Kirche und neue Medien – geht das? Mit der Institution Kirche verbinden viele das Festhalten an Traditionen. Der Umgang mit Tweets und Hashtags passt hier weniger ins Bild. Tatsächlich ist jedoch die Kirche nicht nur im digitalen Zeitalter angekommen, sondern benutzt seit jeher alle möglichen Kommunikationskanäle und -mittel, um ihre Mission zu betreiben. 

Besondere Dynamik bekam dieser Prozess durch den Buchdruck, ohne den der Protestantismus nicht denkbar wäre. Kirchenradio und Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen gibt es natürlich schon länger. Inzwischen lassen sich Gottesdienste auch online streamen. Es gibt auch Onlinedienste, die individuelle Fürbitten sammeln, die dann später in die Gebete der Gemeinde mitaufgenommen werden. Auf kirchlichen Websites gibt es Lehrvideos zur Klärung komplexer religiöser Begriffe. Sogar die Beichte kann auf Onlineportalen abgelegt werden.
Religion muss eben vermittelt und kommuniziert werden, zugänglich sein für ihre Anhänger und so Teilhabe ermöglichen. Warum also sollte sich die Kirche nicht des gängigen Repertoires der neuen Kommunikationsmedien bedienen, um auch die jüngere Generation besser zu erreichen? Eine kirchliche Gemeinschaft und eine Netz-Community, wie sie im sozialen Netzwerk Facebook besteht, sind ja auch nicht so weit voneinander entfernt. Die Facebook-Community spendet per Mausklick – ganz ähnlich wie eine Glaubensgemeinschaft – Nähe, Orientierung, Trost, Sinnstiftung.

#ASKPOPEFRANCIS – Marketingkampagne Vatikan

Heutzutage hat jeder noch so kleine Verein, jeder Vertrieb, jede Firma seine eigene Facebook-Seite. Das gehört eben dazu. Das Wichtigste dabei ist, dass die Seite nicht als reine Werbeanzeigen-Sammlung fungiert, sondern die zu vermittelnde Botschaft glaubhaft rüberbringt und in den Dialog mit den Interessenten tritt. Eine Mischung aus Zielgruppenansprache und Marketing. Der Vatikan erweist sich als wahrhafte Koryphäe im Umgang mit digitaler Kommunikation. Der Vatikan hat ein reichhaltiges Digitalangebot. Offizielle Apps wie vatican.va, The Pope App und Radio Vaticana versorgen Gläubige rund um den Globus mit Infos, News und Videos. Eine App für die vatikanischen Museen gibt es auch. Der vatikanische TV-Sender CTV hat einen eigenen YouTube-Kanal. Und wer Papst Franziskus schon immer mal eine Frage stellen wollte, der besucht einfach die Website www.askpopefrancis.com und sendet sie ein. Auf manche Fragen wird er in seinem in wenigen Monaten erscheinenden Buch, welches in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wird, Antwort geben.

Im Frühjahr 2016 zeigte Papst Franziskus mit seinem Beitritt auf Instagram (@Franciscus), dass er ganz nah am Puls der Zeit ist. Während er vorher schon seit 2012 140-Zeichen-Botschaften an seine allein auf dem englischsprachigen Account 10 Millionen Follower tweetete (@Pontifex), wagte er sich auf ein neues Terrain – mit Erfolg. Auch hier folgen ihm 3,5 Millionen Menschen, die das Leben des Papstes in der Sprache der Bilder miterleben wollen. Es sind Bilder, die emotionale Nähe schaffen und das Pontifikat greifbarer machen. Papst Franziskus beim Gebet, mit Kindern oder bei Verkündungen. Die Bildunterschrift in verschiedenen Sprachen. Der Petersplatz erscheint plötzlich ganz nah.

