Man findet sie überall in der Stadt. An Häusern, Laternenpfählen, auf dem Boden, an Stromkästen und vielen anderen Orten: kreative Kunstwerke, Verzierungen, Verschönerungen wie auch Verunstaltungen in Form von Stickern, Bildern, Skulpturen und vielem mehr. Zusammenfassen lässt sich das alles unter dem Oberbegriff „Street Art“. Doch was ist das eigentlich?
Es gibt keine eindeutige Definition von Street Art. Sie ist zunächst einfach eine von einem Künstler erschaffene visuelle Ausdrucksform, die für alle Menschen öffentlich zugänglich ist und selbstverständlich kostenlos zur Verfügung steht. Und das war es auch schon. Viel mehr lässt sich zu der eigentlichen Definition nicht sagen. Dafür ist die Street Art zu vielfältig und, wie der Name schon sagt, Straßenkunst, umfasst jede Art der künstlerischen Betätigung und hat keine Grenzen in ihrer Kreativität. Dennoch gibt es einige Formen von Street Art, die jeder kennt und die besonders häufig vorzufinden sind. Die jeweiligen Stilrichtungen verfolgen dabei häufig ein Ziel. Dies kann der Wunsch nach dem persönlichen Ausdruck der Meinung, Kritik an der Gesellschaft oder auch nur der Ausdruck des eigenen Lifestyles sein.
Hier haben wir die verschiedenen Arten der Street Art einmal zusammengefasst.

Post-It-Kunst und Post-It-War

Entstanden ist die Post-It-Kunst vor einigen Jahren in den USA und in Frankreich. Sie verbreitete sich von dort aus über fast ganz Europa und wurde zu einer beliebten Form der Street Art. 2011 kam es in Paris zum sogenannten Post-It-War: Angestellte zweier gegenüberliegender Bürogebäude lieferten sich mit immer aufwändigeren Post-It-Motiven einen erbitterten Kampf. Beliebte Motive, die von den Künstlern häufig auf Fensterscheiben angebracht werden, sind vor allem Charaktere aus Computerspielen wie Super Mario oder Pacman. Fotos von den Motiven wurden vor allem über die sozialen Netzwerke innerhalb kürzester Zeit verbreitet.

Urban Knitting

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Urban Knitting ist eine Form der Street Art, die immer moderner und beliebter unter den Künstlern wird. Hierbei werden verschiedenste Gegenstände, Bäume, Laternenpfähle und anderes, teilweise oder auch gänzlich mit Wolle umstrickt. Dies dient entweder der Verschönerung des Stadtbildes, kann aber auch Kritik üben. Ein gutes Beispiel dafür ist die Düsseldorfer Gruppe „Fluffy“, die viele verschiedene Projekte organisiert.  Doch auch in Aachen gibt es eine Aktion zur Verschönerung der Stadt mit dem Namen „Aachen strickt schön“. Mit ihren bunten Verzierungen an Bäumen, Geländerkugeln und den zwei allseits bekannten Enten, macht die Gruppe Aachen immer ein Stück weit bunter und lebensfroher. Sehr bekannt ist außerdem das umstrickte Fahrrad vor dem Laden „Görg Wolle“ in der Annastraße.

Sticker

Die am wahrscheinlich einfachsten anzuwendende Form der Street Art ist das Anbringen von Stickern in der Stadt. Die Motive sind dabei unterschiedlicher Natur. Es gibt Sticker, die einen humorvollen Charakter haben, verschiedene Parolen verbreiten, Werbung machen oder auch Kritik üben. Zurzeit ist der Sticker „Tihange abschalten“ sehr verbreitet, der die Abschaltung des belgischen Atomkraftwerks Tihange fordert.

