pseudonyme der Street-Art-Künstler, und die Kunst ist im ganzen Viertel allgegenwärtig. Man identifiziert sich mit den Künstlern des Viertels und ist stolz darauf, hier zu wohnen. Auch große Plattenfirmen wie Universal und Sony haben sich gerade hier niedergelassen. „Die wollen halt auch näher an der Szene sein“, sagt uns die Kellnerin.
Aber warum ist die Szene gerade hier entstanden? Viele andere große Städte, wie z. B. München, sind ja nicht gerade für eine große Street-Art-Szene berühmt. „Man will ja auch nicht in einer sauberen, spießigen Stadt sprühen“, sagt Schnu. Es ist also gerade das Dreckige an Berlin, das Schäbige der ärmeren Viertel, das die Künstler anzieht. Fast, als würde das Schöne nur im Dreck gedeihen. Und mit diesem geistreichen Gedanken setzen wir uns im Morgengrauen ins Taxi.

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