Als ich vor kurzem meine Schreibtischschubladen ausmisten und neu sortieren wollte und dabei unzählige Tagebücher, manche bereits gefüllt, andere noch leer, vorfand, fing ich an, in meinen alten Tagebüchern zu lesen. Geschichten von meinem jüngeren Ich zu lesen, fesselte mich richtig, wie ich dabei feststellte. Oft musste ich währenddessen schmunzeln oder sogar laut lachen, an manchen Stellen wollte ich am liebsten einfach vorbeiblättern, um mich an bestimmte Situationen nicht erinnern zu müssen. Und am Ende landete kein einziges Buch im Müll.
Ich fing sogar an, wieder regelmäßiger Tagebuch zu schreiben, und informierte mich, was ich noch mit all den anderen, leeren Notizbüchern anfangen könnte. Auf einmal ist mir nämlich klar geworden, dass Tagebuchschreiben viel mehr Einfluss auf das eigene Leben hat, als mir vor bewusst gewesen war. Und doch habe ich das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft als altmodisch und uncool angesehen wird.
Ich habe mich nach dem Wieso gefragt und bin auf einen möglichen Grund gestoßen: Es gibt (mindestens!) diese zwei unausgesprochenen Vorurteile über Tagebücher, die in unserer Gesellschaft verankert sind: Erstens, dass Tagebuchschreiben nur etwas für Kinder oder Teenager sei. Und zweitens, dass nur Mädchen Tagebücher führen können/sollten.
Beides ist natürlich völliger Schwachsinn, denn nicht umsonst wird das scheinbar altbackene Tagebuchschreiben jetzt als Journaling ein richtiger Trend – es bietet nämlich viel mehr außer den Platz für jugendliche Schwärmereien oder Beschwerden über nervige Eltern. Natürlich kann man in einem Tagebuch gut intime oder geheime Gedanken loswerden, die niemanden sonst etwas angehen, und auch alltägliche oder lustige Geschichten sind toll, wenn man nach Jahren durch sein altes Tagebuch blättert und dadurch in Erinnerungen schwelgen kann. Doch beim Journaling geht es auch darum, seine eigenen Gedanken und Gefühle zu reflektieren, indem man sie zu Papier bringt. Dadurch werden die kleinen Ereignisse des Alltags oder auch besondere Anlässe weniger selbstverständlich und man lernt zugleich unglaublich viel über sich selbst, denn manchmal fällt einem sogar erst beim Aufschreiben auf, wie man wirklich über das eine oder andere denkt und empfindet. Das kann einen richtigen Aha-Moment hervorrufen, sodass man sich selbst besser kennenlernt. Durch das bewusste Aufschreiben ordnet man außerdem seine Gedanken und kriegt ganz automatisch den Kopf frei. Das wiederum kann gut bei Stress, Überforderung und Schlafproblemen helfen, zum Beispiel dann, wenn einem wieder tausend Gedanken auf einmal im Kopf herumspuken und man einfach nicht zur Ruhe kommen kann. Es hilft in solchen Momenten oft, einfach mal alles niederzuschreiben. Und nicht nur das – Tagebuchschreiben kann uns sogar zufriedener machen, denn wenn wir unseren Alltag bewusster wahrnehmen, dann lernen wir, auch kleine Erfolge mehr zu würdigen, und beim Zurückblicken wird viel deutlicher, was wir im Leben schon alles überstanden und erreicht haben. Sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen ist motivierend und gibt Kraft für die Zukunft.
Und das Gute ist: Leere Notizbücher kann man noch mit so viel mehr füllen als mit klassischen, vom vergangenen Tag berichtenden Einträgen.
Denn der Trend Journaling, der momentan besonders auf sozialen Netzwerken wie YouTube, Pinterest usw. einen großen Aufschwung erfährt, umfasst eine große Bandbreite an Möglichkeiten, wie man ein leeres Notizbuch selbst gestalten und füllen kann. Wo wäre auch sonst das Innovative an der ganzen Sache?!

