Bei der Jahresabschlussveranstaltung „Information oder Sensation als medienethische Herausforderung“ des Marketingclub Aachen geben Udo Röbel, Bernd Mathieu und Prof. Dr. Marlis Prinzing bei Vortrag und Podiumsdiskussion viele neue Inputs rund um das Thema Journalismus 2.0, medienethische Fragen im Zeitalter der neuen Medien sowie die Frage wie sich die herkömmlichen Medien hierzu positionieren und positionieren sollten.

Den Auftakt macht der ehemalige BILD-Chef-Redakteur Udo Röbel mit seinem Vortrag „Medienethik 2.0 – Von Gladbeck bis zum Amoklauf in München. Von der Schlagzeile bis zum Shitstorm.“

Schmunzelnd betritt er die Bühne. Warum er schmunzelt, erklärt er auch. An den Film „Extrablatt“ von Billy Wilder habe er gerade denken müssen. In diesem geht es um den Starreporter, Hildy Johnson, der vorhat, das stressige Leben als Boulevard-Reporter an den Nagel zu hängen. Als sich jedoch die größte Story des Jahres ereignet, wird er von den Ereignissen in Bann gezogen und schreibt eine letzte Titelstory. Röbel nennt den Film ein Paradebeispiel für den Boulevard-Journalismus. Was an dem Film aber besonders passend zum Thema des Abends sei: der Herausgeber von Johnson, Walter Burns, zieht sich am Ende des Films zurück und beginnt – wie es die Ironie so will – an der Universität Vorträge über Moral und Ethik zu halten.

Röbel bei Gladbeck – Ein Reporter zwischen Berichterstattung und Beihilfe

Hiermit nimmt er witzelnd Bezug zu sich selbst, da ausgerechnet er, der nach dem Gladbecker Geiseldrama 1988, den Ruf als „Reporter des Satans“ weg hatte, einen Impulsvortrag über Medienethik an diesem Abend hält. Kurzfassen lässt sich seine Rolle in dem Vorfall damals so: Er bot sich an, die Geiselnehmer, die in Köln in der Einkaufsstraße Breitestraße – und somit quasi vor der Haustür der Express Redaktion – einen Zwischenstopp gemacht hatten, im Fluchtwagen bis zur nächsten Autobahnauffahrt zu lotsen und fuhr zwischen Köln und der Raststätte Siegburg im Fluchtfahrzeug mit.

Für Röbel ist Gladbeck mittlerweile medienethisch geklärt. „Die Medien haben aus diesem Vorfall gelernt“ meint er. Er sieht sein Verhalten von damals kritisch und gibt seinen Fehler zu, auch wenn er erklärt, dass seine Reaktion spontan war und vor allem seinem journalistischen Impuls als Reporter folgte. Für ihn wurden jedoch vor allem zwei Grenzen überschritten: die Nähe, die ein Reporter zu einem kriminellen Geschehen haben darf als auch die Tatsache, dass ein Reporter selber zum Akteur des Geschehens wurde. Der Pressekodex wurde damals daher auch entsprechend erweitert und zumindest die klassischen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen haben dazugelernt. Für ihn gehen die heutigen medienethischen Verstöße im Netz jedoch weit über das hinaus, was damals in Gladbeck passiert ist.

Das tägliche mediale Leben in den sozialen Netzwerken sei heutzutage außer Kontrolle. Die Berichterstattung liegt nicht mehr allein in der Hand von ausgebildeten Journalisten. Eine neue Form des partizipativen, kollaborativen Journalismus schlägt um sich. Dass Bürger durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen, ist natürlich per se nichts Negatives. Schon vor Smartphones und Social Media wurden Fotos von Lesern, die am Geschehen nah dran waren, verwendet und eine Erweiterung des Blickfeldes bei der Berichterstattung durch Videos und Bilder von Menschen, die live beim Geschehen dabei sind, ist für den sich informierenden Bürger sicher auch eine Bereicherung. Die Möglichkeit, dass jeder mit einem Handy und Internetzugang alles frei heraus posten kann, verschiebt jedoch die Rolle der klassischen Gatekeeper-Funktion der Massenmedien, die früher, wie Schleusenwärter eben, die Informationen nach journalistischen Kriterien gefiltert haben. Im Netz können (Fehl-)Informationen schnell viral verbreitet werden und auch leicht anders kontextualisiert werden, sodass sich ganz einfach auch falsche Informationen oder sogenannte Fake-News breitmachen können.

