Das Berufungspastoral Bistum Aachen bietet im Visionauten-Projekt jungen Menschen zwischen Schule, Ausbildung und Studium die Möglichkeit herauszufinden, was sie im Leben machen wollen.

Henrike Mehrhoff sitzt inmitten der Dreifaltigkeitskirche an einem Besprechungstisch mit anderen Mitarbeitern der evangelischen Jugendkirche Aachen. Gemeinsam werden hier die letzten Feinschliffe des morgigen Jugendgottesdienstes besprochen, bei dem auch die neue, hauseigene Pfarrerin vorgestellt werden soll. Henrike ist 19 Jahre alt, macht ein freiwilliges soziales Jahr in der JuKi und wohnt mit drei anderen Bewohnern in einer WG. Um 17 Uhr hat sie Feierabend und macht sich auf den Weg nach Hause. Weit hat sie es nicht, denn ihre WG ist mitten in der Innenstadt.

Klingt so weit nicht weiter ungewöhnlich. Doch Henrike und ihre Mitbewohner nehmen alle gemeinsam an einem besonderen Projekt teil: Sie sind Visionauten. Ins Weltall reisen tun sie zwar nicht, aber sie haben dennoch Großes vor. Bei dem Projekt, welches von der Berufungspastoral des Bistums Aachen initiiert wurde, geht es für die Visionauten darum, herauszufinden, wie sie leben wollen. Die Arbeit in einer kirchlichen Non-Profit- Organisation und das Zusammenleben mit anderen jungen Menschen, die sich in der gleichen Lebenssituation befinden, bilden dabei das Fundament dieses Orientierungsjahres. Das Projektleitungsteam besteht aus den Gemeindereferentinnen Anne Hermanns-Dentges und Renate Heymann sowie Pastoralreferent Christian Schröder. Sie begleiten die Visionauten als Mentoren auf ihrer Mission mit individuellen Coachings, Seminaren und Ausflügen. Ein offenes Angebot für junge Menschen also, um sich auszuprobieren und dazuzulernen. Alles mit kompetenter Unterstützung, die einem zur Seite steht. Der persönliche Glaube steht hierbei nicht unbedingt im Vordergrund, es geht mehr darum, sich einen möglichen Lebensentwurf zu zeichnen und seiner „Berufung“ einen Schritt näherzukommen.

Der Druck nach der Schule ist groß: Was möchte man überhaupt machen? Wo soll einen der Weg, den man einschlägt, hinführen? Hierbei geht es nicht nur um Ausbildung oder Studium, sondern auch um die Frage, wie man generell die eigene Zukunft gestalten will. Eine existentielle Frage also, auf die nicht jeder junge Mensch mit 18 oder 19 bereits eine Antwort und schon gar keine genaue Vision vor Augen hat. So ging es auch Henrike. Nach der Schule hatte sie zuerst mit dem Gedanken gespielt, als Au-pair in die Vereinigten Staaten gehen. Als dann stattdessen die Überlegung im Raum stand, ein freiwilliges soziales Jahr zu machen, hat sie passenderweise einen Zeitungsartikel über die Visionauten gelesen und sich einfach mal beworben. Aachen war nicht ganz so weit weg von zu Hause – Henrike kommt aus der Nähe von Düsseldorf –, und sie fand es einfach interessant, auszuprobieren, wie es ist, nicht mehr zu Hause zu wohnen. Was danach passiert, weiß sie noch nicht: ob sie nach Hause zurückzieht, wo oder ob sie studiert oder was sie allgemein macht. Aber das gilt es ja noch herauszufinden, und sie steht außerdem noch ganz am Anfang des Visionauten-Jahres.

