Michael Geusen wusste nicht genau, was er nach dem Abi machen sollte. Als er einen Artikel über Wadadee cares las, entschied er spontan, für ein halbes Jahr einen Freiwilligendienst zu machen. Clarissa von Meer hat ihn nach der Rückkehr getroffen.

Wie bist du auf Wadadee cares aufmerksam geworden und warum hast du dich dazu entschlossen, mit genau dieser Organisation den Aufenthalt zu planen? Hatte es etwas damit zu tun, dass die Organisation aus Aachen stammt?
Michael // Ich wurde auf einen Artikel hingewiesen, in dem Wadadee cares vorgestellt wurde. Eigentlich hatte ich da noch gar keine Lust auf einen Auslandsaufenthalt, aber ich wollte auch nicht direkt studieren gehen. Ich habe meinen Freund Robert gefragt, was er davon hält. Er hatte eine Afrikareise schon vorher in Erwägung gezogen – und dann haben wir es einfach gemacht.

Warum Namibia?
Namibia ist das einzige Land, das von Wadadee cares angeboten wird. Und Robert und mir war eigentlich relativ egal, in welches afrikanische Land wir fahren.

namibia2Was genau waren deine Tätigkeiten für die Organisation und in den Kinderheimen?
In den Kinderheimen haben wir Hausaufgabenbetreuung gemacht oder einfach nur mit den Kindern gespielt und Zeit verbracht. Manchmal haben wir auch gemeinsame Ausflüge gemacht. Wir haben auch einen Einblick in die organisatorische Seite der Organisation bekommen und waren mit Lena (Mitgründerin der Organisation) in verschiedenen Ämtern unterwegs, um Verwaltungssachen, die Wadadee cares betreffen, zu klären.

Hast du auch internationale Freundschaften geschlossen? Nicht nur mit den Einwohnern, sondern mit anderen Volontären aus aller Welt?
Wir haben in dem Wadadee-House gelebt. Dort waren immer etwa 15 bis 20 Menschen, die meisten waren Deutsche oder Skandinavier. Wir haben uns mit allen sehr gut verstanden. Ich habe sogar vor, in nächster Zeit mal nach Oslo zu reisen. Auch die Einwohner waren total freundlich zu uns. In unserer Straße lebten viele, die in unserem Alter waren, sodass man morgens auf dem Weg zur Arbeit immer in Gespräche verwickelt wurde. Da kam es schonmal vor, dass wir deshalb zu spät kamen!

Wie war das mit Ansprechpartnern in Afrika, falls sich Probleme auftun?
Bei Problemen konnten wir immer mit der Hausmanagerin oder dem Hausbesitzer sprechen, mit denen haben wir uns sehr gut verstanden. Auch Lena konnte man jederzeit telefonisch oder via Skype erreichen. Später ist sie zum Studieren sogar ins Haus gezogen, man hatte also immer einen Ansprechpartner vor Ort. Großartige Probleme gab es eigentlich nicht.

Wie war die Umstellung von Deutschland auf Namibia? Wie lange hat es gedauert, bis du dich an die Kultur und den Alltag gewöhnt hattest?
Das ging echt schnell. Wir haben uns quasi am zweiten Tag schon wie zu Hause gefühlt. Die Menschen in Namibia waren einfach sehr herzlich, sodass man sich sofort wohlfühlte. Bis man sich vollkommen eingewöhnt hatte und routiniert lebte, verging ungefähr ein Monat. Und am Ende wollten wir schon gar nicht mehr zurück ins kalte, nasse Deutschland.

namibia3War eine gewisse Angst vor giftigen Tieren, Krankheiten und/oder Kriminalität vorhanden, wenn auch nur unterschwellig?
Vor Tieren nicht – da haben wir uns keinen Stress gemacht. Wir haben sogar versucht, Schlagen zu finden, aber leider keine entdeckt.
Die Kriminalität war da schon präsenter. Uns wurde von Anfang an gesagt, wir sollten besser nicht nachts mit dem Taxi fahren, bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein oder nicht mit zu viel Geld in der Tasche das Haus verlassen. Was wichtig ist, ist ein sicheres Auftreten. Natürlich hilft es auch, wenn man ein über 1,90 Meter großer Kerl ist. Im Laufe der Monate ging das aber ganz gut, wir sind mit einigen Einheimischen auch abends feiern gegangen und dann nachts mit dem Taxi heimgefahren. Manche im Haus wurden aber tatsächlich ausgeraubt, und auch wir haben einige Schattenseiten Afrikas erlebt. Wir haben zum Beispiel gesehen, wie ein Kind von einem Auto angefahren wurde und haben durch unsere Anwesenheit einen Übergriff eines Taxifahrers auf eine Frau verhindert.
Bei den Krankheiten hat man schon Angst vor Aids, bzw. HIV. Im „Baby Haven“, dem Kinderheim, wo wir die meiste Zeit verbracht haben, waren zwei infizierte Kinder. Man hat ja schnell mal eine kleine Wunde an der Hand und auch Kinder fallen auch schnell mal hin und bluten. Wenn man dann weiß, das Kind ist HIV-positiv, war man am Anfang schon ein wenig zurückhaltender. Später ging das aber alles ganz gut, als wir wussten, was man beachten muss.