Natürlich darf man sich jetzt nicht vorstellen, dass Papst Franziskus persönlich am Smartphone sitzt und sich die passenden Hashtags für den neuen Post überlegt, das übernimmt sein Social-Media-Team. Jedoch soll er über die Sätze und Bilder, die seine Mitarbeiter ihm vorlegen, entscheiden. Die Social-Media-Strategie des Vatikans möchte die altmodische Wahrnehmung des kirchlichen Oberhaupts mit diesen Schritten ändern und zeigen, wie wichtig soziale Medien bei der Erreichung verschiedener Zielgruppen sind. Papst Franziskus sagte selbst zum Fotonetzwerk, dass Bilder besonders stark zu ihm sprächen.

Digitaler Eintritt gepaart mit institutionellem Austritt?

Interaktive Gottesdienste mit Streaming und Twitterkommentaren der Teilnehmer vorm Bildschirm und ein Papst auf Instagram demonstrieren es beispielhaft: Die christliche Kirche bedient sich sowohl der technischen Möglichkeiten des Internets als auch seiner sozial-kommunikativen Funktion. So weit, so gut. Trotzdem drängen sich verschiedene Fragen rund um die Bedeutung der Nutzung digitaler Möglichkeiten im kirchlichen Bereich auf: Kann digitale Gemeinschaft überhaupt mit der persönlichen Begegnung in der realen Gemeinde gleichgesetzt werden bzw. kann das eine das andere ersetzen oder ist digitale Gemeinschaft nur eine weitere Ausformung des „alone together“, des sozialen Zustandes, den die Mediensoziologin Sherry Turkle als charakteristisches Merkmal der digitalen Gesellschaft ausmacht? Verlieren sich Glaube und Kirche nicht in den Weiten virtuellen Entitäten? Oder können Social-Media-Gottesdienste und digitale kirchliche Arbeit ein wegweisendes Modell sein, um junge Menschen für die Kirche zu begeistern? Eine theologische Positionsbestimmung des Internets müsste her.

Kritisch festzuhalten ist zunächst: Trotz des medialen Updates sieht sich die Kirche mit einer hohen Zahl an Austritten konfrontiert. Nach dem erheblichen Einbruch in der Statistik im Jahr 2014, welcher als Ergebnis des Missbrauchsskandals, die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und das Bekanntwerden eines neuen Kirchensteuer-Einzugsverfahrens auf Vermögenserträge gesehen werden kann, ist die Zahl der Austritte zwar zurückgegangen, die Ziffer ist aber dennoch hoch. Im Jahr 2015 traten insgesamt 391.925 Christen aus der Kirche aus, 181.925 Katholiken und 210.000 Protestanten. Nur weil der Glaube Stück für Stück digitalisiert wird, bedeutet dies also nicht automatisch, dass die Zahl der Kirchenanhänger durch die Decke geht.
Trotzdem scheint es wichtig, die Präsenz im Internet und auf Social-Media-Plattformen weiter zu festigen und auszubauen. Denn das Netz ist nicht nur als ein reines Kommunikations-Tool, welches Medien wie Print, Radio und Fernsehen ergänzt, zu sehen, sondern beinhaltet eine ganz eigene Medialität, die mit einem generellen Wandel der Gesellschaft durch Digitalisierung verbunden ist, an dem die Kirche mit den erwähnten Mitteln versucht teilzuhaben.

Virtuelle Religionsgemeinschaften: Fortschrittliche Interaktion oder versickert der Glaube in 140 Zeichen?

