Schon sehr lange Zeit habe ich den Wunsch, meine Muttersprache zu lernen. Nach einem FSJ in einer Förderschule habe ich mich also dazu entschieden, einen weiteren Freiwilligendienst in einem Tageszentrum für Menschen mit geistiger Behinderung im Norden Kiews in der Ukraine zu machen, um diesen Wunsch wahr werden zu lassen.

Das Tageszentrum trägt den Namen Djerela (= Quelle) und wurde 1994 von Müttern behinderter Kinder ins Leben gerufen. Djerelas Hauptaktivitäten sind es, die Behinderten zu fördern, die Angehörigen bei juristischen Fragen zu beraten und psychisch zu unterstützen. Momentan sind 120 Familien Teil dieser Organisation. Das Alter der zu betreuenden Besucher variiert zwischen 20 und 40 Jahren. Meine Aufgabe ist es, sie zu beaufsichtigen, bei verschiedenen alltäglichen Aufgaben wie essen oder bei Spaziergängen zu unterstützen und eventuell auch selber kleinere Programme zu leiten. Eine andere deutsche Freiwillige, mit der ich gemeinsam in einer Gastfamilie lebe, und ich hatten zum Beispiel die Idee, mit ihnen einen Kurzfilm zu drehen.

Deutsche beliebt wie Fernsehstars

Am ersten Tag unseres Dienstes kamen wir abends am Flughafen Borispol nach drei Stunden Flug an und wurden von unserem Mentor der ukrainischen Partnerorganisation abgeholt. Er hat uns zum Essen zu sich nach Hause eingeladen, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben Wasser mit Salzgeschmack getrunken habe. Dieses Wasser ist leider nicht weiterzuempfehlen. Des Weiteren hat er uns erklärt, dass Deutsche in der Ukraine sehr beliebt seien und wie Fernsehstars behandelt würden. Davon habe ich in den ersten Wochen hier noch nichts bemerkt und das bleibt hoffentlich auch so.

Danach wurden wir zur Wohnung unserer Gastfamilie gebracht, die lustigerweise zu diesem Zeitpunkt im Urlaub am Meer war. Wir wurden also von der Nichte unserer Gasteltern in Empfang genommen. Uns wurde der Hausschlüssel überreicht, und für den Rest der Woche waren wir alleine. Als sie dann Sonntagnachmittag nach Hause kamen, war es sehr seltsam, fremde Menschen in ihrer eigenen Wohnung in Empfang zu nehmen. Die Gasteltern sind zum Glück sehr freundlich und hilfsbereit.
Sie haben einen Sohn, der schon ausgezogen ist, und eine Tochter, die momentan in Frankreich studiert, daher konnte auch jede ihr eigenes Zimmer haben. Wir wurden auf den vorherigen Seminaren darauf vorbereitet, dass die Wohnverhältnisse nicht so wie in Deutschland sein würden – dafür ist die Wohnung aber sehr komfortabel. Einige Dinge sind dann doch anders als zu Hause. Die Toilette ist zum Beispiel gleichzeitig eine Abstellkammer, und man muss drei verschiedene Türen aufschließen, bevor man in der eigentlichen Wohnung steht. Einbrecher hätten also viel zu tun.

Die Menschen mit Behinderung, die zu uns ins Tageszentrum kommen, werden von den Pädagogen immer Klienten genannt. Einige von ihnen kommen jeden Tag, andere nur an bestimmten Tagen in der Woche. Dort haben sie die Möglichkeit, zu basteln, Sport zu machen, gemeinsam zu kochen, spazieren zu gehen, zu tanzen oder sich einfach miteinander zu unterhalten. Die Klienten waren von Anfang an sehr offen und froh darüber, dass wir nun ein Jahr lang mit ihnen zusammen arbeiten werden. Ein 20-jähriges Mädchen namens Nastja hat sich noch viele Tage später bei den Pädagogen dafür bedankt, dass sie uns zu sich geholt haben. Als Geschenk hat Nastja ein Porträt von mir angefertigt, auf dem ich wie eine Kartoffel aussehe. Auf einem anderen Porträt von Jura sehe ich eher einem Roboter ähnlich. Ein weiterer Klient hat sich uns als Harry Potter vorgestellt.
Ich persönlich sehe Djerela als perfekte Möglichkeit, meine bisherigen Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen nicht nur einzusetzen, sondern auch auszubauen, da ich plane, nach meinem Freiwilligendienst Sonderpädagogik zu studieren und Lehrerin an einer Förderschule zu werden. Gleichzeitig kann ich meine osteuropäischen Wurzeln näher kennenlernen und meine Muttersprache erlernen.