Ein Reisebericht von Lara Wyen

Jedes Jahr machen Schülerinnen und Schülern aus der 11. Stufe der Maria-Montessori-Gesamtschule aus Aachen eine Fahrt nach Auschwitz, um sich das Ausmaß der unmenschlichen Lebensbedingungen und der Vernichtung der Juden genauer anzuschauen. Dieses Jahr habe ich mich dazu entschlossen, mitzufahren, um mir die Gedenkstätte und das grauenhafte Geschehen von damals näher vor Augen zu führen.

Nach einer sehr langen Busfahrt haben wir unsere Reise entspannt angehen lassen und sind nach unserer Ankunft erstmal nach Krakau – vermutlich Polens schönster Stadt – gefahren. Doch schon an unserem zweiten Tag in Polen wurde es ernst und wir haben das Stammlager von Auschwitz besucht. Von außen sah es eher wie eine riesige Touristenattraktion oder wie Disneyland aus mit den ganzen Kiosken und der Aufmachung, als sei es „nur“ ein Museum. Dabei ist es viel mehr! Auf dem Gelände selbst änderte sich dieser Eindruck sofort.

Als das Eingangstor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ kam, mussten alle stocken. Ab hier wurde es also jetzt ernst. Hier wurden Millionen von Juden zu ihrem Tode geführt. Wir konnten hier einfach reingehen und würden hinterher wieder lebendig herauskommen.
So war es damals nicht. Einige Schritte hinter dem Tor kamen die Baracken zum Vorschein. In zwei Reihen aneinandergereiht sehen die Wohnblocks eher wie eine Wohnsiedlung oder eine kleine Stadt aus. Doch das waren sie nicht. Die Stacheldrahtzäune und die Warnschilder mit der Aufschrift „Halt Stop!“ und „Vorsicht-Hochspannung-Lebensgefahr“ jagten einem einen Schrecken ein. Während der vier Stunden langen Führung durch das Konzentrationslager hatte ich die ganze Zeit ein komisches Gefühl. Auf diesem Boden sind die zum Tode Verurteilten also auch gegangen. In dieser friedlichen Gegend hat sich so ein grausames Verbrechen abgespielt. Unbegreiflich. Das war das Wort, das mir die ganze Zeit durch den Kopf schwirrte. Ich konnte es nicht begreifen, aber dennoch war ich hier. Hier an einem Ort des Verbrechens. Die Führung vermittelte sehr viel Input und war voller Infos, die den anderen und mir vorher noch nicht bekannt waren. Das Brot zum Beispiel, das einzige richtige Nahrungsmittel am Tag, beinhaltete nicht nur Weizenmehl, sondern auch Sägespäne und Schrott. Unmenschlich, so etwas jemandem aufzutischen, der noch nicht einmal wusste oder begriff, was mit ihm geschah! Als wir schließlich vor dem riesigen Haarberg standen, wurde es auch mir zu viel – und dabei war das noch langenicht das Schlimmste. Wie konnte man so etwas tun? Unschuldige Menschen alle gleich aussehen zu lassen, ohne Haare und mit ihren dreckigen Kleidern. Die Haare waren nicht das Einzige, das wir zu sehen bekamen. Ein Haufen an Brillen, Schuhen, Geschirr und die Bilderwand mit den ganzen Gefangenen kamen auch noch dazu. An den Wänden überall Bilder von abgemagerten Kindern, Erwachsenen und heimlich aufgenommenen Bildern. Ein heimlich aufgenommenes Bild zum Beispiel zeigt, wie ganz viele Menschen auf einem Haufen liegen und verbrannt werden. Schrecken und Schauer liefen uns bei diesem Anblick den Rücken hinunter. Nach diesem Tag mussten wir erst einmal alles verarbeiten.

Als wir am nächsten Tag im Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau ankamen, war es gleich noch viel beeindruckender als am Tag zuvor. Es sah alles so verlassen aus, so echt. Nicht wie ein Museum oder wie eine „Touristenattraktion“, wie es am Tag zuvor der erste Eindruck war. Die lange Schienenstrecke, die sich von draußen bis drinnen über das riesige Gelände hinstreckte, über das mein Auge nicht reichte, waren Schock genug. Wir gingen die Zugschienen entlang, auf denen Millionen von Juden zu ihrem Todesort gefahren wurden, und wir standen an dem Punkt, an dem ein SS-Mann über das Leben vieler Menschen entschied. Die sofort nach ihrer Ankunft „aussortierten“ Menschen, was meistens Alte, Kranke, Behinderte, Frauen, Babys und Kinder waren, die nicht zum Arbeiten gebraucht werden konnten, wurden sofort und auf direktem Wege in die Gaskammer gebracht. Doch vorher sollten noch alle ihre Koffer beschriften im Glauben, sie würden ihnen zugesendet werden. Wobei sie in Wahrheit nur ausgeplündert wurden. In mir breiteten sich Schmerzen aus, als ich die Kinderbetten sah, die nur aus unebenem Holz und schief gelegenen kalten Steinen bestanden. Als wir an den zerbombten Krematorien standen, wovon nur noch zusammengestürzte Steinbrocken zu sehen waren, brauchten wir eine Gedenkpause, was aber sicherlich nicht daran lag, dass hier Gedenktafeln aufgebaut waren. Hier mussten die Menschen sich völlig entkleiden und wurden nach ihrer Entblößung kaltblütig ermordet. Nach endlosen Schritten zwischen kaputten und noch bestehenden Baracken kamen wir in einem Wald an. Es war so friedlich, so schön – einfach nur die Natur. Als dann noch die weiten Wiesen mit Blumen kamen, hat man sich so frei gefühlt, so endlos. Aber dennoch waren wir immer noch eingezäunt hinter diesen Stacheldrähten, an denen viele damals ihr Leben verloren haben. Etwas weiter kam ein Haus, wo die Juden sich reinigen sollten und wo ihre Kleidung gesäubert wurde.

Am Ende bekamen wir eine Bilderwand zu sehen. Von glücklichen Menschen. Es waren Bilder, von Menschen, die diese Zeit überlebt haben. Es war wieder eine anstrengende, aber dennoch sehr interessante Führung, bei der man mehr gelernt hat als bei einer kompletten Unterrichtsreihe über dieses Thema.

Für mich persönlich finde ich es sehr wichtig, einmal dort gewesen zu sein und mir das grausame Geschehen von damals vor Augen geführt zu haben. Es ist unbegreiflich und wird vermutlich auch immer so bleiben. Dennoch kann ich es mir jetzt besser vorstellen und werde auch genauer in diese Richtung hinschauen und mich mehr damit auseinandersetzen. Ich kann jedem, der sich ebenfalls für dieses Thema interessiert, sehr empfehlen, einmal nach Auschwitz zu fahren. Man sollte sich dessen, was man dort zu sehen bekommt, aber bewusst sein und nicht meinen, dort einen „Urlaub“ zu verbringen.