Mal ganz ehrlich: Wer kennt auch das Gefühl, in Stapeln unsortierter Blätter und Hefter unterzugehen und nichts mehr wiederzufinden? Stehen wir nicht alle viel zu oft morgens ratlos vor dem Kleiderschrank und das, obwohl der Schrank doch fast schon überfüllt ist und die letzte Shoppingtour auch nicht (gerade) allzu lange her ist? Und wer ist nicht schon das ein oder andere Mal an den Rand der Verzweiflung gelangt, weil eine wirklich wichtige Datei auf dem vollgepackten und unsortierten Desktop nicht mehr auffindbar war?

Das klingt für viele wohl wie der ganz normale Alltagswahnsinn – aber wenn wir mal ehrlich sind, kann einen das sehr schnell sehr viel Zeit und Nerven kosten. Vor allem gerät man dadurch ständig in Stress, und egal wie gründlich man auch aufräumt, irgendetwas steht doch immer ungenutzt herum und ist ein Dorn im Auge. Okay, angesichts größerer Probleme und Katastrophen ist das vielleicht ein typisches „First-World-Problem“. Doch man kann es sich tatsächlich mit ein wenig Aufwand langfristig gesehen viel leichter machen. Und wie genau soll das bitteschön gehen? Das von Bloggern, sogenannten Influencern, und Autoren seit einiger Zeit so gern gebrauchte Zauberwort heißt „Minimalismus“.

Und was ist die Magie dahinter? Minimalismus umfasst eine grundsätzliche Haltung, ja man könnte es sogar Lifestyle oder Lebensphilosophie nennen. Dabei kommt der Begriff ursprünglich aus dem Bereich der Architektur, wo er so viel wie „klare Formsprache“ bedeutet. Schon von der Spätantike an verzichteten Vertreter des minimalistischen Baustils auf Dekorationselemente. Dieser Stil blieb bis in die Moderne erhalten und wurde in dieser Zeit vor allem durch Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe vertreten. In anderen Kunstformen, zum Beispiel im Design, wird Minimalismus gezielt eingesetzt wird, um die Funktion eines Objekts hervorzuheben, indem Gestaltungselemente, die dafür nicht ausschlaggebend sind, weggelassen werden. Erst in der Moderne fing man schließlich an, Minimalismus auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen und als Geisteshaltung zu etablieren.

Dieses Simple und Klare, das an minimalistischen Bauwerken auffällt, findet sich in der Haltung von modernen Minimalisten wieder: Sie haben es sich zum Ziel gemacht, ein weniger konsumorientiertes Leben zu führen, indem sie ihre eigenen Gewohnheiten sowie die der Gesellschaft kritisch hinterfragen. Bereich für Bereich nimmt man sich anschließend vor, um mal gründlich all das Zeug, das man so besitzt, auszumisten und zu prüfen: Was will ich behalten, weil ich es tatsächlich mag und auch gebrauche? Der Rest kommt weg. Möglichkeiten gibt es dazu ja viele. Und danach fühlt man sich befreit. Denn wer möchte schon alles horten, nur um nichts wegschmeißen oder weggeben zu müssen? Auf Dauer sammelt sich dann doch einiges an, das nur in der Ecke rumsteht und Platz wegnimmt. Deshalb kann dieses gezielte Ausmisten wirklich befreiend wirken.