Fake-News als Symptom der Informationsverbreitung in den sozialen Medien

Als plakatives Beispiel bringt Röbel ein Handyvideo, welches angeblich in einer Dresdener Einkaufspassage aufgenommen worden ist. Im Video sieht man Frauen mit Kopftuch sowie Männer, die für den Betrachter in diesem Kontext wie Flüchtlinge aussehen. Man sieht, wie sie in Richtung des aufgestellten Weihnachtsbaum rennen und anfangen den Weihnachtsschmuck vom Baum zu reißen. Die Reaktion eines Zuschauers, der das Video mit diesen gegeben Hintergrundinformationen sieht: Wut und Empörung.
Wenn man aber erfährt, dass das Video gar nicht am alten Markt in Dresden aufgenommen worden ist, sondern in einer Shoppingmall in Kairo, in der der Weihnachtsbaum eigens dafür aufgestellt worden ist, um geplündert zu werden, sieht man das Ganze in einem komplett anderen Licht. Es handelt sich hierbei um einen traditionellen Brauch in Kairo, den man „Christmas tree plundering“ nennt. Ist jedoch die Botschaft, dass Muslime aus Respektlosigkeit vor dem christlichen Weihnachtsfest einen Weihnachtsbaum zerstören, erst einmal verbreitet, lässt sie sich nur schwer wieder zurücknehmen. Die Wirkung, die virale Scheinnachrichten haben können, lässt sich an diesem Beispiel ansatzweise darstellen.

Bei Fake-News geht es vor allem um eines: Klicks und Geld. Das Problem: bei Facebook gibt es keine oder kaum eine Möglichkeit, rechtlich gegen Falschmeldungen vorzugehen. Keiner trägt die Verantwortung für die Verbreitung falscher, hetzender oder diskriminierender Beiträge, es gibt keine Konsequenzen und einen Beitrag zu melden hat so gut wie keine Wirkung. Bernd Matthieu erzählt später bei der Podiumsdiskussion zwar, dass die Aachener Zeitung erfolgreich einen hetzerischen Kommentar auf ihrer Website zur Anzeige gebracht hat, Röbel weist hierbei jedoch darauf, dass das man im Unterschied zu Facebook auf der eigenen Homepage auch an die IP-Adresse des Schreibers herankommen kann, was bei Facebook schlichtweg unmöglich ist. Facebook entzieht sich da jeglicher Kontrolle, auch wenn der politische Druck auf das soziale Netzwerk größer wird.

Selbst die Polizei kämpft gegen den medialen, postfaktischen Tsunami

Ein weiteres Problem an der Verbreitung von falschen Informationen, abgesehen von der rechtlichen Komponente, ist auch die Reaktion der Nutzer von sozialen Netzwerken. Hyperreagibilität ist hier das Stichwort, welches Röbel nennt. Damit wird die übersteigerte Reaktionsbereitschaft eines Organismus auf exogene Einflüsse bezeichnet. Dieser ursprünglich medizinische Begriff lässt sich laut Röbel hervorragend auf die Reaktion von Menschen in sozialen Netzwerken rund um die Terrorgefahr übertragen. Am Beispiel München zeigt er auf, wie die mediale Überreaktion mit falschen Videos des Täters und verschiedenen Meldungen auf Facebook, Twitter und Co. die Arbeit der Polizei stark beeinträchtigte, die dank des medialen Chaos von 67 Tatorten ausgehen musste, obwohl es sich im Endeffekt nur um einen handelte. Die sozialen Medien waren ein zusätzlicher Feind der Polizei.

Das Wort des Jahres 2016 ist „postfaktisch“. Das Wörtchen „Post“ deutet immer an, dass ein vorheriger Zustand überwunden ist. In diesem Fall soll es bedeuten, dass bei der Diskussion politischer und gesellschaftlicher Themen zunehmend Emotionen die Realität der Fakten ersetzen. In einem Zeitalter, in dem ein künftiger US-Präsident vor keiner opportunistischen Lüge, die sich medial verkaufen lässt, zurückschreckt, die meisten auf der Suche nach Nachrichten und Informationen lediglich auf der Suche nach der Bestätigung der eigenen Meinung ist und Datenvolumen Meinungsteilhabe bedeutet, steht das Wort für einen tiefgreifenden politischen Wandel. Die klassischen Medien sind hierbei die großen Verlierer. Röbel ist sich sicher: über Gladbeck reden wir nach 30 Jahren immer noch und das ist auch in Ordnung, über die Moral und Ethik von Big Data jedoch noch viel zu wenig.

