Der Geruch nach Lakritze, der süße Geschmack von Haribo auf meiner Zunge, dazu eine etwas verstaubte Atmosphäre und schon fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Dazu gehört meine Oma und mein Opa neben mir, an der Hand mein kleiner Bruder, der gerade so über die Theke des Domlädchens am Aachener Münsterplatz schauen kann. Meine Augen suchen die durchhängenden Regalbretter nach etwas ganz Besonderem ab, und da sind sie ja: meine geliebten Himbeerbonbons.

Sofort ist da ein wohliges Gefühl, wenn ich mich an diese Situation zurückerinnere. Das alte Domlädchen bedeutet für mich ein Stück Heimat. Durch ein Schulprojekt wurde ich angeregt, darüber nachzudenken. Was bedeutet eigentlich Heimat für mich?
Heimat – das kann eine Person, ein Ort aber auch einfach ein Gefühl sein. Für mich ist Heimat der Ort, an dem ich Kind war und aufgewachsen bin. Damit verbinde ich das Gefühl der Vertrautheit. Besonders prägend ist dabei die Atmosphäre, Geschmack und Geruch. Mit den Sinnen erfahren wir die Dinge und können uns später gut daran erinnern. Daher bleibt für viele die Erinnerung an die Kindheit durch einen dieser Sinne besonders lebendig.
Ich erinnere mich oft an das Domlädchen, das meine Kindheit sehr geprägt hat. Hier kam ich gerne hin, fühlte mich geborgen und glücklich.

Es war ein kleiner Laden, kaum mehr Menschen als meine Großeltern, mein Bruder, die Besitzerin und ich passten gleichzeitig in den Raum. An den Wänden waren Regale aufgestellt, welche nur so vor Süßigkeiten strotzten. Hier gab es alles: von Gummibärchen über Colafläschchen bis hin zu 45 Sorten Lakritze. Die Kinderherzen schlugen hoch. Die Verkäuferin war immer dieselbe und irgendwann kannte man sich auch. Einen Euro bekamen wir, und manchmal sogar zwei. Dann nahm man sich ein Körbchen, dazu eine Zange und konnte sich aus den Gefäßen verschiedene Leckereien nehmen. Aus diesen kosteten die größeren Süßigkeiten zwischen fünf und 15 Cent. Die kleineren Bonbons wurden nach Gewicht berechnet. So rann uns nicht nur das Wasser im Munde zusammen – uns rauchte auch noch der Kopf vom vielen Kopfrechnen! Das Körbchen wurde an der kleinen Theke abgegeben und in eine alte Schale auf die Waage gelegt, die noch mit einem Pfeil auf das Gewicht zeigte. Klar, dass da kein Kind widerstehen konnte.

Lange Zeit war ich nicht mehr dort gewesen. Doch im Rahmen des Schulprojektes holte mich das Gefühl meiner Kindheit wieder ein und ich beschloss, dem Laden einen Besuch abzustatten. Ich wollte sehen, ob die Besitzerin immer noch dieselbe war und ob sie mich vielleicht sogar wiedererkannte? Ich wollte das besondere Gefühl der Vertrautheit aus meiner Kindheit noch einmal erleben und mein kleines Stück Heimat wieder aufleben lassen.
Wer sich in den Tagen vor dem geplanten Besuch von mir anhören musste, wie sehr ich mich freute, kann meine Enttäuschung bestimmt nachvollziehen, als ich vor einer geschlossenen Tür stand. „Umbauarbeiten!“ stand dort groß an einem Schild. Ich war tatsächlich einen Tag zu spät gekommen. Trotzdem war meine Neugier geweckt. Ich war doch sehr gespannt, was man aus diesem traditionsreichen Laden gemacht hatte. Viele Aachener kennen schließlich das Domlädchen, und es würde doch etwas fehlen, wenn dort ein modernes neues Geschäft stehen würde. Ich fasste mir ein Herz und schaute nach den Renovierungsarbeiten noch einmal dort vorbei.