Das mag jetzt vielleicht so klingen, als würde Minimalismus ausschließlich Gegenstände oder Materielles betreffen, aber wer sich intensiver mit Minimalismus beschäftigt, hinterfragt auch mal die zwischenmenschlichen Beziehungen, die man so alltäglich pflegt. Manchmal können diese uns nämlich beispielsweise durch eine durchweg pessimistische Einstellung unseres Gegenübers selbst negativ stimmen und uns einiges an Kraft rauben. Daneben können auch Freizeitaktivitäten eine Rolle spielen, wenn man nämlich mal überlegt: Wie will ich die Zeit, die mir frei zur Verfügung steht, nutzen? Will ich wirklich diese oder jene Sache konsequent durchziehen, obwohl sie am Ende doch nur Zeit frisst, ohne mir dabei wirklich ein gutes Gefühl zu geben oder Spaß zu machen? Und sogar die Ernährung kann man „minimalisieren“ – aber stopp, hier sind keine Diäten mit streng erzwungenem Verzicht gemeint, sondern zum Beispiel eine vegetarische oder vegane Ernährung! Denn dabei verzichtet man zwar auf Fleisch oder auf tierische Produkte überhaupt, schont aber die Tier- und Umwelt und man kann mit einem besseren Gewissen sein Essen genießen.

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass Minimalismus sehr unterschiedlich ausgelegt und ausgelebt werden kann. Während die einen lediglich regelmäßig Kleiderschrank und Bücherregal ausmisten und bewusster einkaufen gehen und andere sich wiederum auf ihre Ernährung beschränken, weil ihnen das am wichtigsten ist, gehen wieder andere den strikten Ganz-oder-gar-nicht-Weg: Sie beschränken sich ausschließlich auf das (für sie) Lebensnotwendige.

Natürlich sollte man seinen Maßstab nie zu hoch ansetzen und nicht gezwungenermaßen möglichst viel weg tun und sich zum Verzicht zwingen, denn das ist nicht die Intention hinter Minimalismus. Man muss für sich selbst herausfinden, was man braucht. Eines allerdings haben alle, die sich – auf welche Art und Weise auch immer – auseinandersetzen, gemeinsam: Sie wollen durch das Vereinfachen ihres Lebens und das Verringern ihres Besitzes zufrieden und frei leben. Denn das ist ein zentraler Gedanke hinter Minimalismus. Ohne dass wir uns dessen ständig bewusst sind, ist nämlich jeder Gegenstand, den wir zu Hause haben, ohne ihn wirklich zu brauchen oder zu mögen, eine Last, die uns Kraft raubt, z. B. indem er ständig im Weg steht und wir deshalb andere, wirklich wichtige Dinge nicht (schnell genug) finden. Durch gezieltes Ausmisten wirft man also auch Seelenballast ab und kann sich so besser auf das Wesentliche konzentrieren. Und auch wenn das Weggeben und Loslassen von Dingen vielleicht für einige erst mal wie ein Verlust wirkt, so lernt man dadurch das, was man am Ende behält, weil es eben tatsächlich wichtig für einen ist, viel mehr wertzuschätzen. Genauso wie man seine eigenen Bedürfnisse und den eigenen Stil besser kennenlernt, weil man sich immer wieder aufs Neue fragt: Was brauche ich, was will ich und was passt zu mir? Selbstreflexion ist also ein großer Teil des Minimalismus, der erst mal nicht direkt etwas mit Ausmisten und Aufräumen zu tun hat. Ein schöner (Neben-)Effekt ist, dass man auch eine Menge Geld sparen kann, indem man bewusster und dadurch auch weniger Unnötiges einkauft.
Doch nicht nur das eigene Leben kann man beeinflussen, sondern nebenbei auch noch einen kleinen Teil zum Umweltschutz beitragen: Denn oft geht Minimalismus auch mit dem Verzicht auf zu viel (Plastik-)Verpackungen einher, z. B. indem man weniger Fertiggerichte kauft oder auf Plastiktüten beim Einkaufen verzichtet. Wenn man also etwas weniger konsumorientiert handelt, werden auch automatisch weniger Ressourcen verschwendet – das wird die Umwelt zumindest etwas freuen.

