russland_wodkaHannah und Lucie sind gerade aus Sankt Petersburg zurückgekommen. Schon zweimal haben sie über ihre Erlebnisse berichtet. Diesmal hinterfragen sie gängige Vorurteile.

In Russland wird sehr viel Wodka konsumiert.
Lucie // Die Russen, wie wir sie kennengelernt haben, trinken schon viel, und Alkohol ist in Russland sehr günstig. In den ländlicheren Teilen Russlandssoll nach Erzählungen einer russischen Freundin mehr Alkohol getrunken werden, und Wodka ist da sicherlich eine beliebte Wahl, weil er so billig ist. Bei uns in Sankt Petersburg wird eher zu anderem Alkohol gegriffen. Bier ist bei den meisten sehr beliebt!
Hannah // Auf den gewöhnlichen Petersburger trifft das eher nicht zu. Wodka kaufen hauptsächlich die Touristen, Alkoholiker und minderjährigen Partylöwen. Die Russen in unserem Alter trinken oft lieber Bier und Wein. Für andere Teile Russlands kann ich nicht sprechen, aber die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2005 eine Alkoholkonsum-Studie über Europa veröffentlicht, in der Russland nur auf Platz 18 gelandet ist – weit hinter Deutschland!

Russen lachen nicht viel.
Lucie // Das war etwas, was ich vorher oft gehört hatte und trotzdem war ich anfangs etwas verwirrt von der kühlen Art der Russen. Inzwischen sehe ich das anders, die Russen sind, was das angeht, einfach nur ehrlicher als wir. Wenn man ein Lächeln geschenkt bekommt, dann weiß man immerhin auch, dass es ernstgemeint ist. Und was den Kontakt mit den Menschen angeht, muss man den Russen genauso wie jedem anderen etwas Zeit geben, bis sie sich öffnen. Und trotzdem sind sie überaus gastfreundlich – aber dazu später mehr.
Hannah // Vorweg: Russen sind privat die herzlichsten Menschen, die du dir vorstellen kannst. In der Öffentlichkeit fühlt man sich allerdings angesichts der scheinbaren Gefühlskälte oft verunsichert. In Deutschland ist das Anlächeln fremder Menschen ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts. In Russland wird ein solches Lächeln als unehrlich, als Pflichtlächeln angesehen. Hier lächelt man in der Öffentlichkeit erst dann, wenn man auch einen offensichtlichen Grund dazu hat. Was uns direkt zum nächsten Vorurteil bringt:

russland_akkordeonRussen sind schwermütig.
Hannah // Den Eindruck bekommt man in der Öffentlichkeit schon. Durch das Fehlen des „Pflichtlächelns“ zeigen die Menschen ganz offen, dass sie unzufrieden mit ihrem Job am Fahrkartenschalter oder an der Supermarktkasse sind. Man guckt aber nicht nur in verdrossene Gesichter, viele sehen auch einfach entkräftet, abgekämpft aus. Mir fällt besonders oft auf, wie viele Frauen ab 25 tiefe Augenringe haben. Es liegt aber ganz bestimmt nicht an den Menschen; das Land macht seinen Einwohnern in vielen Bereichen einfach das Leben schwer.

russland_muetzeIn Russland ist es irrsinnig kalt.
Lucie // Anfang Januar gab es Tage, wo wir – 30 °C hatten … Es gibt eine ganz dünne Grenze, die ich vorher nicht kannte:
– 20 °C kann man mit dicker Kleidung, guter Winterjacke und Schuhen, Mütze und Handschuhen gut überstehen. Noch zehn Grad kälter, und es sieht etwas anders aus; als ich Eiszapfen an meinen Wimpern hatte, war es dann doch zu kalt! Dementsprechend sind wir oft zu Hause geblieben und haben uns mit Wärmflasche, drei Decken und Pulli ins Bett gekuschelt. Der Winter war dazu noch sehr lang, aber ansonsten haben wir ganz normale Temperaturen. Es ist also sehr kalt und dunkel, aber nicht für immer!
Hannah // Dazu habe ich nur noch ein Zitat hinzuzufügen: „Leute? Ich glaube, meine Nasenhaare sind gefroren!“

russland_baerEin paar Bären wird man wohl begegnen.
Lucie // Wir wurden gewarnt, dass es auf dem Waldweg zu unserer Arbeit schon einige „Vorfälle“ gab. Und ein paar andere Erzählungen wurden uns ebenfalls zugetragen, aber im Endeffekt war nichts mit Bären begegnen.
Hannah // Ich hab leider noch keinen gesehen.