Hattest du genug Zeit, um auch mal etwas durch das Land zu reisen und die Umgebung zu erkunden?
Ja, sehr viel Zeit sogar. Wir sind zum Beispiel nach Swakopmund und zu einem etwa 50 Kilometer von dort entfernten Strand gefahren, an dem unfassbar viele Robben lagen. Da war es dann auch dementsprechend laut und hat total gestunken, aber es war sehr cool anzusehen, wie die ganzen Tiere da am Strand lagen. Wir haben auch oft Ausflüge über die Landesgrenzen von Namibia gemacht. Wir waren in Angola, Botswana, Zimbabwe und natürlich auch in Südafrika. Zum Beispiel haben wir einmal einen Zehn-Tage-Trip durch Kapstadt gemacht, eine wirklich wahnsinnige Stadt. Der Kontrast zwischen Südafrika und Namibia war echt krass – kaum war man über der Grenze, war alles total modern und entwickelt, zum Beispiel die Straßen.

War es sehr umständlich, das Visum und alles für den Aufenthalt zu organisieren?
Mit dem Visum gab es ein paar Probleme. Robert und ich haben es beide drei Monate vor der Reise beantragt, aber irgendwie kam nichts zurück. Zwei Wochen vor der Abreise bekam Robert dann eine Benachrichtigung, dass sein Visum in einem Amt in Namibia vorliegen würde – ich habe keine Benachrichtigung erhalten. Dann standen wir nach über zehn Stunden Flug am Flughafen in Namibia und ich hatte kein Visum. Ich dachte schon, die lassen mich jetzt nicht einreisen, aber irgendwie hat sich das dann doch geklärt und wir konnten nach Windhoek.

namibia1Wirst du durch die Afrika-Erfahrung Veränderungen in deinem Leben in Deutschland vornehmen, hast du dich verändert?
Ich hab mich auf jeden Fall etwas verändert durch Afrika. Zum einen habe ich von den Leuten gelernt, alles etwas entspannter zu sehen. Wir Deutschen sind ja oft viel zu angespannt und hektisch, wollen immer pünktlich sein und so weiter. Manchmal kann man das Leben nicht kontrollieren und muss einfach entspannt bleiben. Auch für die eigene Persönlichkeit war Afrika gut – man konnte sich geben, wie man ist, und wurde so von allen einfach akzeptiert. Ein weiterer Punkt ist die Selbstständigkeit; Afrika hat mir gezeigt, dass ich alleine leben kann und in der Lage bin, selbst für mich zu sorgen. Das ist natürlich für die Zukunft gut, wenn es zum Studieren aus Aachen weggeht.

Hast du Tipps für zukünftige Volontäre in Afrika?
Auf jeden Fall das mit dem Visum rechtzeitig klären. Meistens lösen sich Probleme wie bei mir, aber wenn man das Visum vorher hat, spart man sich doch so einigen Ärger. Ansonsten: einfach mal machen. Man kann eigentlich nur Erfahrungen für sein späteres Leben sammeln, ob gut oder schlecht. Wer also unsicher ist, ob er oder sie ein Volontärprogramm machen will, dem rate ich, es einfach durchzuziehen. Ich glaube kaum, dass jemand es später bereut, ein paar Monate im Ausland verbracht und etwas Gutes getan zu haben.

Infos

Was ist Wadadee cares?
Die Geschichte von Wadadee cares begann, als Lena Palm 2013 nach bestandenem Abitur für ein Jahr ins afrikanische Namibia ging, um dort gemeinnützige Arbeit in einem Kinderheim zu leisten. Nach ihrer Rückkehr und weiteren Besuchen Namibias hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter Petra Bauer die Idee, eine Organisa-tion zu gründen, die soziale Projekte in Windhoek, der Hauptstadt Namibias, unterstützt. Durch Spenden, Patenschaften und ein Volontärprogramm versucht das Aachener Mutter-Tochter-Gespann dort, benachteiligten Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen und ihnen Zugang zu guter Ernährung, Bildung und medizinischer Versorgung zu verschaffen. Im Oktober 2015 reisten zwei Aachener Abiturienten, Michael Geusen und Robert Reinartz, für ein halbes Jahr mit Wadadee cares nach Namibia, um dort in den Kinderheimen, die die Organisation betreut, freiwillige Arbeit zu leisten.
Man muss allerdings nicht direkt nach Namibia fliegen, um Wadadee cares und den Kinderheimen zu helfen: Privatpersonen, Schulklassen und Unternehmen können alle ihren Teil leisten, um namibischen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Informationen zu Spenden, Patenschaften und dem Volontärprogramm findet man auf
www.wadadeecares.com