Klingt zwar schön und gut, das alles – aber auch irgendwie kompliziert? Verständlich. Wie also geht man am besten an das Ganze heran, jetzt, wo man den „Mythos Minimalismus“ in sich durchblickt?
Zuallererst sollte man das eigene Kauf- und Konsumverhalten bewusst beobachten und kennenlernen, um zu entscheiden, was genau man daran überhaupt verändern möchte. Wenn man das weiß, ist schon mal viel getan. Man kann sich außerdem gut über Blogs, Podcasts oder YouTube-Kanäle (siehe Links) inspirieren lassen und sich dort einfach mal umschauen, wie andere Minimalismus in ihr Leben einfließen lassen, um eine genauere Vorstellung über das Wie zu bekommen. Doch es gibt eine Richtlinie, an die man sich halten sollte, um sich nicht komplett zu überfordern: immer nur einen Lebens- oder Haushaltsbereich pro Tag bzw. auf einmal ausmisten. Das ist machbar und man sieht schneller Ergebnisse, als wenn man mal hier, mal dort etwas wegtut!

Und damit beim nächsten Mal Einkaufengehen nicht wieder alles zunichtegemacht wird, indem man das mit Mühe Aussortierte gleich durch etwas Neues (aber genauso Unnötiges) ersetzt, sollte man ein paar allgemeine Tipps im Hinterkopf behalten:

1. Es ist immer besser, vorbereitet einkaufen zu gehen, anstatt aus einer spontanen Stimmung heraus, um Fehlkäufe – egal in welchem Bereich – zu vermeiden.
2. Kleidung für seltene Anlässe, die man ansonsten kaum braucht, wenn möglich lieber ausleihen. Das spart Geld und außerdem Platz im Kleiderschrank.
3. Um Fehlkäufe zu vermeiden kann, man bei Kleidung darauf achten, dass man sie leicht mit dem, was man schon hat, kombinieren kann und sie grundsätzlich zum eigenen Stil passt, sofern man den schon gefunden bzw. sich darin festgelegt hat. Das beugt auch dem allbekannten/berüchtigten (oben beschriebenen) „Kleiderschrankproblem“ vor.
4. Bei einigen Dingen ist es sinnvoll, auch mal etwas mehr in qualitativ hochwertigere Teile zu investieren. Die halten länger, sodass man automatisch weniger (oft) einkaufen gehen muss.

Du möchtest dich auch ans Minimalisieren wagen, weißt aber nicht, womit du anfangen und wie du vorgehen sollst? Zum Einstieg kann eine 30-Tage-Minimalismus-Challenge, die man im Internet in verschiedenen/unzähligen Ausführungen findet, helfen. Zum Beispiel diese vom deutschen Minimalismus-Blog „erleichtert“: https://erleichtert.net/2016/05/16/minimalismus-challenge-30-tage/ Auch hier gilt natürlich: Man sollte sich nur die Bereiche vornehmen, in denen man etwas verändern möchte, damit man am Ende nichts vermisst und womöglich unzufrieden ist!

Auf Inspirationssuche im Netz: Hier wird jeder fündig

YouTube: Typisch Sissi – In ihren Videoreihen „Minimalismus Mai“ und „#NurWasIchMag“, die jeweils auch gebündelt in einer Playlist zu finden sind, nimmt die langjährige YouTuberin und selbstständige Social-Media-Managerin ihre Zuschauer mit auf ihren Weg von der einstigen Shoppingsucht, die sie mittlerweile überwunden hat, zu einem minimalistischeren Leben und gibt immer wieder hilfreiche Tipps für den Alltag.
Blog: www.erleichtert.net – Hier kann man sich vom Leitfaden zum richtigen Entrümpeln über Artikel zu Minimalismus und Beziehungen bis hin zu den Themen Zero Waste und Medienkonsum einiges an Wissen und Anregungen anlesen.
Podcast: www.theminimalists.com – Der englischsprachige Podcast der beiden Amerikaner Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus hat durch die Leidenschaft der beiden, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen, mittlerweile eine Zielgruppe von mehreren Millionen Personen erreicht. Sogar Bücher haben die beiden schon veröffentlicht – also alles sehr professionell aufgezogen.