Daniela Jansen ist seit 2012 Abgeordnete aus Aachen im nordrhein-westfälischen Landtag. Sie gewann überraschend die meisten Stimmen in ihrem Wahlkreis und bekam so ein Direktmandat für die SPD. Im Gespräch plaudert sie ganz entspannt über ihren eigenen politischen Werdegang und darüber, wie man das Interesse von Jugendlichen an der Politik wecken kann.

a52 // Was hat Sie dazu bewogen, in die Politik zu gehen und einer Partei beizutreten?
Daniela Jansen
// In die Politik gegangen bin ich, weil ich etwas verändern will und weil ich glaube, dass ich dabei viele von meinen Kompetenzen gut einbringen kann. Ich kann zum Beispiel gut moderieren. Ich bin sehr bestimmt, aber trotzdem auch pragmatisch und nicht „hardlinermäßig“ unterwegs. Ich halte mich nicht mit Grundsatzdebatten auf, wenn ich denke, das führt zu nichts, oder nur, um recht zu behalten. Ich glaube eine solche Fähigkeit kann man in der Politik gut gebrauchen.
In die Partei selbst bin ich allerdings erst 2004 eingetreten, da war ich 27. Eigentlich bin ich eine politische Spätentwicklerin (lacht). Vorher war ich zwar schon immer politisch interessiert, auch geprägt durch meine ganze Familie, durch meine Oma vor allem, die ein sehr politischer Mensch ist. Auch mein Vater war in der Partei, aber ich habe mich eigentlich nie parteipolitisch engagieren wollen, weil ich immer gedacht habe, ich gehe mal in den Journalismus, und da konnte es ja eigentlich nicht schaden, neutral zu bleiben.

Man spricht heutzutage oft vom Desinteresse der Jugendlichen an Politik. Wie sehen Sie das?
Das erlebe ich bei den Jugendlichen, die ich kennenlerne – und ich bin ja relativ viel unterwegs in Jugendtreffs oder ähnlichen Einrichtungen – nicht. Richtig ist sicherlich, dass Fernsehdebatten auf Phoenix für Jugendliche wenig ansprechend sind. Es kommt, glaube ich, darauf an, wie man politische Themen verpackt. Als Beispiel: Ich beschäftige mich intensiv mit Frauenpolitik und deswegen kenne ich viele Kampagnen wie z. B. „Pinkstinks“ oder „Stop BILD Sexism“. Diese Kampagnen, obwohl sie altbekannte Themen ansprechen, sorgen auch bei Jugendlichen für Aufmerksamkeit und Interesse. Wenn sie dann im Rahmen einer Twitterdiskussion mit Verlinkungen in andere soziale Medien behandelt werden, kann man solche Themen gut rüberbringen. Dann funktioniert das auch.

Die Politik müsste also, um Jugendliche anzusprechen, die entsprechenden Kanäle nutzen, dann klappt das schon?
Ja, das glaube ich schon. Die mediale Vermittlung von Information und Wissen ist eine Komponente. Jugendliche haben nicht mehr nur Fernsehen oder Zeitung als Informationsquellen, sondern haben vielmehr die Möglichkeit, sich auf einfache und direkte Weise zu artikulieren. Hinzu kommen natürlich noch die inhaltlichen Aspekte. Man muss ja auch Möglichkeiten haben, sich fundiert zu informieren. Wir fördern deshalb als Land durch den Kinder- und Jugendförderplan verschiedene Jugendeinrichtungen und Kultureinrichtungen und wir haben eine Landeszentrale für politische Bildung, wo man sich durch die gebotenen Inhalte und Veranstaltungen mit verschiedenen politischen Themen auseinandersetzen kann. Ich glaube, je konkreter es thematisch wird, desto begreifbarer wird es auch für Jugendliche.

Was sind denn Themen, die Jugendliche ansprechen?
Auf der einen Seite sind das ganz klassische, konkrete jugendpolitische Themen wie z. B. das Schul- und Bildungswesen. G8 oder G9 ist eine ganz entscheidende Frage für all diejenigen, die sich noch nicht sicher sind, welche schulische Laufbahn sie einschlagen. Das ganze Thema Berufswahl ist natürlich auch wichtig. Auf der anderen Seite interessieren sich Jugendliche oft für Themen wie Populismus oder Rechtsextremismus. Das können auch Youtuber sein wie z. B. bei der Initiative #NichtEgal, einer Kampagne gegen Hass im Netz. Da machen u. a. die Lochis mit, die ja in dieser Community gut bekannt sind. Dabei geht es stärker um ein allgemein gesellschaftspolitisches Interesse. Dieses kann sich schon früh entwickeln, wenn sich Kinder z. B. bei Solidaritätsläufen engagieren und das Geld an Flüchtlingsfamilien spenden, die sie aus ihrer Klasse kennen. Hierbei wird das globale Thema Flucht auf eine lokale Ebene runtergebrochen. Wenn Kinder und Jugendliche erkennen, dass sie selber etwas beitragen können dazu, wie sich diese Gesellschaft entwickelt, dann ist das die beste Art von Demokratieerziehung, die es überhaupt gibt.