Lernen, das gemeinsame Leben zu gestalten: Die Visionauten-WG ist nicht nur eine Zweckgemeinschaft

Henrike kommt in ihrer Wohnung am Adalbertsberg an. Hier gibt es vier Schlafzimmer, ein Bad mit separatem WC und eine Küche, die mit allen notwendigen Küchenutensilien ausgestattet ist. Der Platz in der WG kostet monatlich 250 Euro warm inklusive Internet und Telefon. Das Entgelt für das freiwillige soziale Jahr beträgt zurzeit 360 Euro im Monat. Zusammen mit zwei Mitbewohnerinnen und einem Mitbewohner wohnt sie hier. Angelina macht ihr FSJ im Kompetenzzentrum Mutter/Vater-Kind, Miriam in der Jugendkirche kafarna:um und Christoph bei der Katholischen jungen Gemeinde Aachen. Heute Abend hat Henrike allerdings sturmfrei. Normalerweise machen die vier aber oft etwas zusammen. Feste WG-Abende sind auch ein verpflichtender Teil des Programms, den sie aber gestalten können, wie sie möchten. „Einen festen Termin brauchen wir hierfür aber eigentlich gar nicht, wir setzen uns auch so einfach zusammen ins Wohnzimmer und reden, wir kochen was zusammen oder gehen mal ins Kino“, erzählt Henrike.
Henrike und ihre Mitbewohner kannten sich vorher nicht. Das Projekt lief 2015 zum ersten Mal und hat bisher so gut funktioniert, dass dieses Jahr zwei weitere WG-Gruppen hinzugekommen sind: eine weitere Gruppe in Aachen mit drei Plätzen und eine in Krefeld mit vier Plätzen. Ende August gab es einen Starttag für die insgesamt zehn Visionauten, an dem man die Mitbewohner und die anderen Teilnehmer zum ersten Mal gesehen hat. Dann hieß es gemeinsam in den WG-Alltag starten. Am Anfang sei das Zusammenleben ein bisschen gewöhnungsbedürftig gewesen: „Ich bin es zum Beispiel von zu Hause gewohnt, dass immer alle Türen offen sind. In der WG hatte ich dann anfangs als Einzige die Zimmertür offen stehen, während alle anderen zu waren“, berichtet sie lachend. Mittlerweile hat man sich aber näher kennengelernt und alle verstehen sich einwandfrei. Für Henrike ist das Besondere an der WG vor allem, dass sie sich alle in der gleichen Situation befinden. „In einer normalen WG kann der eine schon mitten im Studium sein, der andere ganz am Anfang und ein weiterer Bewohner befindet sich in der Ausbildung oder arbeitet schon“, meint sie. Bei den Visionauten seien alle auf der Suche nach Orientierung, alle versuchen herauszufinden, was nach dem Jahr passiert und was sie später erreichen wollen. Der Austausch untereinander sei sehr bereichernd, weil alle die gleiche Lebensphase durchmachen.

Wohin soll die eigene Reise gehen? Mit ein bisschen Hilfe und den richtigen Inputs kommen die Visionauten der Antwort auf diese Frage ein bisschen näher

Doch nicht nur der Austausch untereinander hilft den Visionauten in ihrer Entscheidungsfindung, für die Zukunft weiterzukommen: Sie nehmen auch an Seminaren teil und an sogenannten Visionauten-Abenden, bei denen sie auch mit der zweiten Aachener WG zusammenkommen. Hier können sie Themen und Ideen einbringen, die sie bewegen. Mit der Jugendkirche war Henrike in der freien Kirche bei einem Konzert, was sie dann in der Gruppe am Visionauten-Abend vorgeschlagen hat. Eine andere Visionautin hat in die Runde eingeworfen, dass sie es toll fände, wenn alle zusammen meditieren würden.
Die Teilnehmer erhalten außerdem alle vier bis sechs Wochen bei einem Mentor ihrer Wahl von der Berufungspastoral im Visionauten-Büro, welches sich nur ein paar Häuser neben den WGs befindet, Einzelcoachings. Henrike hatte bisher drei Coachings. Sie hatte dabei die Möglichkeit, über ihre Stärken und Schwächen zu reden, darüber, was sie gerne ändern würde, und über das, was sie schon gut kann. Wo möchte man im Leben stehen? Was will man erreichen? Welche Bausteine hat man, um ein erfülltes Leben zu leben? „Im Gespräch kommt man durch die Inputs auf ganz neue Gedanken und Ideen“, erzählt Henrike. Sie beschäftigt sich so mit Fragen, die sie sich selber vorher nie gestellt hat, und beginnt so, ganz anders und neu zu denken.