Die Medienethik als leitender Kompass

Was genau bedeutet aber Moral und Ethik in den Medien? Bei der Podiumsdiskussion, bei der Bernd Matthieu und Prof. Dr. Marlis Prinzing (Professorin für Journalistik an der Macromedia Hochschule in Köln, Kolumnistin und Moderatorin aus Köln) Udo Röbel unterstützen, stellt sich zu Beginn genau diese Frage. Für Prinzing ist es klar: die Medienethik ist kein Gesetzbuch, es ist mehr eine Handhabungsempfehlung. „Es ist ein ethischer Kompass, der nötig ist als Kompass für jede Redaktion“.  Ein Kompass, der sich immer neu orientiert und auch aus vergangen Situationen – mit Verweis aus Gladbeck – lernt. Der Pressekodex bietet solch einen Leitfaden. Die Richtlinien des Presskodex bieten eben in bestimmten Situationen Handlungsempfehlungen, es ist ein System der Abwägung.

Wie es sich meistens mit Themen rund um Ethik und Moral gestaltet, ist der von Prinzing beschriebene Umgang mit ethischen Richtlinien im Journalismus ein Idealbild – so sollte es sein. Die Frage, die sich eher stellt ist, ob dies auch wirklich in der Praxis angewandt wird. Auch Röbel wendet an dieser Stelle zu Recht ein, dass gerade die neuen Medien sich doch hieran nicht orientieren würden. Bernd Matthieu wiederrum ist der Meinung, dass jede Redaktion ihren eigenen ethischen Kodex aufsetzen sollte, nach dem alle Artikel verfasst werden. Dies erhöhe die Verbindlichkeit.

Die Diskussionsbeiträge der Teilnehmer plädieren in ihrer Gesamtstimme vor allem für eines: einen verantwortungsbewussten Journalismus. Einfach umzugehen sei es mit dieser ethischen Verantwortung bei der Berichterstattung nicht. In diesem Zusammenhang debattieren die drei Diskussionsteilnehmer vor allem über den Punkt 12.1 des Pressekodex. Dieser besagt, dass die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt werden soll, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Wann herrscht aber ein begründeter Sachbezug und wann nicht? Für die Redakteure ist dies meistens nach Analyse der Sachlage und moralischer Abwägung geklärt. Wird jedoch eine Entscheidung gegen die Bekanntgabe dieser Information getroffen, entsteht in den sozialen Netzwerken schnell Kritik und der Vorwurf der „Lügenpresse“ aus der rechten Sparte lässt nicht lange auf sich warten.

Soziale Netzwerke als neues Sprachrohr für Stammtischparolen

„Soziale Medien lassen sich durch eine Minderheit durchgeknallter Social-Media-Nutzer lenken“ so Matthieu zum Thema diskriminierender Beiträge, Fake-News und Hasskommentare. Röbel meint „Es gab leider schon immer diskriminierende, rassistische Kommentare von manchen Teilen der Gesellschaft.“ Der Unterschied zu der Zeit vor Facebook: man hat sie nicht gehört. Die sozialen Medien bieten eben eine neue Plattform, ein neues Sprachrohr für das, was man früher unter dem Stichwort Stammtischparole abgestempelt hat. So bildet sich dort zwar eine laute Minderheit ab, die schweigende Mehrheit lässt dies allerdings auch zu. Der Community Gedanke müsse in der digitalen sowie der realen Welt viel mehr zum Vorschein treten, so Matthieu, sodass Hasskommentatoren keine Chance geboten werden dürfe. Er verweist darauf, dass sich das geringe Interesse und Engagement vieler Bürger auch an der Zusammensetzung des Stadtrats beispielhaft aufzeigen lässt. Selbstständige oder Vertreter der Universität seien hier kaum zu finden.

Röbel und Prinzing sind aber gleichzeitig der Ansicht, dass das Vorhandensein sozialer Medien an sich nicht die Hauptursache für Hasskommentare sei. An dieser Stelle sei auch immer die Politik gefragt. Veränderungen im Telekommunikationsgesetz in Bezug auf die Ausweitung rechtlicher Möglichkeiten in Facebook sollten angestrebt werden. Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein.

