Stell dir vor, du findest im Urlaub das perfekte Motiv: eine kleine, geschützte Bucht in Italien. Weißer Strand, die untergehende Sonne taucht die Felsen rechts und links in goldenes Licht und das Wasser leuchtet in klarem Türkis. Dazu deine drei Freundinnen, die malerisch auf die glitzernden Wellen schauen. Das perfekte Fotomotiv. Doch du hast nur einen Versuch.

Für Fotografiebegeisterte wie mich klingt das erst einmal nach einer Horrorvorstellung. Was, nur ein Versuch?! Aber man muss doch erst die Belichtung ausprobieren, Blende einstellen und den Bildausschnitt wählen! Heutzutage schießt doch jeder im Schnitt fünf Fotos und sucht sich dann davon das beste aus.
Bei Polaroidkameras geht das aber eben nicht. Hier hat man nur einen Versuch. Polaroid ist eigentlich der Name des Unternehmens, welches so erfolgreich Sofortbildkameras herstellte, dass ,,Polaroid“ schnell Überbegriff für diese Kameras wurde. Der Clou: Man macht ein Bild, was auch sofort entwickelt und ausgedruckt wird, ohne dass man es sich vorher einmal anschauen kann. Kein Bildschirm, auf dem man sein Motiv danach noch einmal kritisch begutachten und auswählen kann, und keine Nachbearbeitung.

Später wurden die Sofortbildkameras von den Digitalkameras abgelöst. Diese waren einfach praktischer, man hatte nicht nur einen Versuch und konnte mehr experimentieren. Es war nicht so wichtig, ob gleich das erste Bild perfekt war man konnte danach ja noch unendlich viele machen.
Doch heutzutage geht der Trend, wie bei vielen Dingen, zurück in die Vergangenheit. Wir nennen das jetzt ,,Retro“. In Drogeriemärkten finden sich für kleines Geld Einwegkameras, bei denen man den Film dort auch entwickeln lassen muss. Wer etwas mehr bezahlt, bekommt im Internet oder auch im Technikmarkt eine Polaroidkamera. Diese sieht alt aus und hat auch dieselben Funktionen wie die Kameras damals, ist jedoch neu hergestellt. Angesagt sind diese in allen Pastellfarben oder direkt in derselben Form wie früher, angeboten von den Firmen Fujifilm oder Polaroid. Dazu gehören die einzelnen Filme, die hinten eingelegt werden. Man schaut durch den Sucher, drückt ab und das Bild wird oben oder an der Seite herausgeschoben. Vorne steht, wie viele einzelne Papiere man noch zur Verfügung hat. Aus jedem einzelnen dieser Papiere wird später ein neues Foto.
Aber was reizt denn jetzt daran, so eingeschränkt zu sein?
Auch ich habe vor kurzem eine dieser Kameras bekommen und war hellauf begeistert. Aber ich habe nicht sofort alles geknipst, was mir unter die Linse kam, wie das der Fall war, als ich meine Spiegelreflex zu Weihnachten auspackte. Meine ersten Worte zu der Polaroidkamera waren: ,,Jetzt muss ich mir erst mal gut überlegen, was ich überhaupt fotografiere.“ Denn das ist es, was mich und viele andere an diesen Kameras begeistert. Der eine Versuch zwingt einen zu überlegen, was man überhaupt ablichten möchte, und dann bleibt da auch noch das Wie. So war es auch in der am Anfang beschriebenen Szene am Strand in Italien. Meine Mädels standen zufällig in einer perfekten Fotoposition. Früher hätte ich mein Smartphone herausgeholt, ein, zwei Fotos gemacht, und fertig. Schnell bei WhatsApp in unsere Urlaubsgruppe geschickt, so konnte jeder das Bild haben und damit machen, was er oder sie wollte: weiter verschicken, als Profilbild benutzen oder ausdrucken. Das Ganze dauerte vielleicht zwei Minuten. Jetzt jedoch musste ich erst einmal sichergehen, dass die drei so stehen blieben, denn mein Vorhaben konnte noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Ein erster Blick durch die Linse verriet mir, dass ich näher herangehen musste, denn ich hatte ja keinen Zoom. Und so stolperte ich über den Strand auf der Suche nach dem perfekten Winkel und Bildausschnitt. Dabei waren andere Badegäste, die sich in Ruhe am Strand sonnen wollten, ein Hindernis, auf das ich zusätzlich aufpassen musste. Nachdem ich also zahlreiche andere Besucher umrundet hatte, schaute ich wieder durch den Sucher, hielt die Luft an und drückte ab. Die Kamera ratterte und mit einem Knarzen schob sich das Bild heraus. Und man sah: nichts. Denn das Bild musste sich erst vollständig entwickeln. Nach und nach erschienen die Umrisse und später das ganze Bild. Aufgeregt steckten wir unsere Köpfe über dem Bild zusammen und beobachteten, wie langsam unser Bild entstand. So richtig wusste man ja nicht, was da überhaupt herauskommt, denn der Sucher war ja ziemlich klein. Das war alles sehr aufregend. Man war bei der Entstehung des Fotos selbst dabei. Und für das Foto hatte man auch wirklich etwas getan!

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Mit der Polaroidkamera machte es viel mehr Spaß, sich den Bildausschnitt und natürlich das Motiv zu suchen. Man dachte sich jetzt wirklich etwas dabei, und fotografierte nicht sinnlos drauflos. Außerdem hatte man am Ende ein einzigartiges Ergebnis in der Hand. Denn dieses Bild gibt es wirklich nur einmal, und man kann es nicht mal eben in die WhatsApp-Gruppe schicken, damit jeder es hat und für sich und sogar seine Familie dreimal ausdrucken kann. Das Bild ist eine besondere Erinnerung an den Urlaub und hängt bei mir mit meinen anderen Polaroidbildern an der Wand. Durch die unbegrenzte Menge an Fotos, die wir überall ausdrucken können, verliert das einzelne seinen Wert. Es ist nichts Besonderes mehr, wenn es das Bild so oder in ähnlicher Form noch zehnmal gibt. Mein Foto aber, das gibt es nur einmal und das habe nur ich. Für mich ist es etwas Besonderes. Selbst wenn so ein Bild fotografisch gesehen gar nicht so gelungen ist, ist es etwas Einzigartiges. Die Kamera hält einen Moment fest, an den wir uns dadurch später einmal gut erinnern können. Auch hat ein Bild aus der Polaoidkamera nicht die üblichen Maße eines Fotos: Meins ist viel kleiner. Dadurch passt es problemlos in mein Portmonee, wodurch ich es immer dabeihabe. Das erste Foto, was ich mit dieser Kamera geschossen habe, ist auch direkt mein Lieblingsbild geworden.