Graffiti, Stencil, Murals

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Wandmalereien umfassen ein breites Spektrum von Arten der Kunst: Graffitis sind eine grundsätzlich illegale Art der Straßenkunst. Mit Sprühdosen und anderen Utensilien wird eine Wand vom Künstler besprüht. Beliebt ist das Sprühen des eigenen Künstlernamens in der eigenen individuellen Art, das „Taggen“. Aber auch eigene Motive oder aber ganze Kulissen werden genutzt.
Stencil bezeichnet eine Art des Graffitis, die es bereits sehr lange gibt. Hierbei wird, anders als beim normalen Graffiti, nicht aus der Hand, sondern mit Hilfe einer vorher angefertigten Schablone an die Wand gesprüht. Diese Technik eignet sich besonders gut zur simplen Vervielfältigung eines Motivs.
Großprojekte in der Wandmalerei nennt man Murals. Sie sind, da sie meistens in Auftrag gegeben werden, eine der wenigen legalen Formen von Street Art. Unterscheiden tun sich die Murals vor allem auch durch ihre oftmals gigantischen Ausmaße. Sie dienen, außer im Rahmen von beispielsweise Festivals, selten zur Unterhaltung, sondern vermitteln oftmals politische Botschaften oder zeigen einen Konflikt. Bei der Technik des Roll-On werden ein Motiv oder einzelne Schriftzüge mit Hilfe von Farbrollen an die Wand gebracht. Dank Teleskopstangen ist es hier auch möglich, höhere Stellen zu erreichen.
Kacheln werden vor dem Anbringen designed. Auch hier gibt es wieder die Möglichkeit der Gestaltung von Hand und der mit einer Schablone. Anschließend werden sie mit einem Kleber an der Wand befestigt. Die Größe der Kacheln ist unterschiedlich.

Kreidezeichnungen

Kreidezeichnungen sind lediglich ein kleiner Eingriff in das optische Stadtbild. Kreide ist einfach zu verwenden und leicht zu transportieren. Damit das Motiv besser zur Geltung kommt, kann der Hintergrund mit schwarzer Pappe beklebt werden. Dem Gesetz nach sind auch Kreidezeichnungen nicht erlaubt, wenn sie nicht abwaschbar und somit nicht leicht zu entfernen sind oder zu Missverständnissen führen können. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines 7-jährigen Mädchens, das mit Kreide Parkplätze in eine Spielstraße malte, um den erwarteten Besuch zu begrüßen. Die Familie erhielt eine Geldstrafe, die, nachdem sie die Zeichnung entfernt hatte, wieder zurückgezogen wurde.
Da Kreidezeichnungen die Leute jedoch kaum stören und eher einen kindlichen Flair haben, werden sie nur seltenst als Straftat angesehen.

Cut-Out

Eine weitere Form von Street Art ist ein Ausschnitt eines bestimmten Motivs welches später neu angebracht werden kann, das sogenannte Cut-Out. Das gewählte Motiv wird meistens schwarz-weiß auf Papier gedruckt, kann so leicht öfters kopiert und später, wenn man möchte, von Hand koloriert werden.

Kunst oder Schaden?

Alle Formen der Street Art haben, bis auf einige Ausnahmen, eine Gemeinsamkeit. Werden sie auf Flächen ausgeübt, die nicht im Besitz des Künstlers liegen, sind sie illegal. Das führt oft zu Konflikten, denn eine klare Grenze zwischen Vandalismus und Kunst gibt es hier nicht. Während der Künstler selber und möglicherweise auch einige andere Leute beispielsweise Graffiti als eine frei zugängliche und unterschätzte Kunst ansehen, ist sie für den Hausbesitzer eine lästige Schmiererei und ein teurer Schaden.

Der rechtliche Rahmen

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In der Städteregion Aachen ist Graffiti die am meisten verbreitete Technik der Street Art. Jedoch haben es (Hobby-)Künstler hier nicht so einfach, wenn sie den rechtlichen Rahmen nicht überschreiten wollen. Denn legale Flächen, auf denen man sich als Künstler austoben kann, gibt es hier nur wenige, und wer nicht gerade nach Würselen oder Kohlscheid kommt, findet in Aachen selbst wohl kaum etwas, was zu 100 % legal ist. Anfragen seitens der Künstler gibt es genug, jedoch müssen Flächen vor einer möglichen Freigabe viele Kriterien erfüllen.
Gisela Weiß ist die Zuständige für die Straßenunterhaltung und den Brückenbau in der StädteRegion Aachen. Sie hat Auskunft über die Genehmigungen von Flächen für Graffiti-Künstler gegeben. Bevor legal auf Wände gesprüht werden kann, müssen erst einmal viele Dinge geprüft werden. Es wird beispielsweise darauf geachtet, dass das Gelände, auf dem sich die Wände befinden, nicht gefährlich, also z. B. einsturzgefährdet ist. Außerdem muss das Gebiet leicht zugänglich sein und sollte keinen privaten Eigentümer haben.
Man muss auch bedenken, dass die Stadt auch nach der Freigabe noch die Möglichkeit hat, die Wände zu sanieren, abzureißen oder in einer anderen Weise zu verändern. Der Schutz der bis dahin gemalten Werke ist damit also nicht gewährleistet.
Ohne diese Genehmigung sind Graffitis also grundsätzlich illegal. Davon lassen sich viele Künstler aber nicht beeindrucken. Zu sehen ist dies auch an der gleichbleibenden Tendenz von illegalen Graffitis und an Orten wie dem Frankenberger Viertel oder der Unterführung Pontstraße. Hier findet man besonders viele Graffitis und die Künstler sind dort grundsätzlich illegal unterwegs.