Russen sind unfreundlich, aggressiv und laut.
Hannah // Nö. Ok, die Omis vielleicht schon ein kleines bisschen. Die kommen bei mir nicht so gut weg. Bisher habe ich die alten Frauen hier hauptsächlich als leicht verbittert erlebt. Hat wahrscheinlich seine Gründe. Tatsächlich sind Russen eher leise, besonders was öffentliche Verkehrsmittel betrifft. Das ist ein Ort der Erholung, hier legt man eine Pause ein und entspannt sich.
Lucie // Nein, das stimmt nicht. Natürlich gibt es wie in jedem Land unfreundliche Leute, und in Russland konzentriert sich die Unfreundlichkeit vor allem auf die älteren Damen. Es scheint so, als hätten die meisten von ihnen eine riesige Chance in ihrem Leben verpasst, würden das für immer bereuen und an allen anderen auslassen. Was den Durchschnittsrussen angeht, ist er alles andere als unfreundlich oder aggressiv. Bisher habe ich auch super freundliche und offene Menschen kennengelernt und sogar ein paar nette ältere Damen. Auch da scheint es Ausnahmen zu geben.

russland_spracheDie Russen sind die Franzosen des Ostens und können nur ihre eigene Sprache.
Lucie // Ja, schon. Aber den Eindruck bekommt man auch, weil viele Russen zu stolz sind, mit gebrochenen Sprachkenntnissen einfach draufloszuquatschen. Mit der Zeit trifft man dann doch Russen, die eine Fremdsprache sprechen können. Die älteren können manchmal noch etwas Deutsch aus früheren Zeiten und von den jüngeren Studenten können auch viele Englisch, man muss sie nur finden! Und der Wunsch, Englisch zu lernen, fehlt auch nicht, vielleicht fehlen nur die Möglichkeiten. Es ist auf jeden Fall schade, dass man in einer Großstadt wie Sankt Petersburg nicht mit Englisch zurechtkommt …
Hannah // Für einen Großteil der Bevölkerung trifft das tatsächlich zu, und nicht nur für die Menschen über 30. Umso positiver überraschen uns dann die Ausnahmen! Außerdem hätten wir bestimmt nicht so schnell Russisch gelernt, würde man hier mit Englisch auskommen. Fun Fact: Erst letztes Jahr wurde es in den Schulen obligatorisch, eine Fremdsprache zu lernen.

russland_stiefelEine Russin erkennt man an ihren Schuhen.
Hannah // Das Vorurteil der weißen Stiefel ist wahr, so viel kann ich schonmal sagen. Ansonsten sind hier Overknees sehr beliebt, und generell werden auch bei unfeinstem Wetter hohe Schuhe getragen. Trifft natürlich nicht auf alle zu, aber die Mehrheit der Frauen achtet schon in außergewöhnlichem Maße auf ihr Aussehen, was immer super spannend zu beobachten ist.
Lucie // Eine Russin scheint selbst auf den höchsten High Heels in der U-Bahn ihr Gleichgewicht halten zu können, ohne sich festzuhalten. Das ist wirklich beeindruckend. Und wie bei vielem gilt auch hier, es gibt solche und solche Russinnen. Die weißen Stiefel wurden auf jeden Fall gesichtet, genauso wie die Fellmäntel und Mützen im Winter.

russland_foodDie Russen sind überaus gastfreundlich.
Hannah // Ja. Die Russen, bei denen wir bisher eingeladen waren, hatten im Übermaß für Essen und Trinken gesorgt – und langweilig wurde es auch nie.
Lucie // Definitiv. Ich habe eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Und das gilt nicht nur für Partys oder Ähnliches, ich finde, wir wurden generell sehr gastfreundlich in Russland aufgenommen, und viele Menschen haben uns immer wieder bei kleinen Alltagsproblemen übermäßig geholfen.

