Schule, Essen, Hausaufgaben, Freizeit, Schlafen. Die meisten SchülerInnen von heute kennen das Wort „Freizeit“ gar nicht mehr, und dass sie die Zeit haben, um etwas Schönes zu unternehmen, wird auch immer seltener. Nach der Schule geht man erstmal nach Hause, isst etwas, macht dann seine Hausaufgaben, die mittlerweile auch an einem Tag kaum mehr zu schaffen sind, und dann ist es auch schon 18 Uhr. Wer noch ein Hobby hat, geht diesem nach, und sonst hat man „Freizeit“. Das ist aber eigentlich nicht mehr das richtige Wort, wenn man sich nach einem anstrengenden Schultag total kaputt auf die Couch vor den Fernseher fallen lässt und wartet, bis es Zeit zum Schlafengehen ist. Am Wochenende endlich verschnaufen; ausnahmsweise einmal ausschlafen, dann erstmal erholen von der Woche, Freunde treffen oder einfach in die Stadt gehen. Wer allerdings noch ein Hobby hat, ist dann auch schon das ganze Wochenende mit Turnieren, Wettkämpfen oder Vorspielen bedient, und am Sonntag droht dann schon wieder der Montag: Hausaufgaben, Referate oder andere Dingen müssen noch fertiggestellt werden; darauf hat man dann aber eigentlich auch echt keine Lust mehr.

Wie kann es sein, dass so viele Jugendliche von heute so ein großes Problem mit dem Schulstress und ihrem Freizeitmanagement haben? Ich habe mich erkundigt, wie es anderen SchülerInnen in ihrem Schulalltag geht und wie das eigentlich zur Zeit unserer Großeltern aussah. Hatten da auch alle so wenig Freizeit oder spielten die Kinder nach der Schule echt immer draußen, so wie man sich das als Jugendlicher von heute vorstellt? Ich befragte den 72-jährigen Gerd Frohn sowie das Ehepaar Otto (86) und Brunhilde Daun (76) über ihre Schulzeit und startete eine Umfrage bei Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulen in Aachen.

„Früher war alles besser.“

Vielleicht war es das ja wirklich, denn Gerd Frohn und die Eheleute Daun erzählen von einem angenehmen Schultag, der gerade einmal bis 13 Uhr ging. Stress wegen der Schule habe es hier nicht gegeben. Während des Krieges jedoch habe man eher mit anderen Problemen zu tun gehabt, berichtet Otto Daun, so sei der Unterricht wegen Alarm vor Luftangriffen unterbrochen worden. Die ganze Schule habe sich dann im Keller versteckt, und wenn es ganz schlimm geworden sei, seien die Klassen sogar raus aus der Stadt gefahren und hätten den Unterricht in einer Art Jugendherberge vollzogen. Nach dem Krieg sei davon aber nichts mehr zu spüren gewesen; die Jugendlichen hätten in ca. einer Stunde alle Hausaufgaben erledigt und dann mit Freunden gespielt, Sport getrieben oder musiziert. Noch nicht einmal im Haushalt mussten meine Gesprächspartner ihrer eigenen Aussage nach mithelfen. Totaler Luxus, denken sich da die SchülerInnen von heute, die erstmal bis 15 Uhr in der Schule hocken und dann unter Umständen noch stundenlang an ihren Hausaufgaben sitzen. Wobei es hier natürlich Unterschiede gibt. Während Mädchen nämlich ca. 2 Stunden täglich an ihren Hausaufgaben sitzen, geben sich Jungen nicht ganz so viel Mühe und haben ihre Hausaufgaben nach höchstens einer Stunde erledigt. „Eine Minute. Ich packe meine Tasche“, so oder ähnlich antworteten die Jungen auf die Frage, wie viel Zeit sie pro Tag außerhalb der Schule für die Schule investieren.
Die Wochenenden sahen Gerd Frohn und den Eheleuten Daun zufolge in der Kriegs- und Nachkriegszeit auch nicht anders aus als die Schultage: Gar nichts für die Schule machen! Allerdings musste man während des Krieges Samstag in die Hitlerjugend (HJ) bzw. zum Bund deutscher Mädel (BDM). Viele der SchülerInnen damals wollten dort nicht hingehen und versteckten sich den ganzen Tag, um nicht antreten zu müssen. Verweigern durfte man sich der HJ oder dem BDM aber nicht, die Teilnahme war Pflicht.

Während die Jungen von heute an den Wochenenden das Motto „Gar nichts für die Schule machen!“ leben und sich höchstens eine Stunde an ihren Hausaufgaben aufhalten, rackern sich die Mädchen eher ab und verbringen mehr als zwei Stunden damit. Dadurch kommt es bei den meisten nicht nur zu Stress, sondern auch zur Vernachlässigung anderer Dinge. Unter der Woche hat der Großteil nämlich sowieso keine Zeit für die Familie; denn man hat ja schließlich noch Hobbys, will sich mit Freunden treffen, welche oft auch zu kurz kommen, oder man muss dann noch zur Nachhilfe. Ein Viertel der Befragten geht zur Nachhilfe; wenn nicht regelmäßig, dann zumindest kurz vor der Klausurphase, um die Themen aufzufrischen. In den Klausurphasen ist die Situation generell anders als sonst. Täglich werden dann bei den Mädchen bis zu vier Stunden mit Lernen verbracht, und auch viele Jungen beschäftigen sich in den Klausurphasen deutlich mehr mit Schularbeiten als sonst. Da muss dann auch mal auf Training oder Musikunterricht verzichtet werden.