Auf den ersten Blick fand ich mich in einem völlig neuen Raum wieder. Alles ist hell, frisch und geräumig. Die Wände sind neu gestrichen, die Regale drohen nicht mehr zusammenzubrechen und der ganze Raum wirkt geordneter. Die Süßigkeiten sind nun in einzelnen Glasgefäßen angeordnet, das Fenster ist liebevoll dekoriert und – mein Kinderherz schlug schneller – da steht doch tatsächlich noch die traditionelle Waage aus dem alten Laden. Und auch die Glocke, die schon vorher das Eintreten eines neuen Kunden angekündigt hatte, hängt noch über der Tür. Unwillkürlich suche ich nach den Himbeerbonbons und ich lächle glücklich, als ich sie im obersten Regal entdecke.
Das alte Domlädchen ist also noch da.
domlaedchen3Ich traf die neue Inhaberin, Hannah Schulte, die sich gerade einen Kindheitstraum verwirklicht hatte. Die 25-Jährige ist Bildungsreferentin im Diözesanverband der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ). Durch das Studium der Kulturwissenschaften vertiefte sie ihr Wissen.
Als sie hörte, dass die alte Besitzerin Karin Thouet den Laden verkaufen wollte, sah sie ihre Chance. „Ich verbinde viele Kindheits-erinnerungen mit dem Laden. Wie man sein Körbchen in der Hand hatte und dann mit den Zangen die einzelnen Süßigkeiten aus den Gefäßen geangelt hat, das war immer etwas ganz Besonderes. Das habe ich auch schon von den neuen Kunden gehört – dieses Geschäft hat schon etliche Generationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden begleitet.“ Und das ist nicht übertrieben: In seiner alten Form existierte das Domlädchen seit 1896 – seit 120 Jahren! Wer das alte Lädchen noch von früher kennt, fällt jetzt erst einmal fast um. Hannah Schulte ließ eine ganze Mauer entfernen, strich die Wände und baute eine neue Theke ein. Statt zwischen „nur“ 45 Sorten hat man jetzt die Auswahl zwischen über 100 Sorten Lakritze! „Wir leben hier richtig die Lakritzkultur“, lacht die stolze Inhaberin. Und das kommt gut an. Schon in den ersten Tagen strömten die Besucher nur so in den Laden. „Ich freue mich schon auf den Sommer, wenn auch viele Touristen nach Aachen kommen. Geschäftlich ist die Lage neben dem Dom natürlich ein Traum. Aber auch so gehört das Domlädchen dadurch eindeutig zur historischen Vergangenheit Aachens.“ Zum Glück passen jetzt mehr als vier Kunden gleichzeitig in das Süßigkeitenparadies. Vor allem Kinder sind hellauf begeistert.
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Ich kann natürlich auch nicht widerstehen und fülle mir mit einer Zange eine kleine Tüte voll Süßigkeiten. Sofort bin ich wieder ein Kind und rechne im Kopf die einzelnen Teile zu einem Euro zusammen. Das Klappern der Himbeerbonbons, die in der Schale der Waage abgewogen werden, wecken in mir das alte Gefühl der Vertrautheit. Am Ende verlasse ich also das Domlädchen mit demselben Gefühl wie damals. Ich habe meinen neuen Lieblingsladen in Aachen gefunden, der für mich ein Stück Heimat bedeutet.

Und was passiert in Zukunft mit dem Domlädchen? Dazu sagt Hannah: „Ich fände es schön, wenn ich das alte Konzept halten kann. Die Zuckertüten sind schon etwas Besonderes. Ich möchte mit einer Tüte Süßigkeiten ein Stück Aachener Kulturgeschichte erhalten.“
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Mehr Infos:
www.domlaedchen-aachen.de
www.facebook.com/Domlaedchen/
Münsterplatz 72 , 52062 Aachen
Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag, 10 bis 18 Uhr