Eine Störung des Internetzugangs während der Woche des Schülerpraktikums in der Redaktion von a52 brachte uns zum Nachdenken. Wie hat man früher in der Redaktion gearbeitet? Statt am Rechner zu sitzen und Däumchen zu drehen hat Luzia das Internationale Zeitungsmuseum in Aachen besucht und dort nachgefragt.

Wer kennt das nicht? Zuerst spinnt nur Google ein bisschen, dann hat man auf einmal Mailflaute und dann taucht das gelbe Warndreieck auf. Kein Internet mehr. Router aus, Router an, funktioniert immer noch nicht. Na schön, dann rufen wir eben beim Anbieter an, nicht einmal die Warteschleifenmusik kann so schlimm sein. Aber nächster Schreck: Telefon funktioniert genauso wenig. Stimmt, das hängt ja auch irgendwie da mit drin.

Wenn das zu Hause passiert, ist das doof, aber ein Nachmittag ohne Twitter, WhatsApp, Facebook und Co hat noch keinem geschadet. In der Berufswelt ist das schon um einiges problematischer, besonders in einer Redaktion. Keine Anrufe, keine E-Mails, keine Nachforschungen im Netz. Theoretisch könnte man natürlich mit dem Handy telefonieren, aber die meisten Daten muss man dafür erst mal aus dem Internet oder der hauseigenen Datenbank holen, aber die ist natürlich auch auf dem Server. Ohne Internet geht also im Grunde gar nichts außer Kaffeetrinken, und der Arbeitstag ist gelaufen, bis es endlich wieder funktioniert.

Andererseits, Zeitungen gab es doch schon vor dem Internet, da ging es ja ganz selbstverständlich auch ohne. Aber woher kamen damals die Informationen und wie haben sich die Medien und der Journalismus mit dem Internet verändert?
IMG_9796zeitungsmuseumAuf der Suche nach Informationen begebe ich mich ins Internationale Zeitungsmuseum der Stadt Aachen – obwohl das Internet mittlerweile wieder funktioniert. Hier kann man nicht nur die Geschichte der Zeitung nachverfolgen, sondern auch die der Schrift, einen Blick in die Zukunft werfen und sich mit heutigen Problemen der Nachrichten auseinandersetzen.
Eine erste Antwort auf meine Fragen finde ich auch schon ganz am Anfang: Woher wusste man, dass irgendwo etwas passiert ist? Die Antwort nennt sich Nachrichtenticker und ist nichts Antikes, sondern wird auch heute noch genutzt. Nur eben über das Internet und nicht mehr wie bis Ende der 1990er Jahre per Fernschreiber. Die Nachrichten werden von Augenzeugen über die Journalisten an die Agenturen weitergeleitet, die diese per Ticker an die Redaktionen weiterleiten. Der Nachrichtenticker wird in kurzen Abständen immer wieder aktualisiert und zeigt die neuesten Meldungen an, aus denen sich die Redakteure die wichtigsten heraussuchen. Das ist nur die erste Sache, bei der mir auffällt, dass es heute immer noch ähnlich funktioniert wie vor dem Internet: Man telefoniert immer noch, allerdings ohne Wählscheibe, fotografiert wird ebenfalls, nur digital mit anderen Kameras oder teilweise mit dem Smartphone, und auch Notizen macht man immer häufiger digital. Ändern tun sich also die Mittel, aber nicht, was gemacht wird. Genau dasselbe haben wir auch bei der Zeitung selbst: Sie wird gedruckt, auf Papier, nicht mehr auf Stoff. Und auch die Druckverfahren haben sich mit der Zeit verändert, nicht zuletzt, weil aus der Zeitung mit der Erfindung der Papiermaschine ein Massenmedium wurde und in immer kürzerer Zeit immer mehr gedruckt werden musste. Heute haben die meisten Printmedien auch eine Onlineausgabe.

Nachrichten per Brieftaube

Museumsleiter Andreas Düspohl beantwortet die Frage, ob es heute mit dem Internet schneller geht: „Die Schnelligkeit bei der Übertragung von Nachrichten an die Redaktionen ist im Grunde mit Internet oder Telegraph dieselbe, aber den Unterschied macht hierbei vor allem die Masse, denn es fehlten die Mittel, um eine große Menge von Informationen zu bündeln. Und Bilder gab es auch weniger, da diese schwerer zu verschicken waren.“

Zudem erklärt er, dass mit dem Telegraphen im 19. Jahrhundert zumindest die westliche Welt vernetzt wurde, es gab Leitungen bis nach Amerika, auch wenn das schon eine sehr komplizierte Sache war, schließlich liegen über 5000 Kilometer zwischen Europa und den USA. Natürlich gab es auch noch Probleme, so fehlten von Aachen aus Mitte des 19. Jahrhunderts noch die Verbindungen nach Brüssel oder Paris. Während die anderen Menschen ihre Briefe per Postkutsche versandten, nutzte Paul Julius Reuter, Gründer der Reuters Nachrichtenagentur, Brieftauben. Diese waren schneller als die Kutsche, und Reuter war damit allen anderen Aachenern in Sachen Neuigkeiten immer ein wenig voraus. Um damit Geld zu machen, gründete er die Agentur.

Recherche ohne Google?