In Sachen Rollenverteilung liegt Russland einige Jahre zurück.
Hannah // Das stimmt. Ständig bin ich baff, wenn mir plötzlich ein Mann zur Seite springt, damit ich bloß keinen Finger rühren muss, der am Ende eventuell sogar dreckig werden könnte! Heute erst kam ein schockierter Busfahrer angerannt, als ich die Rollstuhlrampe ausgeklappt habe. Oder als wir im Heim Weihnachtsdeko aufgehängt haben, hätte ich nicht die Leiter tragen können, ohne damit die Gefühle meines männlichen Mitfreiwilligen zu verletzen. Kritisch war auch, dass ich mich dann selbst draufstellen wollte. Einmal habe ich einer Mitfreiwilligen ihren Schützling vom Schoß gehoben, der nicht mehr als ein Kleinkind wog. Da wurde getuschelt: „Deutsche Frauen sind so stark!“ Und natürlich bekommen wir auch immer brav die Türen aufgehalten und die Sitze angeboten. Ich glaube, meine Lieblingssituation war, als eine junge Frau einem Jungen von höchstens vier Jahren im Bus ihren SItz angeboten hat und die Mutter eingriff mit dem Satz: „Nichts da! Du bist ein Junge, du musst stehen!“
russland_matrjoschkaLucie // Es kommt mir zwar manchmal ganz gelegen, wenn man morgens zur Arbeit fährt, man noch ziemlich müde ist und dann ein Platz für einen frei gemacht wird, aber in Russland geht das ein bisschen zu weit. Vor allem, wenn unsere Arbeit dadurch beeinträchtigt wird. Mir wurde verboten, alleine die Schützlinge zu heben. Und langsam kann ich die erstaunten Blicke nicht mehr sehen. Besonders oft durften wir uns anhören, dass wir doch nicht mit so schweren Rucksäcken und ohne männliche Begleitung unterwegs sein könnten, als wir drei Wochen durch Russland gereist sind.

Dasselbe gilt für den Umgang mit z. B. sexuellen Minderheiten oder Menschen mit Behinderungen.
Hannah // Leider ja. Es wirkt, als habe Russland in der Hinsicht noch einen riesigen Entwicklungssprung vor sich. Ich bleibe da aber optimistisch, in Deutschland hat sich auch erstmal eine Menge tun müssen (und es steht auch noch genug an), das kann Russland genauso schaffen.
Allerdings ändert das nichts daran, wie dramatisch die Situation ist. Auf den Schwulenclub hier in Petersburg, der erfreulicherweise existiert, gab es erst letztes Jahr eine blutrünstige Attacke und in dem Heim, in dem wir mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, leben die Bewohner in absolut menschenverachtenden Umständen.
Lucie // Das Vorteil stimmt leider selbst in Sankt Petersburg, wo alles sehr europäisch ist. Hier findet man zwar auch einen Schwulenclub, ab und zu sieht man zwei Frauen Händchen halten und die Metrostationen sind fast alle so ausgestattet, dass man dort mit Rollstühlen zurechtkommen würde, aber trotzdem liegt Russland auch bei diesen Punkten sehr zurück. In kleineren Städten sieht das dann übrigens nochmal anders aus, und zwar nicht unbedingt besser …

russland_kircheRussen sind abergläubisch.
Hannah // Anstatt sich anzuschnallen, kleben sie sich lieber winzige Ikonen ans Armaturenbrett. Sagt das nicht schon alles?
Lucie // Also Ikonen sind hier wirklich sehr weit verbreitet. Ansonsten wurde uns viele über Aberglaube erzählt, er ist sehr weit verbreitet. So muss auch ich jemandem auf den Schuh treten, falls derjenige dies aus Versehen bei mir gemacht hat. Eigentlich eine ganz lustige Sache, und ein paar der Gebräuche gefallen mir zugegeben auch. Vor langen Reisen muss ich mich ab jetzt immer hinsetzen, durchatmen und damit den Weg ebnen.

Und zum Schluss, weil ihr doch – gebt es zu – alle darauf gewartet habt: Russen stehen voll auf Adidas.
Hannah // Ich habe bisher im Alltag noch kein übermäßiges Adidas-Vorkommen beobachten können. Allerdings gibt es in den großen Einkaufsmalls meistens gleich mehrere Adidas-Läden, einen regulären und einen für Kinder. Nachfrage gibt’s anscheinend also doch.
russland_adidasLucie // Ich warte noch auf den Tag, an dem ich einen rauchenden Russen im Adidas-Jogginganzug mit einer Fellmütze auf dem Kopf und einer Wodkaflasche in der Hand sehe, der im Schnee auf einem Bären reitet, und im Hintergrund weht die Russlandflagge …

russland_panorama