Das ist die Frage, die ich vor meiner Abreise am häufigsten zu hören bekommen habe. Jetzt lebe ich schon seit zwei Monaten in Sankt Petersburg und noch immer verstehen viele deutsche Bekannte nicht, warum ich nicht in England oder Frankreich als Freiwillige arbeiten wollte. „Es gibt doch auch in Deutschland Menschen mit Behinderungen, denen du helfen kannst!“

Das stimmt, die gibt es. In Deutschland gibt es aber auch die Mentalität und das nötige soziale System, um diese Menschen vernünftig zu fördern. Kinder können in ihren Familien aufwachsen und werden schon im frühen Alter in ihrer individuellen Entwicklung unterstützt. Es gibt Integration und teilweise auch schon Inklusion.

Hier sieht das ein bisschen anders aus. Die Mehrheit glaubt, ein Mensch mit Behinderung habe nur biologische Bedürfnisse, sei nicht entwicklungsfähig und brauche nur ein Minimum an Zuwendung. Sollte eine Mutter sich dafür entscheiden ihr Kind selbst großzuziehen, bedeutet das meistens die Trennung von ihrem Partner und die gesellschaftliche Isolation. Es gibt zwar finanzielle Unterstützung vom Staat, doch die reicht gerade mal für ein Leben in einem der Heime, in denen wir arbeiten.

„Ich wollte von Russland nicht nur die Worte Vodka und Babushka kennen.“

Das meiste weiß ich aber auch erst, seit ich hier bin. Warum also sonst wollte ich in diesem Land leben, wo es kalt und dunkel ist und die Menschen nicht lächeln? Aus dem einfachen Grund, dass das alles ist, was wir über Russland zu wissen meinen. Ich bin hier, weil ich nicht wollte, dass die einzigen Wörter die ich aus der russischen Sprache kenne Vodka, Babushka und Ushanka bleiben. Eine Kultur zu erforschen, mit der wir so gar nicht vertraut sind, das reizt mich wegen der Unterschiede und der Gemeinsamkeiten, die es erst noch kennenzulernen gilt.

Außerdem fasziniert es mich, dass jede Selbstverständlichkeit plötzlich zu einer kleinen Herausforderung wird, weil es die Sprachbarriere und hunderte Fettnäpfchen gibt. Wie holst du ein Päckchen auf der Post ab? Wie meldest du dich im Fitnessstudio an? Was sagst du dem Friseur oder dem Arzt? Es sprechen hier sehr wenige Leute Englisch, aber trotzdem bemühen sich alle, dir zu helfen und im Endeffekt lässt sich alles mit Händen und Füßen schaffen.

Zum einen kann das verhindern, dass man in der Monotonie des Alltags versinkt. Andererseits ist es teilweise auch echt anstrengend. Ich habe hier ein ganz anderes Verhältnis zu Sprache entwickelt. Wenn man in der Situation ist, sich nicht ausdrücken zu können, kann das ganz schön einschränken. Wir – das sind meine Freundin und Mitfreiwillige Lucie und ich – ärgern uns besonders auf der Arbeit oft, dass wir uns nicht mehr dahintergeklemmt haben, vor der Ausreise Russisch zu lernen. Ich fange gerade an, kleine Gespräche führen zu können und merke, wie sehr mich das weiterbringt. Zum einen beginnen auch meine geistig fitteren Schützlinge eine Beziehung zu mir aufzubauen, zum anderen ist es einfacher, mich mit den Perspektivy-Mitarbeitern und dem staatlichen Personal im Heim abzusprechen.

Perspektivy, das ist die Organisation mit der wir im Psycho-Neurologischen Internat, einer staatlichen Einrichtung für Erwachsene, arbeiten. Wir sind dort hauptsächlich auf den zwei Stationen eingesetzt, wo Menschen mit starken körperlichen und geistigen Behinderungen leben. Der Staat stellt medizinisches Personal und unausgebildete Pflegekräfte (Sanitarkas) zur Verfügung, welche sich um die Grundbedürfnisse der Bewohner kümmern – das bedeutet umziehen, füttern und einmal die Woche waschen. Ansonsten vegetieren die Menschen vor sich hin.

Perspektivy bietet ihnen Freizeitgestaltung und Förderung durch die Pädagogen, welche von uns Freiwilligen unterstützt werden. Unsere Arbeit beinhaltet aber auch die Ergänzung der Pflege und Hygiene der Bewohner, da das staatliche Personal unterbesetzt ist und deshalb einiges vernachlässigt wird. Wir Freiwillige dagegen haben die Zeit, im Tempo unserer Schützlinge mit ihnen zu essen oder ihnen die Zähne zu putzen. Mit ein paar meiner Jungs übe ich auch das Sprechen und Laufen und freue mich wie Oskar mit ihnen über ihre Fortschritte. Ich habe meine Schützlinge so schnell lieb gewonnen und es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man auf die Station kommt und sich alle lautstark freuen, dass man da ist. Man bekommt wirklich alles doppelt und dreifach zurück.

Man muss nicht unbedingt sein Zuhause verlassen, um Menschen zu helfen.

Wenn wir von unserer Arbeit erzählen, hören wir nicht selten „Das was du tust ist so mutig! Ich könnte das nicht“. Nein, man muss nicht mutig sein um in eine wunderschöne Stadt zu ziehen, tolle Menschen kennenzulernen und eine erfüllende Arbeit zu tun. Doch, du könntest das genauso. Es gibt so viele Menschen die mit dir zusammenarbeiten und dir helfen. Man wird mit nichts alleine gelassen.

Man muss aber auch nicht unbedingt sein Zuhause verlassen, um Menschen zu helfen und eine neue Kultur kennenzulernen. Helft in einer Flüchtlingsunterkunft, tragt euch da in die Listen zur Kinderbetreuung oder zum Sprachunterricht ein! Es ist ein vergleichsweise kleiner Zeitaufwand und trotzdem macht ihr damit einen Unterschied. Ich bereue zwar ganz und gar nicht nach Russland gekommen zu sein, aber wir haben in Deutschland eine neue Kultur direkt vor der Haustür, die nur darauf wartet entdeckt zu werden.