Kirche und Glaube treten im Internet auf verschiedenen Ebenen und in verschiedener Gestalt auf. Es gibt einerseits offizielle Websites übergeordneter kirchlicher Instanzen wie die offiziellen Websites und Social-Media-Kanäle der EKD, der DBK, der Landeskirchen, Ämter, Werke und Einrichtungen. Diese sind meistens eher absenderorientiert und zeichnen sich durch hohe Professionalität aus. Die von den Kirchen unterstützten Internetportale www.evangelisch.de und www.katholisch.de bieten Nachrichten und Informationen rund um die Kirchenszene in Deutschland an und sollen als Community-Plattform näher an den Nutzern dran sein. Dennoch kommuniziert hier die Kirche als Institution. Dann gibt es Seiten lokaler Gemeinden, die – wenn sie gut geführt sind – viele Besucher/-innen haben können, da sie mit ihren Themen und Aktivitäten nah am Nutzer dran sind und so durch Personalisierung und Lokalisierung punkten. Hinzu kommen Angebote, die von den Gläubigern selbst initiiert worden sind. So treffen sich auf Twitter jeden Abend um 21.00 Uhr zahlreiche Nutzer zum gemeinsamen Gebet. Unter dem Schlagwort „Twomplet“ – einem Kunstwort aus Twitter und dem Nachtgebet Komplet – schreiben sie Gebete als Kurznachrichten.
Hat diese unkonventionelle Gebetsform noch etwas mit dem ruhigen Innehalten während eines Gebets in der Kirche zu tun? Für die Nutzer scheint es klar: Auch auf dem Twitter kann der Geist Gottes wirken. Skeptikern fehlen die physische Präsenz beim Gebet und die kirchliche Atmosphäre. Hier eröffnet sich eine grundsätzliche Debatte über den Wertgehalt digitaler Interaktion. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Web sind zwar endlos und soziale Medien machen Kommunikation in Echtzeit und schnellen Austausch möglich. Dennoch kann ein Mensch auf Facebook hunderte von Freunden haben, in diverse virtuelle Gruppe integriert sein und sich trotzdem in der „realen“ Welt einsam fühlen. Facebook und Co. haben den Begriff der Gemeinschaft verändert, haben ihn ausgedehnt.
Auch die Kirche ist eine Gemeinschaft, die sich nun auch online sammeln kann. Wünschenswert wäre die Nutzung des Potentials sozialer Medien als Verknüpfungspunkte, um Gläubige zusammenzubringen, die sich sonst nicht gefunden hätten. Der persönliche Kontakt sollte demnach an oberster Stelle stehen, damit die soziale Beziehung nicht in der Anonymität des Internets verloren geht. Deshalb ist es z. B. notwendig, dass Kirchen, Gemeinden und Beratungsstellen sich vernetzen und – im physischen Sinne – reale lokale Anlaufstellen einbinden. Insbesondere Pfarrer und Pfarrerinnen können bei der Internetarbeit beim Thema Seelsorge online aktiv werden und den Kontakt mit den um Rat suchenden Menschen herstellen und bei Bedarf an ansprechende Stellen in der Kirchengemeinde weiterleiten. Jede Gemeinde muss für sich herausfinden, welches digitale Angebot und welche Form der Online-Kommunikation am besten zur ihr passt und wie sie diese Möglichkeiten nutzt, um die reale soziale Gemeinschaft der Gläubigen zu stärken.
Ausblick: Soziale Medien bieten demokratische Teilhabe an der Kirche
Ein großer Vorteil der sozialen Medien ist ihr basisdemokratischer Charakter, der im Gegensatz zu den hierarchischen Strukturen der Kirche steht. Das Smartphone und seine Apps ermöglichen es den Gläubigen, sich neu mit ihrer Kirche zu verbinden, da durch den sozialen Charakter der neuen medialen Formen Dialoge sowie Diskurse entstehen können und Partizipation ermöglicht wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Kirche als Institution dieses Potential als Chance und nicht als Bedrohung ihrer Deutungshoheit betrachtet und begreift, dass religiöse Gemeinschaften soziale Organismen sind, die sich an neue Lebensbedingungen und -umstände anpassen müssen, um überleben zu können. Nur wenn die Kirche lernt, auf die Bedürfnisse der am Glauben Interessierten und auch ihrer eigenen Angehörigen (so z. B. auch beim Thema weibliche Priesterinnen in der katholischen Kirche) einzugehen, wird sie Bestand als gesellschaftliche Kraft haben.