Biran floh mit gerade einmal 14 Jahren aus seinem Heimatland Gambia. Er lebte zunächst mit anderen Flüchtlingen in einem Waldlager vor Nador, eine Küstenstadt im Norden Marokkos. Mitten in der Nacht mussten sie den gefährlichen Wald durchqueren, um zu einem Zaun zu gelangen. Dieser trennte Marokko von der spanischen Exklave Melilla, dort gab es ein Flüchtlingslager. Doch nicht einmal alle aus der Gruppe schafften den Weg zu dem ersten Zaun. Etwa 100 Meter vor vor dem Ziel trennte sich die Gruppe. Ab hier musste jeder für sich alleine kämpfen. Biran schaffte es, die insgesamt drei Zäune zu überwinden, riss sich aber die Hände am Stacheldraht auf. Auf der anderen Seite warteten schon die spanischen Grenzpolizisten der Guardia Civil, um mit Gummigeschossen auf die Flüchtlinge zu schießen. Alle, die von der Grenzpolizei geschnappt werden konnten, wurden der marokkanischen Polizei übergeben und von ihr verprügelt. Biran hat es geschafft, ganz alleine. Mitten in der Nacht rannte er den ganzen Weg ins Lager. Wer einmal dort ist, hat es geschafft. Man wird als Flüchtling registriert und darf erstmal bleiben.

Jetzt ist er in Deutschland, hier in Aachen. Er möchte seinen Schulabschluss machen, aber ob er diesen schafft ist nicht seine größte Sorge.

„Zu Hause ist es am Schönsten“

Diese Geschichte ist eine von vielen Tausenden. Menschen fliehen vor dem Leid und dem Elend in ihren Heimatländern. Und nicht wenige dieser Flüchtlinge sind minderjährig und alleine. „Ferne Söhne“ von Andres Rump, ist ein Film, der in jeglicher Weise bewegt. Sechs Jungen erzählen ihre persönliche Geschichte. Wie sie geflohen sind und warum sie fliehen mussten. Natürlich sind das keine schönen Geschichten, es ist bedrückend zuzuhören. Aber das macht sie nicht weniger hörenswert. Viel mehr erfüllen die Geschichten der Jungen, den Zuschauer mit Achtung vor dem, was die Jugendlichen in ihrem jungen Leben alles schon erreicht haben. Wie sie gekämpft haben, um zu überleben. Wie sie ihre Familien verlassen mussten und bis heute teilweise keinen Kontakt mehr zu ihnen haben. Sie vermissen ihre Heimat, ihre Familie und trotzdem sind sie hier bei uns. Weil es in ihrem Heimatland keine Chance mehr gab, überhaupt ein Leben zu führen.

„Kein Mensch verlässt gerne seine Heimat, es gibt doch nichts schöneres, als die Heimat“, hört man Boubaca sagen, während er nachdenklich auf der Fensterbank seines Wohnheimzimmers sitzt.

Zwischen zwei Welten

Der fast schon poetisch anmutende Titel des Dokumentarfilms von Andres Rump passt und passt gleichzeitig nicht zu einem Film, welcher sich mit der Lebenssituation von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen beschäftigt. Sie alle sind Söhne einer Familie und doch gehören sie jetzt nicht mehr dorthin. Einerseits erzählen sie über, die für uns unvorstellbaren Leiden in ihrer Heimat und die Erlebnisse ihrer Flucht, gleichzeitig reden alle aber auch über Hoffnung und die Zukunft.

Der Kontrast zwischen den Erzählungen über Vergangenheit und den neuen Alltag spiegelt sich besonders auf visueller Ebene wider. Die Kamera zeigt lange, ruhige Einstellungen in schwarz-weiß mit haargenau gewählten Bildausschnitten, die die Protagonisten in Szenen ihres Alltags zeigen: Mahruf trägt Zeitungen aus, Ambesa kocht und schält sich zum Mittagessen Kartoffeln, Sory lernt für die Schule, Asad fährt mit dem Fahrrad die Straßen entlang und Biran lässt sich beim Frisör die Haare schneiden. Auf Originalton verzichtet der Film jedoch größtenteils und lässt die Jugendlichen aus dem Off und in ihrer Muttersprache erzählen. So entsteht in den verschiedenen Szenen eine Spannung zwischen ihrem normalen Leben in Deutschland und der Grausamkeit, die gleichzeitig in ihren Heimatländern herrscht.

Stimmen, die berühren

Andres Rump zeigt auf sensible und ruhige Weise, die einzelnen Schicksale, die hinter der ganzen Flüchtlingskrise stecken. Auch die Besonderheit, dass wir fast den gesamten Film nur afrikanische Sprachen und das afghanische „Dari“ hören, öffnet ein bisschen die Welt der Flüchtlinge für den Zuschauer. Wir hören ihre Stimmen und können im Untertitel lesen, was sie uns gerade erzählen. Für Europäer absolut fremde Sprachen wirken plötzlich gar nicht mehr so fremd. Die Jungen sind Jugendliche wie alle anderen auch. Sie haben Wünsche und Sorgen, nur, dass sie sich schon mehrmals um ihr Überleben sorgen mussten. Die meisten jungen Europäer können sich nur ansatzweise vorstellen, was die Jugendlichen in dem Film alles erlebt haben. Zumindest im Norden und Westen Europas kommen Krieg und Hunger nur noch in den Geschichten der Großeltern vor. Wir leben hier in Deutschland, haben immer genug zu essen und zu trinken. Wir haben warme Kleidung und ein Bett, in das wir uns zum Schlafen hineinlegen können. Wir können zum Arzt gehen, wenn wir krank sind. Alles Dinge, die für die jungen Flüchtlinge nicht selbstverständlich sind. Seit 70 Jahren herrscht Frieden in Deutschland. Dieser Film macht deutlich, dass wir dafür jeden Tag dankbar sein sollten.

Sechs Lebensgeschichten und sechs mal Hoffnung

„Ferne Söhne“ ist aber kein Film, der uns zeigen soll, wie schrecklich alles ist oder wie viel Mitleid wir haben sollten. Es ist ein Film, der einfach nur die Geschichten dahinter erzählen möchte, einfach nur, weil sie erzählt werden müssen. Weil es so wichtig ist, dass wir sie hören. Mit großer Eindringlichkeit erzählt dieser ruhige und doch aufwühlende Dokumentarfilm die Geschichten der sechs Jungen. Am Ende weisen die Geschichten jedoch eine Gemeinsamkeit auf, die alle sechs Geflohenen teilen: die Hoffnung ein neues Leben aufzubauen.

Ambesa, Biran, Boubaca, Mahruf und Sory gehen noch zur Schule. Asad macht eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Der Aufenthalt von Asad, Ambesa und Mahruf ist auf drei Jahre befristet, bei den anderen drei Jugendlichen gibt es noch keine Entscheidung.

Am Ende des Films bleibt der Zuschauer mit größtem Respekt und voller Achtung vor den Jugendlichen zurück. Der Film blickt in die Zukunft. Das Gefühl, das am Ende entsteht, ist der Wunsch, dass alle sechs Jungen bleiben können und sich ihre Ziele und Wünsche erfüllen.

Vorstellungen im Apollo in Aachen:
Do, 01.12., 18 Uhr
Sa, 03.12., 18 Uhr
Mo, 05.12., 18 Uhr

Trailer auf Vimeo