„Du kannst dich auch nicht entscheiden“, „Bleib doch mal bei einer Sache“, „Du fängst auch immer wieder was Neues an“ – spürt ihr diese negative Aufladung in diesen Sätzen oder sogar diese vorwurfsvolle Art? Kennt ihr diese Kommentare auch – egal ob von Kollegen, Bekannten, Freunden oder Verwandten? Wie oft habe ich mich schon über so etwas geärgert, aber jetzt habe ich eine sehr wichtige Erkenntnis gewonnen. Ich bin zum Beispiel ein Mensch, der sehr gern sehr viele neue Dinge ausprobiert – das war schon immer so und das ist auch heute noch so. Sei es Gerätturnen, Volleyball spielen, Pole Dance, Gitarre spielen, Zeichnen oder abgesehen von sportlichen, musikalischen oder kreativen Hobbies auch einfach das Verändern meines Kleidungsstils, meiner Frisur und so weiter. Womöglich könnte ich diese Liste noch mehrere Zeilen fortführen. Und schon immer waren da ab und zu diese Hintergrundstimmen, egal von wem. Die Stimmen, die einem sagen, man sei zu sprunghaft und könne sich nicht festlegen. Das führt dann dazu, dass man immer das Gefühl hat, bei etwas bleiben zu müssen.

„Du hast es angefangen, jetzt machst du es auch weiter.“

Ganz in dem Sinn: „Du hast es angefangen, jetzt machst du es auch weiter.“ Vielleicht oder besser gesagt höchst wahrscheinlich stehen aus diesem Grund bereits Kinder unter Druck und denken, sie müssen jetzt weiterhin im Tennisverein bleiben, obwohl es ihnen gar keinen Spaß mehr macht. Aber wenn sie sich jetzt wieder umentscheiden, dann heißt es wieder, dass sie mal bei einer Sache bleiben sollen. Und genau das ist der Punkt. Warum soll man sich schlecht fühlen, wenn man etwas ausprobiert hat und es einem dann nicht gefällt? Es ist doch gut, dass man das erkannt hat. Man sollte seinen Kindern doch lieber vermitteln, dass sie so viel ausprobieren können, wie sie möchten. Sie sollen nach zwei Wochen beim Volleyball sagen können, dass es ihnen doch nicht mehr gefällt und ihr sagt dann: Okay, willst du nächste Woche mal zum Kickboxen gehen? Alle Möglichkeiten stehen uns offen. Nur so findet man schließlich raus, was man mag und was nicht.

Stagnierung statt Veränderung?

Und das ist nicht nur bei Kindern so, sondern auch noch bei erwachsenen Menschen, die ja meist denken, ihre Entwicklung sei irgendwann abgeschlossen und ab dann sind sie immer derselbe Mensch – Stagnierung statt Veränderung. Und warum? Weil uns Veränderung und neue Dinge immer als etwas Schlechtes verkauft werden. Selbst ich mit meinen 23 Jahren bekomme auch immer wieder das Gefühl, dass ich jetzt endlich mal so bleiben soll, wie ich bin und mich entscheiden soll, wer ich sein möchte. Aber wisst ihr was? Ich möchte nicht so bleiben, wie ich bin – ich möchte mich weiterentwickeln und immer wieder etwas Neues ausprobieren. Und was ich vor allem nicht möchte, ist das Gefühl zu haben, dass ich mich für diese Lebensweise rechtfertigen muss. Ja, ich habe mal Pole Dance gemacht, weil es mir Spaß gemacht hat und irgendwann hat es das nicht mehr, dann habe damit aufgehört. Und das war schon bei so vielen Dingen so und wird auch immer wieder passieren. Momentan gehe ich regelmäßig bouldern und mache Yoga. Der ein oder andere wird dann sicher schon denken „Na, wer weiß wie lange das anhält.“ Ja genau, wer weiß wie lange – wenn es mir irgendwann keinen Spaß mehr macht, hör ich damit auf und such mir etwas Neues. Ich will einen Tanz lernen, ich will nochmal Gitarre spielen lernen und mich nochmal im Spagat versuchen, einfach aus dem Grund, weil ich jetzt Lust dazu habe. Ich habe alle Freiheiten und die nehme ich mir auch, denn wir haben alle nur eine begrenzte Zeit hier auf der Erde und sollten deshalb so viele Dinge ausprobieren, wie möglich.
Außerdem denken viele, dass sie sich irgendwann auf einen Kleidungsstil festlegen müssten und endlich bei einer Einstellung bleiben sollten. Das ist genau so eine Denkweise, die uns von außen eingetrichtert wird. Die Wahrheit ist, man kann sich auch jeden Tag neu erfinden, wenn
man Lust dazu hat. Wieso darf man sich nicht heute schick anziehen und morgen rumlaufen wie ein Hippie oder ein Rockstar? Wer sagt das? Du musst dich nicht auf einen Kleidungsstil festlegen. Du musst DEINEN Kleidungsstil finden. Das wird leider oft fehlinterpretiert. Zieh das an, wonach du dich fühlst – und wenn du dich fünf Monate fühlst wie ein Hippiemädchen, drei Monate bevorzugst du einen lässigen Style, drei Monate willst du dich eher elegant kleiden und an den restlichen Tagen sportlich-bequem – ja dann ist das DEIN Kleidungsstil. Und alle die sagen, dass man sich nicht entscheiden könne, hier die gute Nachricht: Man muss sich gar nicht entscheiden können. Genauso ist es mit Frisuren, heute braun, morgen rot. Na und? Im März habe ich mir Dreads machen lassen, weil ich es wollte, und vor einigen Wochen habe ich die vorderen Dreads geöffnet, weil ich Lust dazu hatte. Nur weil ich mich für etwas entscheide, heißt das noch lange nicht, dass ich mich für immer dafür entscheide, sondern nur solange, solange ich es auch schön finde, mag und Lust darauf hab.