Der Mensch ist wie er ist – inklusive Klatsch- und Sensationslust

Auch eine Diskussion über die Grundzüge des menschlichen Wesens ergibt sich an diesem Abend. Kann der Mensch medienethisch dazulernen oder ist der Mensch à la Thomas Hobbes von Grund auf böse und lebt für die Sensationsnews und die reißerische Schlagzeile? Hier stehen sich vor allem Prinzing und Röbel diametral gegenüber. Röbel ist der Meinung, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr eine Auswahl an Zeitungen gibt, die sich dem Thema Klatsch widmet, sondern, dass gar die ganze Medienwelt boulevardisiert worden sei. „Der Mensch ist wie er ist; der Klatsch im Treppenhaus ist das beste Beispiel“ so Röbel. Sensationslust sei dem Menschen wie angeboren. Klicks und Einschaltquoten regieren nicht umsonst die Berichterstattung. Da es Boulevard News überall im Netz umsonst gibt, der erfolgreich konsumiert wird, orientieren sich selbst etablierte Zeitungen immer mehr daran. Der wirtschaftliche Faktor ist hierbei relevant. Es scheint als habe der Boulevard gewonnen.
Matthieu merkt weniger pessimistisch an, dass es sich bei der Sensationslust um eine wechselseitige Beziehung handle. Journalisten orientieren sich auch an dem, was die Nutzer zu wollen scheinen. Actio, reactio eben. Die Good News haben noch nie die besten Schlagzeilen gegeben. Das Vorhandensein einer Masse an nicht dirigierten Kommunikationskanälen tut hier sein Übriges.

Prinzing spricht sich wiederum für mediale Früherziehung aus und für die Entwicklung eines ethischen, digitalen Kompasses. Eine dosierte Sensationslust sei vertretbar. Außerdem meint sie, dass das Problem der Verbreitung von Nachrichten via social media vor allem deren Kontextualisierung sei. Wie kann ich Informationen vernünftig einordnen, wenn ich nicht die größeren Zusammenhänge sehe?

Ausblick – „Unaufhörlich dicke Bretter bohren!“

Die Resultate der Debatte sind ernüchternd. Nach dem Vortrag und der Diskussion guckt man als Zuhörer erst einmal ziemlich frustriert in die Röhre. Die Debatte über die Schwierigkeiten des Journalismus im Zeitalter der neuen Medien gepaart mit viraler Verbreitung von Fake-News, Shitstorms und Hasskommentaren ist natürlich nicht neu. Dennoch ist es wichtig, sich die Ursachen und Probleme immer wieder vor Augen zu führen und so Stück für Stück neue Inputs zu gewinnen und an Änderungsmöglichkeiten zu arbeiten. Auf die Frage aus dem Publikum, wie viel Einfluss die etablierten Medien denn noch auf die jüngere Generation haben und was man tun kann, um diese zu erreichen antwortet Röbel schwarzmalerisch: „Nichts, die jungen Leute werden einfach kaum erreicht“. Ob dies wirklich der Fall ist oder nicht – darüber lässt sich streiten. Es lässt jedoch vermuten, wie schwierig es etablierte Medien haben, sich in der Überflutung an Informationskanälen der heutigen Zeit, zu positionieren. In welcher Lage befindet sich eigentlich das Individuum im Chaos der Überflutung an Informationen? Röbel ist überzeugt, dass die Reizüberflutung eben nicht zur Verarbeitung führt. Man versteht die Zusammenhänge nicht besser, sondern lehnt die Verarbeitung bei zu viel Einflüssen eher ab, auch wenn man dies nie zugeben würde. Die etablierten Medien müssen sich wieder unterscheiden, eine klare Linie vorgeben, zeigen, was es lohnenswert macht, sich über sie zu informieren. Sie sollten unter Beweis stellen, welchen Mehrwert sie bieten und nicht versuchen, sich den Mechanismen der Informationsverbreitung in den sozialen Medien komplett anzugleichen.

Wie soll es weiter gehen, was kann man im Großen und Kleinen tun für die Entwicklung hin zu einem ethischen, verantwortungsbewussten Journalismus?
„Unaufhörlich dicke Bretter bohren“ so Prinzing lächelnd. Die Herausforderung ist groß. Für Matthieu kommt es darauf an, dahinzugehen, wo die Leute sind, Foren veranstalten, auf beleidigende Briefe zu reagieren und diese nicht zu ignorieren. Röbel pflichtet Prinzing bei und meint, dass er für sich persönlich vermerken kann, noch keinen Shitstorm auf Posts mit schwerer Kost auf seiner Seite bekommen zu haben: „Und ich werde mich auch bemühen weiterhin gutes Gedankenfutter auf Facebook zu verbreiten.“