Erst am Flughafen wurde mir wirklich klar, was ich eigentlich vorhatte: drei Monate in ein anderes Land fliegen, dort wohnen, zur Schule gehen und Französisch reden! Meine Austauschschülerin und ihre Familie kannte ich nur über Skype und E-Mails, und als ich mit meiner Gastfamilie im Auto saß, hätte ich am liebsten gar nichts gesagt, weil mein Vertrauen in mein Französisch plötzlich nicht mehr existierte.
Ein langer Austausch war mir eigentlich nie in den Kopf gekommen, die eine Woche in der achten Klasse in Frankreich war zwar schön, aber eben auch genug. Dass ich im September 2014 mit 14 Jahre dann doch im Flugzeug saß, um für drei Monate nach Frankreich zu fliegen, lag vor allem an einer Freundin, die unbedingt noch einmal nach Frankreich wollte. So schauten wir Ende der achten Klasse auf der Seite des Brigitte-Sauzay-Programms nach und fanden dort die Suchanzeige zweier Mädchen aus Lyon. Die grobe Planung des Austauschs war dann eine spontane Sache von zwanzig Minuten, in denen ich nicht einmal Zeit gehabt hatte, meine Eltern um Erlaubnis zu fragen. Dann mussten wir nur noch einen passenden Termin finden und Formulare hin- und herschicken.

Die Schule dauert länger

Lyon kannte ich ja schon von dem Schulaustausch und meine Mutter war am ersten Tag noch dabei und meine Gastfamilie war auch sehr nett, deshalb traute ich mich im Laufe des Abends dann doch irgendwann zu reden.
Weil wir an einem Sonntag angekommen waren, musste ich direkt am nächsten Morgen mit in die Schule. Lola, meine Austauschpartnerin, war eine Klasse über mir, also ging ich auf das Lycée, was bei uns der Oberstufe entspricht. Das führte natürlich dazu, dass ich nicht nur dem französischen Unterricht folgen musste, sondern mir hin und wieder auch Grundlagen fehlten. Die Schule in Frankreich dauert nicht nur länger, sondern ist auch anstrengender als die in Deutschland. Trotzdem gab es auch viel, was mir ziemlich bekannt vorkam: Lehrer, die man mehr mochte, Lehrer, bei denen die Klasse nicht ruhig war, viel zu kurze Pausen und Schüler, die unter dem Tisch auf den Handys spielten. Obwohl ich mich bis zum Ende nicht daran gewöhnte, an manchen Tagen fast bis sechs Uhr abends Schule zu haben und ich mir die Pausenzeiten genauso wenig merken konnte wie die Raumnummerierungen, war es in der Schule meistens doch ganz in Ordnung. Irgendwann konnte ich in den Pausen auch mit anderen als Lola reden, und nach fünf oder sechs Wochen hatte ich nicht einmal mehr ein Problem damit, mich an einem Gespräch zu beteiligen. Was natürlich weniger gut lief, waren die Klassenarbeiten, die meisten gab ich nicht einmal ab, und wenn doch, dann hatte ich meistens weniger als 10 Punkte (in Frankreich ist 20 die beste Punktzahl). Am lustigsten war der Deutschunterricht, vor allem, weil die Deutschlehrerin ein ziemlich komisches Deutsch sprach und auch Fehler machte. Es war ziemlich interessant mitzubekommen, wie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird.
Neben der Schule lernte ich natürlich auch Frankreich selber kennen. Fast jedes zweite Wochenende fuhren wir in eine andere Stadt oder zu Verwandten meiner Austauschschülerin, so dass ich am Ende meines Aufenthalts einige französische Großstädte kennengelernt hatte. Obwohl ich Bordeaux und Paris mochte, gefiel mir Lyon am besten, weil ich mich ziemlich schnell ziemlich gut zurechtfinden konnte. Gleich im ersten Monat in Lyon verliefen die Freundin, mit der ich dort war, und ich uns hoffnungslos, als wir versuchten, bis zum Parc de la Tête d’Or (dem größten Park der Stadt) und wieder zurück zu kommen. Das hatte auch sein Gutes, denn nachdem wir wieder zurück in unseren Gastfamilien waren, kannten wir uns in Frankreichs drittgrößter Stadt um einiges besser aus.

„Der Ehemann der Kuh“ – kleine Sprachprobleme

Außer bei Treffen mit anderen Deutschen schaffte ich es tatsächlich, fast die ganze Zeit Französisch zu sprechen. Während ich am Anfang noch lieber gar nichts sagte als das falsche Wort, lernte ich bald Wörter, zu umschreiben oder einfach zu erraten. Und ziemlich schnell war es mir auch nicht mehr peinlich zu fragen, was irgendein Wort jetzt bedeutete. Gerade dabei kamen oft lustige Sachen heraus, zum Beispiel wurde der Stier zum Ehemann der Kuh.

Damit, im Herbst und Winter zu fahren, hatten wir eine gute Wahl getroffen, denn so waren wir zur Fête des Lumières dort. Die Fête des Lumières ist ein Großevent im Dezember, bei dem in der ganzen Stadt Lichtspiele auf wichtige Gebäude projiziert werden. Es dauert mehrere Tage und ich lernte Lyon noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen.
Fast direkt nach der Fête stand auch schon wieder der Rückflug an, und obwohl ich wirklich gerne wieder nach Hause zu meinen Freunden und meiner Familie wollte, wollte ich Lyon, meine Gastfamilie und sogar die Schule gar nicht verlassen, immerhin konnte ich jetzt endlich fast flüssig Französisch reden, verstand fast alles und hatte nicht einmal mehr Probleme mit französischem Radio, was wirklich schwer zu verstehen ist.
Auf dem Weg zum Flughafen, mitten im Feierabendstau, fiel mir dann auch noch auf, dass mein Pass nicht da war und ich den wohl in der Wohnung liegen lassen hatte. Zum Glück bekam ich ihn vor dem Flug noch gebracht, und etwas mehr als eine Stunde später waren meine Freundin und ich wieder in Deutschland.

Unsere beiden Austauschschülerinnen kamen von Januar bis April 2015 nach Deutschland, und obwohl das nicht ganz so spannend war wie die Zeit in Frankreich, machte es doch Spaß, eine Person mehr zu Hause zu haben, mit der ich mich sehr gut verstand. Als Lola Ende der Osterferien wieder zurück nach Lyon flog, hatten wir fast durchgehend sechs Monate zusammen gewohnt, obwohl wir uns kein Jahr kannten. Gerade weil wir uns sehr gut verstanden – und es auch immer noch tun –, kann ich heute sagen, dass das Beste am Austausch war, dass ich eine sehr gute Freundin gefunden habe und mit allen Leuten, die ich in Frankreich kennengelernt habe, eine sehr gute Zeit hatte. Und als ich wieder da war und das erste Mal Französisch redete, drehte sich die ganze Klasse um – auch wenn die Wirkung nicht lange anhielt und ich heute wieder einen deutschen Akzent habe.

Infos zum Austauschprogramm
Das Brigitte-Sauzay-Programm wird vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) gefördert und unterstützt Schüler von der achten bis zur elften Klasse, die einen Schüleraustausch nach Frankreich machen wollen. Dabei müssen die Schüler nur die Reise bezahlen und die Familie muss bereit sein, eine/n Austauschschüler/in bei sich aufzunehmen.
Informationen über den Austausch und Anträge für Zuschüsse vom DFJW findet man auf der Seite des Programms. Unter „Kleinanzeigen“ kann man hier auch nach Austauschschülern suchen.
www.dfjw.org/brigitte-sauzay-programm