Wie kommen Sie ins Gespräch mit Jugendlichen und generell Ihren Wählern?
In Aachen habe ich oft die Möglichkeit, zu Vereinen, Verbänden und Jugendeinrichtungen zu gehen, mich mit den Menschen dort zu unterhalten und so herauszufinden, was ihnen am Herzen liegt. Ich habe zwei politische Formate: Stadtteilkochen und Couchcafé, wo man beim Essen oder durchs Essen ins Gespräch kommt. Da sind die Kinder und Jugendlichen natürlich nur eine Zielgruppe. Ich war letztens z. B. bei der Forster Seniorenberatung, da haben wir auch zusammen gekocht.

Was würden Sie jemandem entgegnen, der überzeugter Nichtwähler ist?
Ich würde versuchen, ihm klarzumachen, dass Wählen wichtig ist, denn wenn man seine Stimme nicht abgibt, dann stärkt man proportional immer diejenigen, die an den Rändern aufkommen, ob es nun extreme Linke oder Rechte sind. Der Anteil der Leute, die die Ansichten von Rechtspopulisten übernehmen, nimmt zu und man kann davon ausgehen, dass diese auf jeden Fall zur Wahl gehen.
Wenn man nicht abstimmt, ist das natürlich auch eine Aussage, nämlich, dass man kein Interesse (mehr) hat oder man sich durch die Parteien nicht vertreten fühlt. Selbstverständlich muss man natürlich als Partei dann analysieren, was genau die Ursachen für die Politikverdrossenheit sind. Warum fühlt sich jemand nicht mehr mitgenommen? Warum können wir manche Menschen mit unserer Politik nicht mehr erreichen?

Was ist Ihnen bei der politischen Arbeit besonders wichtig?
Ich möchte auf meinem Gebiet Frauen und Soziales die Dinge, die im Argen liegen, verbessern. Einige Punkte konnte ich schon umsetzen. Zum Beispiel konnte bei der Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit erreicht werden, dass den Menschen, die eben ganz lange arbeitslos waren, wieder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird. Das ist ein Projekt, das ich seit langem vorangetrieben habe. Hierfür werden im Jahr 2017 Haushaltsgelder bereitgestellt. Im Bereich Frauenpolitik ist es mit meiner Unterstützung gelungen, dass wir in Aachen ein Haus für wohnungslose Frauen haben. Dazu habe ich alle Beteiligten aus den Ministerien, die Geld geben könnten, um so ein Haus einzurichten oder zu unterhalten, an einen Tisch gebracht, was schließlich dazu geführt hat, dass das Haus auch wirklich eröffnet werden konnte.

Ich möchte mich als Jugendliche/r politisch engagieren oder eventuell später eine politische Laufbahn einschlagen. Wie gehe ich am besten vor?
Da gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Man kann sich eine Partei der eigenen Wahl genau angucken bzw. die entsprechenden Jugendorganisationen der Parteien. Hierbei kann man feststellen, ob man sich vorstellen kann, sich in einer parteipolitischen Struktur einzufinden. Vielleicht ist einem aber der örtliche Bezug total wichtig. Dann fühlt man sich vermutlich besser in einem Ortsverein aufgehoben. Wenn man sich parteipolitisch noch nicht festlegen möchte, sondern sachpolitisch agieren will, gibt es die Möglichkeit, sich bei nichtstaatlichen Organisationen wie Amnesty International oder Greenpeace zu engagieren. Bei Parteien wird man auf jeden Fall auf offene Ohren stoßen, die freuen sich immer, wenn Jugendliche vorbeikommen und mitmachen wollen. Man hat auch die Möglichkeit, sachkundiger Bürger oder stellvertretender sachkundiger Bürger auf Stadtebene zu werden, und kann dann schon so ein bisschen ins politische Geschehen hineinschnuppern.