Die Sache mit den Zukunftsplänen

Je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass das für alle Lebensbereiche zutrifft, ebenso auf Zukunftspläne. Ich mache auch gerne Pläne, sei es über Reisen; über Jobs, die ich gerne mal machen möchte; über Orte, an denen ich mal leben möchte oder mein Freund und ich planen, wo es uns nächstes Jahr hintreibt. Und auch viele dieser Pläne werden wieder über den Haufen geworfen – aus einfachen Gründen wie: kein Geld zum Reisen, Lust auf einen anderen Job oder sich verändernde Umstände wie das Studium. Und dann geht es los mit den Fragen: „Aber ich dachte, ihr wolltet dahin …ihr wolltet das machen …ihr wolltet dorthin ziehen.“ Man bekommt auch hier immer das Gefühl, sich festlegen zu müssen und dass man das, was man einmal gesagt hat gefälligst umzusetzen hat. Aber so läuft das Leben nun einmal nicht. Klar, viele Menschen mögen eine gewisse Sicherheit, doch die kann einem keiner geben. Selbst wenn ich sagen würde: „Okay, nächstes Jahr bin ich fertig mit meinem Studium, danach arbeite ich in einem festen Job; lebe in einem Land, in dem es mir gefällt und bekomme vielleicht irgendwann Kinder mit meinem Freund.“ wäre die Antwort darauf: „In welchem Land denn? Und was heißt vielleicht Kinder?“ Seht ihr! Ich weiß es nicht, keiner weiß es und selbst wenn man Dinge plant, heißt es nicht, dass sie genauso eintreffen. Stellt euch vor euer ganzes Leben wäre vorausgeplant und ihr wüsstet immer, wie es weitergeht. Wo wäre denn da die Spannung, die Herausforderung und der Spaß? Natürlich soll man weiterhin planen, wenn man das möchte – ich tu das auch sehr gerne und dadurch hat man auch seine Ziele genauer im Blick oder entdeckt, was man im Leben möchte.

Wir müssen garnichts

Das waren jetzt jede Menge Beispiele aus allen möglichen Lebensbereichen, um mal eine bestimmte Sache zu verdeutlichen: Ihr müsst gar nichts! Ihr könnt sein, wer ihr sein möchtet und tun, was und wann ihr es tun möchtet. Haltet euch nicht an allgemeinen Urteilen auf und lasst euch nicht von anderen sagen, dass ihr euch für eine Sache entscheiden müsst. Natürlich soll man auch bei einer Sache bleiben, wenn sie einem Spaß macht, wenn man zum Beispiel seine Berufung gefunden hat. Aber das schließt ja nicht aus, dass man nicht trotzdem noch andere Dinge ausprobieren kann. Selbstverständlich ist jeder Mensch anders oder wurde anders erzogen und das ist auch gut so. Aus diesem Grund wird nicht jeder diese Ansicht mit mir teilen, aber ich möchte einen gewissen Denkanstoß geben, dass man die Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Der sogenannte „Ernst des Lebens“ ist gar nicht so ernst, solange man genug Dinge tut, die einem Spaß machen, sei es im Berufsleben oder in seiner Freizeit. Es wird immer Leute geben, die diese Art des Denkens als „unreif“ empfinden, aber das ist es nicht. Im Gegenteil: Es zeugt vielmehr von Weltoffenheit, Gelassenheit und einem guten Selbstvertrauen. Je gelassener und offener man also wird für „das Neue“, umso leichter und unbeschwerter geht man durchs Leben. Jeder von uns hat da seinen ganz eigenen Flow und auf den müsst ihr hören und danach leben. Lasst euch nicht stressen von der Außenwelt, hört lieber auf das, was euer Inneres sagt und drückt es aus – und das immer wieder aufs Neue, denn wir werden uns immer weiterentwickeln und immer wieder neue Dinge lernen, denn genau darum geht es.