Und wie lief das mit der Recherche? Während wir heutzutage alles googeln und bei Wikipedia oder anderen Quellen suchen, wurde zu Zeiten vor dem Internet in Büchern nachgeschlagen, viele Verlage hatten ihre eigenen Bibliotheken. Außerdem entstanden im 19. Jahrhundert viele der heute bekannten Enzyklopädien wie zum Beispiel der Brockhaus. Informationen nachzuschlagen dauerte natürlich länger, dafür findet man im Internet zwar Massen an Informationen, hat jedoch keinen Einfluss darauf, ob man wirklich nützliche Seiten als Erstes angezeigt bekommt. Außerdem muss man dann noch prüfen, ob die Informationen dort wirklich aus ernstzunehmenden Quellen kommen.
Wie man Experten findet, erläutert Andreas Düspohl am Beispiel Affen. „Wohin geht man, wenn man etwas über Tiere herausfinden möchte?“, fragt er. Ich muss tatsächlich überlegen, bis ich auf „In den Tierpark“ komme. Natürlich hat man im Tierpark noch nicht direkt den Affenexperten, allerdings kennt vielleicht der Zoodirektor einen und hat im besten Fall sogar dessen Adresse oder Telefonnummer. Allgemein ist es aber so, dass Recherche über das Internet sehr viel weniger Zeit in Anspruch nimmt, weshalb solche Berichte oft über längere Hand geplant werden mussten.

Und wie hat das Internet die Zeitungen verändert? Bei Onlinezeitungen gehe es vor allem um Schnelligkeit, sagt Düspohl. Neue Infos zu allen möglichen Themen müssten möglichst schnell hochgeladen werden, auch wenn diese Berichte dann nur wenige Sätze lang sind und mit einem Satz wie „Weitere Informationen sind noch nicht bekannt, wir halten Sie aber natürlich auf dem Laufenden“ enden. Da es, wie zum Beispiel bei den Anschlägen auf Paris im November, anfangs nur wenige Informationen gibt, haben meistens alle Onlinezeitungen mehr oder weniger dasselbe auf ihren Seiten stehen.

Besser informiert durch Onlinemedien?

Aber müssten wir nicht auch noch eine Menge an Informationen über soziale Netzwerke bekommen? Schließlich twittert ja jeder alles, was ihm gerade so gefällt, und wenn irgendetwas passiert, was die Welt erschüttert, dann loggt sich auch jeder sofort in sämtlichen Netzwerken ein, um ja nichts zu verpassen. Das Problem: Jeder teilt und verlinkt immer wieder nur dieselben Dinge, und obwohl von allen Seiten Nachrichten kommen, ist es doch meist dasselbe. Und Augenzeugen? Wenn diese, etwa in einer Situation wie in Paris, überhaupt in der Lage sind, etwas zu schreiben, dann fehlt doch oft der Überblick. Diese Informationsflut ist einer der Gründe, weshalb es für Onlinezeitungen so wichtig ist, schnell die neuesten Informationen zu haben und hochzuladen, denn die meisten Leser wollen eben möglichst schnell informiert sein. Und die Anzahl an Klicks entscheidet gerade bei Onlinezeitungen, die gar nicht erst gedruckt erscheinen, wie viel Geld sie mit ihrer Seite verdienen. Entstanden sind diese Internetzeitungen, weil sich unsere Informationssuche ins Internet verlagert hat. Nicht nur Zeitung lesen wir online, auch Nachrichtensendungen wie die Tagesschau werden immer öfter am Computer als am Fernseher geschaut.
Man kann also sagen, dass das Internet die Art, wie wir uns informieren, verändert hat. Macht das die Menschheit schlauer? Nicht unbedingt, es geht zum Beispiel einfacher, Themen auszublenden, weil selbst die Informationsflut, die uns regelmäßig überrollt, dank Datensammlung und Auswertung fast nur aus Sachen besteht, die uns interessieren, und wir alles, was uns gerade nicht passt, einfach wegklicken können. Aber heißt das, dass es uns dümmer macht? Auch nicht, denke ich, aber wir sind auf jeden Fall abhängig davon und vergessen, dass es jahrelang ohne funktioniert hat.

Und da wäre ich auch schon wieder bei der eigentlichen Frage: Geht das, Redaktion ohne Internet? Theoretisch schon irgendwie, früher hat es ja auch funktioniert. Recherche dauert halt länger und es ist schwerer, spontan irgendetwas zu machen, aber es ist durchaus möglich und nicht so ein Weltuntergang, wie ich am Anfang dachte. Das Problem liegt wohl eher darin, dass eben mittlerweile alles über das Internet läuft, der Nachrichtenticker, die Datenspeicherung und zum Großteil auch die Kommunikation. Und deswegen kann man wohl sagen, dass es schwierig werden würde, nicht weil es ohne Internet unmöglich ist, sich zu verständigen, sondern weil alle anderen ja noch ins Internet können und nicht für eine einzige Redaktion der Fernschreiber wieder eingeführt wird. Also hat man in dem Fall gar nichts davon, dass es auch ohne Internet funktionieren könnte. Und so sollte man es besser einfach.

Kontakt zum Zeitungsmuseum:
Internationales Zeitungsmuseum Aachen
Pontstraße 13, 52062 Aachen, 0241 432-4910
www.izm.de

Foto im IZM: Anissa Belgacem