In Russland habe ich angefangen, ohne Tierprodukte zu leben. Viele haben mich gefragt, warum es ausgerechnet in einem Land sein musste, das nicht einmal für Vegetarier besonders geeignet ist und wie ich zurechtgekommen bin.

Die erste Frage ist ganz einfach zu beantworten: Weil ich das wollte.
Ich hatte vorher schon vegetarisch gelebt und mit Veganismus immer mal wieder geliebäugelt. Mir fehlte bisher aber der Anstoß, weil meine Eltern nur Bioprodukte kaufen. Das habe ich immer als okay eingestuft, weil ich zu faul war mich umzustellen. In Russland wusste ich aber mit Sicherheit, dass für mein Frühstücksei ein paar Kücken geschreddert wurden. Das war mir dann genügend Motivation, einen Schritt weiter zu gehen und etwas konsequenter, ergo vegan, zu sein. Zudem war der Verzicht leichter, weil mir russischer Käse eh nicht besonders gut geschmeckt hat. Mich haben dann, als ich zurückgekommen bin, viele gefragt, ob ich wieder auf vegetarisch mit Bioprodukten umsteigen würde. Aus vielfältigen ökologischen und ethischen Gründen finde ich Veganismus aber sehr sinnvoll und da ich mich schon einmal in die Materie eingearbeitet hatte, gab es für mich auch keinen Grund das nicht weiterzuführen; ich weiß jetzt ja, wo ich Proteine und Eisen und all das herbekomme.

Das zweite Rätsel ist ebenfalls schnell gelöst: Ich bin erstaunlich gut zurechtgekommen.
Ich hatte es vergleichsweise leicht, weil ich in einer Großstadt gelebt habe, nämlich in Sankt Petersburg. Dort gibt es in den größeren Supermärkten auch das Wichtigste: Tofu, Sojafleisch, Sojamilch und Humus. Vielfalt ist das nicht, aber da ich auch nicht besonders auf Ersatzprodukte stehe, sondern einfach gerne Gemüse esse, war das nicht wirklich ein Problem.
Was ich allerdings vermisst habe ist Sojayoghurt, der scheint in Russland nämlich noch nicht angekommen zu sein. Es gibt aber einen Weizenyoghurt zu kaufen, der versehentlich vegan ist. Doof war außerdem der fehlende Honig im Tee. Auf einem Trip nach Tallinn habe ich mir dann Agavendicksaft gekauft, der mich sehr glücklich gemacht hat.
Meine russischen Lieblingssnacks waren praktischerweise beide frei von Tierprodukten: gesalzene Sonnenblumenkerne namens Semetschki und mit Sirup überzogene Sesam- oder Erdnussriegel. Es gab auch noch einige weitere Süßigkeiten, die „aus Versehen vegan“ waren; ich habe mich fleißig durch die Verpackungen gelesen.

In Petersburg gibt es auch schon eine Vielfalt an veganfreundlichen Restaurants und Cafés, oft mit indischer Küche und allesamt sehr lecker. Dann sind Lucie und ich drei Wochen durch kleine und größere Städte Russlands bis nach Vladivostok gereist. Das war natürlich essenstechnisch nicht mehr so unkompliziert wie in Sankt Petersburg. Oft hatten wir keine eigene Küche und mussten in Restaurants essen, aber ich konnte mir eigentlich immer erstaunlich leckere Gerichte aus den Beilagen zusammenstellen. Meine Favoriten waren Reis mit Grillgemüse und Pilzen oder Bratkartoffeln mit Spargel.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es problematisch ist, in einer russischen Kleinstadt dauerhaft ein Leben frei von Tierprodukten zu führen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man mit einer solchen Extravaganz auf jede Menge Unverständnis trifft.
Ich hatte das Glück, dass ich mich durch die soziale Arbeit sowieso in einem etwas alternativen Umfeld bewegt habe und die Menschen offener gegenüber derartiger Abweichungen von der Norm waren, als die allgemeine Bevölkerung. Manche haben sich sogar inspirieren lassen! Wenn ich allerdings in der Bäckerei gefragt habe, ob das Brot vegan ist, wurde die Frage meistens nicht verstanden. Wenn ich es dann erklärt habe, wurde ich in der Regel schräg angeschaut – das macht aber nichts. Manchmal durfte ich Leuten auch lang und breit erklären, dass vegane Ernährung dem Körper nicht schadet und dass Tier- und Umweltschutz wichtig ist. Manchmal stößt man damit auf einsichtige Menschen, manchmal sind sie eher stur. Das ist aber in Deutschland genau so.
Fazit: Prinzipiell bin ich gut klargekommen. Wichtig für das vegane Dasein in Russland war es allerdings, Russisch zu sprechen. Dazu muss gesagt werden, dass unsere Reise allgemein nicht so problemlos verlaufen wäre, wären wir der russischen Sprache nicht wenigstens halbwegs mächtig. Insofern kann ich jedem Russlandreisenden empfehlen, ob vegan oder nicht, die Sprache zu können oder einen Freund mitzunehmen, der diese Lücke füllt.

Bildnachweis:
Rasputitza (Gemälde von Alexei Sawrassow, 1894)
Illu Schwein: Nebojsa Ilic/Hemera/thinkstockphotos