So idyllisch, wie es heute in Mödlareuth ist, war es bis vor 25 Jahren nicht, – die schöne weiße Fassade der Mauer auf den Bildern täuscht. Man mag kaum glauben, was für eine Geschichte dahintersteckt und wie viel Leid sie über die Menschen brachte. Diese Mauer war für lange Zeit eine Absperrung zwischen DDR und BRD. Sie teilte das Dorf für mehr als 37 Jahre und trennte Familien und Freunde.
Grenzpolizisten und Grenzsoldaten liefen an der Mauer entlang und ließen keinen hinter die Mauer schauen. Wie die Mödlareuther damit zurechtkamen, wie sie lebten und wie es zustande kam, ein 50-Einwohner-Dorf zu teilen, habe ich mit anderen Jugendlichen beim 4. Sächsischen Geschichtscamp der Körber-Stiftung bei einer Reise in vergangene Zeiten erfahren.

Mödlareuth ist ein kleines Dorf mit 50 Einwohnern, das schon im 16. Jahrhundert auf der Grenze zwischen der Grafschaft Reuß-Schleiz und der Markgrafschaft Bayreuth lag und das vom kleinen Tannbach getrennt wurde. Im 19. Jahrhundert wurde daraus die Grenze zwischen dem Fürstentum Reuß und dem Königreich Bayern. Heute gehört die eine Seite Mödlareuths zu Thüringen und die andere zum Freistaat Bayern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der DDR änderte sich einiges im Grenzgebiet.
1952 konnte man noch problemlos über die Grenze gehen, doch dann bauten die Besatzer einen Stacheldrahtzaun, damit man nicht mehr über die Grenze kommen konnte.
Der Stacheldrahtzaun wurde zum Lattenzaun, der drei Meter hoch war und durchs ganze Dorf verlief, um Sichtkontakt zwischen den Dorfbewohnern im Osten und im Westen zu verhindern. Dabei wurde die Obere Mühle in Mödlareuth abgerissen, die Bewohner konnten knapp vor dem Abriss aus dem Fenster springen. Denn dummerweise stand die Mühle genau auf der Grenze, und alle grenznahen Gebäude wurden abgerissen und deren Bewohner wurden umgesiedelt.

Mit dem Bau der Grenze in der ganzen DDR wurde eine neue Polizeiverordnung erlassen, an die sich jeder halten musste. Dazu gehörte, dass sich keiner der Grenze zu nähern hatte. Bei Regelverstoß durften die Grenzsoldaten schießen. Die Mödlareuther konnten nur fassungslos zusehen, wie ihr Dorf geteilt wurde. Ab da waren sie unter ständiger Beobachtung. Es wurden zwei Grenztürme errichtet: einer, von dem aus man die Mauer im Blick hatte, und einer, von dem aus man das ganze Dorf übersehen konnte. Die Grenztürme wurden immer so gebaut, dass die Grenzsoldaten gegenseitigen Sichtkontakt hatten. Trotzdem gelang einem Mann die Flucht über die Grenze in Mödlareuth. Im Mai 1973 fuhr er mit seinem Auto bis an die Mauer heran und stellte eine Leiter auf das Autodach und kam so über die Mauer. Die Flucht gelang nur, weil Bäume diesen Teil der Mauer verdeckten. So konnten die Grenzsoldaten im großen Grenzturm nichts Ungewöhnliches feststellen. Erst am nächsten Tag bemerkte man die Flucht. Die Bäume wurden unverzüglich gefällt, so dass man den Teil der Mauer ebenfalls überblicken konnte.