Werk unter Denkmalschutz


Graffitis können aber auch weitaus mehr sein als nur eine lästige Schmiererei.
Dies beweist das Beispiel des Künstlers Klaus Paier (1945-2009). Dieser studierte in Aachen und fing 1978 damit an, Graffitis zu malen. Besonders auffällig an seinen Werken, die zum größten Teil nur noch auf Fotos bestehen, ist nicht nur das Großformat, in dem sie gemalt wurden, sondern auch das Thema dahinter. Paier malte häufig mit einer gesellschaftskritischen Absicht und kritisierte oft Dinge wie das Bildungssystem, Atomkraft oder auch Faschismus.
Da zu seiner Zeit das Sprayen noch nicht möglich war, war Paier meistens nachts mit Pinsel und Farbe unterwegs, um seine oft eckig wirkenden Bilder auf graue, alte Wände zu malen. Das bekannteste Bild von ihm ist „Liebespaar“, welches im Garten des „Café Kittel“ zu finden ist. Das Besondere daran ist, dass dieses Graffito sogar unter Denkmalschutz steht.
Bei diesem Bild waren sich alle einig, wie Isabel Maier, eine der Zuständigen für die Denkmalpflege in Aachen, erklärt. Es habe während des Eintragungsverfahrens keine Konflikte gegeben und alle Beteiligten hätten der Eintragung klar zugestimmt. Vorerst wird dieses Gemälde aber auch das einzige Gemälde von Paier sein, das unter Denkmalschutz steht.
Demnach ist das Gemälde von Klaus Paier etwas Besonderes. Denn bevor ein Werk unter Denkmalschutz gestellt werden kann, muss viel passieren. Es gibt Sicherungsmaßnahmen, die vom Eigentümer der Fläche bezahlt werden müssen. Außerdem muss die Untere Denkmalbehörde zustimmen und alles muss fachlich abgestimmt und betreut werden.

Aktuelle Künstler

Es gibt jedoch auch einige aktuelle Graffiti-Künstler in Aachen. Unter ihnen ist auch der gebürtige Aachener Señor Schnu. Der Erfinder der allseits bekannten angebissenen, aber dennoch lächelnden Eis am Stiel mit dem Schnurrbart und Vorbild vieler Straßenkünstler. Er selbst sieht sich als Vertreter des Happy Styles aus Barcelona, was auch seinen Künstlernamen erklärt.
Seinen optimistischen Lebensstil, bei dem er versucht, in allem etwas Positives zu sehen, findet man auch in seinen Werken wieder. Mit seinen bunten Farben und fröhlichen Gesichtern möchte er auch auf langweiligen und tristen Mauern versuchen, gute Laune und positives Denken zu übermitteln.
In Aachen sind die Eis am Stiel in kleiner Form fast überall zusehen. Da Señor Schnu jedoch nun in Berlin lebt und zum Teil auch als Auftragskünstler arbeitet, lassen sich viele Werke nun auch in den Straßen Berlins bewundern.
Sein bisher größtes Werk ist der 8 x 8 Meter große Schriftzug in Köln. Dieser wurde aber nicht gewöhnlich mit Farbspray gesprüht, sondern besteht aus Moos, das aufwändig aufgeklebt wurde.
Ein Interview mit dem Straßenkünstler findet ihr auf unserem YouTube Channel „a52Magazin“.

Wir hoffen, dass wir hiermit einen kleinen Einblick in die große Welt der Street Art geben konnten. Natürlich war dies nur ein Bruchteil der verschiedenen Formen von Street Art und es gibt noch jede Menge zu entdecken, da die Kunstwerke von Ort zu Ort unterschiedlich sind. Interessante Bilder findet ihr in unserer umfangreichen Street-Art-Galerie und wenn ihr selber noch weitere interessante Kunstwerke seht, zögert nicht, sie uns zu schicken. Wir freuen uns auf eure Bilder!

Text // Lineke Bösing, Yussra Halabi, Johannes Höppener
Fotos // Lineke Bösing, Yussra Halabi, Johannes Höppener, a52 Redaktion

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