Hier einige interessante Varianten des modernen Journalings zur Inspiration:

Das Bullet Journal:
Das Bullet Journaling, das auch hierzulande immer beliebter wird, ist eine Mischung aus selbstgestaltetem Kalender und Notizbuch für alles, was man selbst für nötig hält. Beliebt sind zum Beispiel sogenannte Tracker, in denen tabellarisch die eigenen Gewohnheiten festgehalten werden, um bestimmte Dinge häufiger im Alltag unterzubringen und am Ende des Monats Bilanz zu ziehen, wie gut man durchgehalten hat. Inspiration gibt es z. B. auf YouTube oder Pinterest – einfach beispielsweise „Bullet Journal Setup“ eingeben.

Das Scrapbook:
Für alle, die sich lieber kreativ austoben, als lange Texte zu schreiben, ist Scrapbooking das Richtige. Denn es ist eine tolle Möglichkeit, um auf kreative Art und Weise seine Erlebnisse und Gedanken zu verbildlichen. Dabei kann man ein Notizbuch ähnlich wie ein Fotoalbum gestalten und die Seiten zum Beispiel mit farbigem oder gemustertem Papier, Aufklebern und Washi Tape dekorieren oder auch Zeichnungen hinzufügen. So sind werden schöne und wichtige Momente unvergesslich und es macht später umso mehr Spaß, in den Erinnerungen zu schwelgen, die durch die Verzierungen noch lebhafter und bunter wirken. Auch zu Scrapbooks findet man viel Inspiration im Internet und es werden mittlerweile sogar Workshops für Einsteiger angeboten!
Tipp: Ein Scrapbook statt eines simplen Fotoalbums ist auch eine tolle Geschenkidee für Verwandte und Freunde.

Das Reisetagebuch:
Wie schon der Name sagt, geht es darum, seine Erlebnisse und Erfahrungen auf allen möglichen Reisen festzuhalten. Man kann Eintrittskarten (z. B. von Konzerten oder Sehenswürdigkeiten), Fotos und anderes, was an die Reise erinnert, dort als Erinnerung einkleben und Sprüche oder Beschreibungen ergänzen. Das kann entweder während der Reise selbst oder aber danach passieren, denn es kann auch Spaß machen, kurz danach die Reise noch einmal als Ganzes Revue passieren zu lassen.
Notizbuch für Ideensammler:
Hier sind die kreativen Köpfe gefragt, die fast vor guten Ideen überlaufen. Damit solche Spontaneinfälle nicht verloren gehen, ist es super praktisch, immer ein kleines Notizbuch dabeizuhaben, wo man sie schnell festhalten kann.

Für mehr Dankbarkeit/positive vibes only:
Oft lassen wir uns durch kleine, negative Ereignisse den ganzen Tag vermiesen, obwohl uns doch immer noch viel Gutes passiert, das wir nur nicht wahrnehmen. Um sich mehr auf das Positive im Leben zu konzentrieren, hilft es, wenn man jeden Tag ca. drei bis fünf Dinge aufschreibt, für die man an diesem Tag dankbar ist. Das können noch so kleine Dinge sein, die einem den Tag leichter gemacht haben oder einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnten, zum Beispiel ein besonders schöner Sonnenuntergang. So lässt man nicht die negativen Dinge im Leben die Oberhand gewinnen.

Brain Dump bei Stress:
Jeder kennt Momente, in denen er in einem Berg von To-dos untergeht und einfach überfordert ist. Ein Brain Dump ist eine Methode, bei der man zuerst einmal alles, wirklich alles, was einem durch den Kopf geht, aufschreibt, bis man das Gefühl hat, dass alles auf dem Papier steht. Im nächs-ten Schritt geht es darum, seine Gedanken in Kategorien einzuteilen, zum Beispiel in „muss ich jetzt erledigen“, „mache ich morgen“, „Ziele und Wünsche“ usw. Wenn alles aus dem Kopf ist und man die Aufgaben geordnet vor sich hat, erscheinen sie schon viel machbarer und man kann einen Punkt nach dem nächsten abarbeiten.

Bei so vielen Möglichkeiten, ein Tagebuch oder Notizbuch sinnvoll zu nutzen, wird es garantiert nicht so schnell langweilig. Warum also nicht einfach mal das eine oder andere ausprobieren? Denn, wie wir jetzt wissen, wird es nicht schaden. Stattdessen kann es das Leben bereichern und erleichtern!