moedlareuth4Jede geglückte Flucht war ausschlaggebend für den Ausbau der Grenze. So wurden viele Schranken an der Grenze mit spitzen Metallpflöcken ausgerüstet. Diese Schranken gingen nicht wie normale Schranken rauf und runter, sondern wurden seitlich an die Straße gebaut, um sie sozusagen über die Straße zu drehen. So verhinderte man Grenzdurchbrüche mit Autos, die beim Versuch kläglich an der Schranke gescheitert wären. Die, die es doch geschafft hätten, wären an den Panzersperren oder in Betonkuhlen stecken geblieben. Die Grenze in Mödlareuth bestand nicht nur aus der Mauer, davor gab es außerdem einen Bereich mit aufgepflügter Erde, der zum Großteil mit Tretminen versehen war. Die aufgepflügte Erde war dazu da, damit die Grenzsoldaten sehen konnten, ob dort jemand entlanggegangen war. Doch wenn einer auf eine Tretmine gelaufen wäre und überlebt hätte, hätten die Grenzsoldaten Probleme gehabt, an den Verletzten heranzukommen, da die Minen durch Regen zum Teil verrutscht waren, so dass die Soldaten selber nicht wussten, wo sie waren.

An manchen Stellen am Grenzzaun waren Sprengfallen angebracht, die mit Schnüren verbunden waren. Sie detonierten dann, wenn die Schnüre berührt wurden. Dabei schoss die Sprengfalle bis zu 25 Meter weit kleine Metallklötzchen, die den Getroffenen tödlich verletzen konnten. Doch glücklicherweise traten solche Fälle nicht in Mödlareuth auf. Hier blieb es fast immer ruhig. Deswegen saßen die Grenzsoldaten in ihren Grenzhäuschen und spielten Karten oder vertrieben sich anders die Zeit.

Das Leben in Mödlareuth war sehr beeinträchtigt. Man wurde ständig beobachtet und die Dorfkneipe musste schließen. Man durfte den Menschen auf der anderen Seite nicht mal zuwinken, erst recht nicht mit ihnen reden. Eine bekannte Geschichte aus Mödlareuth handelt von zwei Brüdern. Sie wohnten keine 100 Meter voneinander entfernt, doch seit dem Errichten der Grenze musste einer der Brüder einen Umweg von 80 Kilometern machen, um seinen Bruder zu sehen. Er war einer der wenigen, die eine Sondergenehmigung bekamen, um jemanden zu besuchen, was daran lag, dass er Rentner war. Mödlareuth war damals schon bekannt, weil es zu dem Teil der Grenze gehörte, der mit einer Mauer bebaut war. Die Amerikaner nannten Mödlareuth auch „Little Berlin“, weil es die kleinere Variante der Berliner Mauer hatte.

moedlareuth3Als 1989 die Grenze zwischen Ost und West aufgelöst wurde, wurde am 9. Dezember ein Grenzübergang in Mödlareuth gebaut. Erst am 17. Juni 1990 begann der Teilabriss der Mauer. Der Baggerfahrer scheint dabei so viel Spaß gehabt zu haben, dass er gleich über 100 Meter Mauer abriss. Wenig später baute man eine ganz normale Gemeindestraße. Die Mödlareuther feierten diesen Tag mit einem großen Fest. Viele Menschen nahmen sich Trümmerstücke von der Mauer als Andenken mit.
Heute steht nur noch ein kleiner Teil der Mauer im jetzigen Deutsch-Deutschen Museum, wo Studenten und Schüler viel über die damalige Grenze erfahren können. Auch die zwei Grenztürme sind noch vorhanden, in den einen kann man sogar rein.

Vielleicht habt ihr auch Interesse, mit eurer Klasse dort hinzufahren, um mehr über Mödlareuth zu erfahren und selber in die Zeit der DDR im Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth einzutauchen. Es lohnt sich! Infos: www.museum-moedlareuth.de

tannbachFilmtipp // Falls du nicht so weit fahren willst und mehr über Mödlareuth erfahren möchtest, gib als Suche im Netz „Mödlareuth“ ein, dann findest du eine Dokumentation, die in der Mediathek des ZDF steht.
Hier der direkte Link:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/
Außerdem handelt der Spielfilm „Tannbach“ von Mödlareuth und seiner Geschichte.

 

 

Mehr über die Geschichtscamps der Körber-Stiftung findest du hier //
www.koerber-stiftung.de/bildung/history-campus/geschichtscamps.html
In der Mediathek gibt es auch einen Beitrag über das 4. Camp.