Die eigenen Ideen sind gefragt: Bei ihren FSJ-Stellen setzen die Visionauten im Laufe des Jahres ihr ganz eigenes Projekt um

Es gibt viele Partnerorganisationen, bei denen man im Freiwilligendienst arbeiten kann, so auch die Jugendkirche, in der Henrike tätig ist. Nach Absprache ist es aber auch möglich, das FSJ bei einem anderen Träger zu leisten. Henrikes Aufgaben in der Jugendkirche sind vielfältig: Organisatorisches erledigen, mit Kindern spielen oder reden, sauber machen, einkaufen und kochen. „Die Schüler und Schülerinnen von der Viktoriaschule kommen in ihren Freistunden rüber in die Kirche. Dann spielen wir zum Beispiel eine Runde Karten oder wir gehen zusammen einkaufen, wenn wir nachmittags noch zusammen kochen wollen“, erzählt Henrike. 

Die Partnerorganisationen des Projekts zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie nicht nur helfende Hände für den alltäglichen Betrieb suchen, sondern auch an den Gedanken und Ideen der FSJler interessiert sind. Daher ist es vorgesehen, dass jeder Visionaut in seiner Einsatzstelle ein innovatives Projekt umsetzt. Hierbei kann es sich zum Beispiel um die Organisation einer Aktion, einer Veranstaltung oder eines Ausflug handeln – vom Selbstverteidigungskurs bis hin zur Vorgartenverschönerung.
Um den Visionauten frische Ideen näherzubringen, die zeigen, wie vielfältig Kirche aussehen kann, sind sie gemeinsam mit Christian Schröder eine Woche nach London gereist. In einer Kirche war beispielsweise ganz normaler Café-Betrieb und trotzdem Gottesdienst. In der Mittagspause sind die Geschäftsmänner in die Kirche gekommen und haben auf den Kirchenbänken ihren Lunch zu sich genommen. „Sie saßen einfach auf Kirchenbänken und haben miteinander gesprochen und dabei gegessen. Das ist ja eine ganz neue Art von Kirche, so was findet man hier ja nicht“, berichtet Henrike begeistert. Solche Einblicke sollen den Visionauten neue Perspektiven eröffnen und auch Inspirationen für das eigene praktische Vorhaben an der jeweiligen Arbeitsstelle geben.

Die Ausrüstung für den gelungenen Raketenstart in die Zukunft wird mit auf den Weg gegeben
Vorher hatte Henrike nicht so viel mit Kirche am Hut. Sie war allerdings zwei Jahre auf einer katholischen Mädchenschule. Hier hat sich ihre Meinung zu katholischen Kirche ein wenig geändert, denn sie war schon überrascht, wie konservativ es dort teilweise zuging. Trotzdem oder gerade deswegen hat es sie gereizt, mehr über die Arbeit in einer Jugendkirche zu lernen und so zu erfahren, was man aus Kirche alles machen kann.

In ihrer persönlichen Entwicklung hat sie bisher nur von der Arbeit profitiert. Eigentlich ist sie eine eher zurückhaltende Person und etwas schüchtern. Mittlerweile ist sie aber über ihren Schatten gesprungen und hat gelernt, ohne Scheu auf Menschen zuzugehen. „Das Jahr ist zwar noch jung, aber allgemein glaube ich, dass ich sehr viel aus der Erfahrung mitnehmen werde. Sowohl das, was ich in der Jugendkirche lerne, als auch das, was ich beim Coaching mitbekomme. Es ist alles sehr bereichernd.“

Für Henrike und ihre Weggefährten ist das Jahr noch in vollem Gange. Wer sich vielleicht gerade im letzten Schuljahr befindet und noch nicht so recht weiß, wohin der eigene Lebensweg gehen soll, kann sich in der nächste Runde bewerben und zusammen mit anderen Visionauten abheben.

Mehr Infos unter:
www.die-visionauten.de