Sieht man sich also die Unterschiede an, scheint es so, als ob die Schulzeit früher vom Arbeitspensum her um einiges stressfreier gewesen sei. Die Frage, ob die Schule heute im Vergleich zu früher schlechter ist, beantwortet Gerd Frohn trotzdem mit einem „Nein“, denn die SchülerInnen von heute eignen sich seiner Meinung nach viel mehr Wissen an, auch viel Hintergrundwissen, das ihnen früher nicht beigebracht worden sei. Außerdem merkt Brunhilde Daun an: „Früher waren die LehrerInnen in der Schule viel strenger. Jungen haben oft Schläge auf die Hand bekommen, wenn sie Unfug gemacht haben.“ Etwas Schlechtes hat die Schule heutzutage Gerd Frohn zufolge aber doch: G8. „Man hat in 9 Jahren doch viel mehr Zeit und muss sich dann nicht so beeilen“, sagt der 72-Jährige.

Genauso wie SchülerInnen von heute denken anscheinend auch SchülerInnen von früher, die mit den Schulsystemen G8 und G9 vertraut sind, dass es wenig Sinn ergibt, schon ein Jahr früher, also nach 8 Jahren Gymnasium, sein Abi zu machen. Viele Jugendlichen wünschen sich eine Schulzeit, die 13 Jahre dauert, denn sie erhoffen sich dadurch weniger Druck, Stress und natürlich mehr Zeit für Freunde. „G9 würde uns Schüler wahrscheinlich entlasten“, „Durch G9 hat man länger Zeit sich auf seinen Berufswunsch vorzubreiten“ oder „Mit G9 würde ich viel mehr Zeit für Freunde und Familie haben“, so und ähnlich argumentieren die SchülerInnen, die gerne eine Schule mit dem Schulsystem G9 hätten. Ihre Argumente bewirken allerdings nichts mehr, denn als SchülerInnen am Gymnasium werden sie definitiv ihr Abitur nach 12 Jahren Schule machen. Manche sogar mit 17.

Doch selbst wenn die meisten der befragten Mädchen und ein Teil der Jungen sich gegen G8 entschieden hätten, gibt es auch SchülerInnen, denen es gut gefällt, wie es jetzt ist. So würde ein Großteil der befragten Jungen nie im Leben auf die Idee kommen, noch ein Jahr länger in der Schule rumzuhängen. Und auch einige Mädchen denken, dass das gewonnene Jahr nach der Schule perfekt als Auslandsjahr, FSJ oder einfach als früherer Studiumseinstieg genutzt werden kann.
An vielen Schulen ist derzeit auch eine Alternative zu G9 im Gespräch: Ganztagsschulen – jeden Tag länger in der Schule bleiben und dafür keine Hausaufgaben. Das will aber fast niemand, denn die SchülerInnen meinen, dass die Hausaufgaben unter anderem die Eigenverantwortlichkeit, die Selbstständigkeit und die Fähigkeit, etwas organisieren zu können, fördern. Außerdem müsste der ein oder andere eventuell auf ein Hobby verzichten oder auf die Möglichkeit, Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Ist es also so stressig, heutzutage zur Schule zugehen und die Nachmittage vollgestopft mit Hobbys und Hausaufgaben zu verbringen? Ist G8 daran schuld, dass die meisten SchülerInnen keine angenehme Schulzeit mehr haben?
Teils natürlich schon, aber auch andere Dinge führen zu Stress; außerdem gibt es Tipps und Tricks diesen zu umgehen. Pläne machen, einfach mal Zeit für sich nehmen, nicht zu viel vornehmen und eins der fünf Hobbys aus dem Terminkalender streichen. Die größten „Timecatcher“ sind aber wahrscheinlich Handy, Fernseher und Computer. Jeder kennt das doch; man sitzt an den Hausaufgaben und plötzlich blinkt das Handy auf. Man denkt sich „Ach komm, schreib ich kurz zurück.“ Aus einer Nachricht werden fünf, und ehe man sich verguckt, sieht man sich mit dem Computer Facebook-Neuigkeiten checken. So werden aus 30 Minuten plötzlich drei bis vier Stunden, die man täglich vor elektronischen Geräten verbringt. Totale Zeitdiebe, durch welche Jugendliche unbewusst andere Dinge vernachlässigen und im Nachhinein Stress bekommen. Achtet man also auf ein gesundes Maß an Zeit in sozialen Netzwerken oder vor dem Fernseher und teilt sich Hausaufgaben und Pausen gut ein, ist das schon die halbe Miete. Natürlich kann es dann in Klausurphasen zu Stress kommen, welchen Jugendliche vor ca. 60 Jahren vielleicht nicht hatten, aber wenigstens weiß man sich dann zu helfen.