Vor mehr als 2.000 Menschen auf der Rathaustreppe zu stehen und knapp drei Minuten über Europa reden ist nichts, was ich alle Tage mache, genauso wenig wie die meisten anderen Redner bei Pulse of Europe. Auch zu demonstrieren gehört für die meisten Besucher der Veranstaltung nicht zu den Dingen, die sie regelmäßig tun. Trotzdem versammelt sich seit dem 5. März eine große Menge Menschen sonntags um 14 Uhr auf dem Katschhof, um sich für Europa stark zu machen.
Eine der Besonderheiten bei Pulse of Europe ist, dass nicht gegen etwas, sondern für etwas demonstriert wird, wie der Leiter der Veranstaltung, Manfred Kutsch, immer wieder betont.

Den meisten Besuchern gefällt besonders die Stimmung, die trotz des ernsten Themas gut ist. Dazu tragen nicht nur das Wetter (das bis jetzt meistens mitspielte), die Musik, die jedes Mal von einem anderen Künstler geliefert wird, und die blauen Europa-Luftballons bei, sondern auch die abwechslungsreichen Reden, die gehalten werden.
Drei Minuten hat jeder Redner Zeit, um den anderen seine Gedanken zu Europa mitzuteilen. Wer dabei über was redet, ist (beinahe) egal, nur für Werbung ist auf der Bühne – oder in diesem Fall der Treppe – kein Platz. Während einige über aktuelle Ereignisse und ihren Einfluss auf Europa sprechen, zählen andere das auf, was sich ändern muss und wie sie sich diese Veränderung vorstellen. Wieder andere, wie ich auch, erzählen davon, was Europa für sie selbst bedeutet, oder teilen ganz persönliche Geschichten mit und regen dabei genauso zum Nachdenken an wie die, die mit nur wenigen Sätzen Botschaften an alle anderen aussenden. Dabei wird besonders oft betont, dass doch bitte alle ihr Wahlrecht nutzen sollten. Dabei unterscheidet sich nicht nur die Vortragsweise – mal frei, mal abgelesen, mal als Gedicht, mal als Lied –, sondern auch die Redner selber. Von Grundschülern über Jugendliche, Familienväter und -mütter und Unternehmern bis zu Großeltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder sorgen, dürfen alle reden, die etwas zu sagen haben. Dass viele von ihnen dabei noch nie vor so vielen Menschen gesprochen haben, ist vollkommen egal, schließlich zählt zunächst einmal, dass man überhaupt zeigt, dass einem Europa wichtig ist.
Das ist natürlich auch der Grund, weshalb alle in der Aachener Innenstadt zusammenkommen: Um zu zeigen, dass ihnen Europa am Herzen liegt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und es ist eine ganze Menge, die kommt: Zur vierten Veranstaltung in Aachen kamen Ende März circa 2.500 Menschen auf den Katschhof, der sich von der Treppe am Rathaus bis zum Dom hin füllte und von oben aus einem Meer aus blauen Luftballons glich. Dabei waren es, als Pulse of Europe Anfang März zum ersten Mal in Aachen stattfand, gerade mal 200 Teilnehmer. Auch bei der dritten Veranstaltung waren es erst 900 Aachener, die auf dem Katschhof aufeinandertrafen. Danach hielten sich die Zahlen zwischen 1.500 und 2.000 Zuschauern, trotz Ferien und langer Wochenenden.
Gegenüber den Zahlen in Frankfurt und Berlin ist das natürlich nicht so viel, dort trafen sich an denselben Tagen doppelt bis dreimal so viele Menschen. Denn Pulse of Europe ist keine Aachener Erfindung: Gegründet und erfunden wurde die Bewegung noch 2016 in Frankfurt von Daniel und Sabine Röder nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Sie hatte vor allem das Ziel, zu zeigen, dass eine große Anzahl von Menschen immer noch hinter der EU steht, auch wenn Ereignisse wie der Brexit oder der Aufstieg verschiedenster Anti-EU-Parteien eher das Gegenteil zu beweisen scheinen. Auf eine kleinere Kundgebung in Frankfurt folgten im Februar 2017 weitere in anderen Städten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amsterdam. Daraufhin stieg die Zahl der teilnehmenden Städte weiter an, Ende April waren es etwa 85 deutsche und insgesamt mehr als hundert europäische Städte, in denen (mit kleineren Ausnahmen) um 14 Uhr die Demonstrationen stattfanden. Der Verlauf ist dabei immer ähnlich. Begonnen wird mit dem „Herzschlag Europas“, der um 14 Uhr ertönt, darauf folgen die Reden. Allerdings gibt es auch Variationen, zum Beispiel Aktionen zu bestimmten aktuellen Themen wie die Verabschiedung Großbritanniens oder ein Dankeschön an die Niederländer nach der Wahl. Diese kleinen Neuerungen kommen dabei mit dem Wachstum der Bewegung. Während zunächst nur kleine Fähnchen und Luftballons verteilt wurden, gibt es mittlerweile alle möglichen Pulse-of-Europe-Artikel am Infostand: von Autoaufklebern bis zu Kugelschreibern und Buttons. Genauso verändert sich auch die Bewegung selbst. Wer sich nicht anmeldet, hat mittlerweile kaum mehr die Möglichkeit, spontan seine Stimme zu erheben, weil die Rednerlisten zumindest in Aachen schon vor Anfang der Veranstaltung voll sind. Und seit Anfang April ist Pulse of Europe keine private Bürgerbewegung mehr, sondern ein eingetragener Verein.
Die Idee dahinter bleibt jedoch die gleiche: Den Menschen einen Platz geben, die sich sonst nicht dazu äußern würden, was an Europa für sie wichtig ist. Und das, ohne sich immer nur zu beschweren. Und so kommen junge und ältere Menschen zusammen, um zu zeigen: Ich bin für Europa!

Foto: Sabrina Marx