Aber wo eigentlich?
Unser Autor ist nach einem Jahr in Nicaragua wieder nach Deutschland zurückgekehrt.
Ein Orientierungsversuch.

„Mein Jahr war amazing. Hier ist alles so streng, dort waren alle viel entspannter.“ Auf Portalen wie Jodel werden solche Sätze der Australien-Rückkehrerin „Lisa“ in den Mund gelegt. Die Rückkehr von einem Auslandsjahr ist längst ein eigenes Klischee geworden. Lisa steht für das Gefühl der Überlegenheit, das junge Menschen von ihren Reisen mitbringen. Wer ist tiefer in die fremde Kultur eingetaucht? Wer hatte die krasseste Erfahrung? Wer hat am meisten verlernt, Deutsch zu sprechen? „Das Leben ist ein Buch, wer nicht reist, liest nur eine Seite“ steht immer wieder unter Reisefotos auf Instagram, als wolle man den Daheimgebliebenen eine Ahnung davon vermitteln, wie sehr man sich in diesem Jahr verändert hat.
Während meines Auslandsjahres habe ich mit anderen Freiwilligen gesprochen, die nach langer Zeit im Ausland zurückgekehrt sind. Viele haben mir gesagt, dass sie oft vorschnell als Australien-Lisa abgestempelt wurden. Jeder Vergleich mit ihrer alten Heimat wurde belächelt und sie haben sich oft unverstanden gefühlt. Meistens haben sie mit der Zeit immer weniger über ihre Erfahrungen gesprochen. „Wie war dein Jahr?“ „Gut, danke. Und deins?“
Darüber habe ich nachgedacht, als ich ins Flugzeug stieg. Wie fasst man ein Jahr an einem Abend zusammen? Würde ich mich in meinem alten Leben zurechtfinden? Die Rückkehr nach Deutschland würde mehr bedeuten, als nur den Wohnort zu wechseln, so viel war sicher.
Der Kulturschock kam, noch bevor ich in Deutschland ankam. Schon, als ich von einer panamaischen Airline in die Maschine der deutschen Lufthansa umstieg, war ich überrascht. Während die Flugbegleiter sich dort beim Essenausteilen über die hübsche Rezeptionistin im Hotel austauschten, scherzten und lachten, traf ich hier auf professionelles Lächeln, auf Distanziertheit verglasten Decken am Flughafen, die rappelvollen, teuren Flughafenrestaurants, die sauberen, asphaltierten Straßen. Ich bin im Land gewordenen Apple-Store angekommen, in dem Land, in dem Sojamilch und Chiasamen fließen.
Ich laufe in meinem von Hand auf der Reibe gewaschenen, zerknitterten Shirt und fühle mich schäbig. Selbst meine Vorzeigejeans, bei deren Anblick meine Gastfamilie sich den Kommentar „Ach, er geht Mädels aufreißen“ nicht ersparen konnte, scheint hier niemanden zu beeindrucken.
Dass mir ein Land bei der Ankunft fremd vorkommt, überrascht mich nicht, das habe ich immer wieder erlebt. Nur ist das hier meine Heimat, die mir so fremd vorkommt.

Es war nicht nur dieser erste Augenblick, in dem ich mich fremd fühlte. Die lockere Runde mit Freunden kommt mir wie ein trockenes Talkshow-Format vor, mit Knabberzeug auf dem Tisch. Im Vergleich zu solchen Abenden in meiner alten Heimat wird mehr darauf geachtet, was man sagt, die Gespräche sind rationaler, weniger beiläufig, die Distanz ist größer – vor allem zu flüchtigen Bekannten. Nach einigen Bieren sieht die Sache natürlich anders aus.

Ich kann nicht behaupten, dass man nicht versucht hätte, mich zu verstehen. Oft wurden mir sogar gesellschaftskritische Aussagen vorweggenommen: „Wir sind schon eine dekadente Gesellschaft, oder?“, „Dort waren die Menschen bestimmt viel authentischer!“. Ich war überrascht, wie negativ das Bild der eigenen Gesellschaft oft ausgefallen ist. Vielleicht, um sich selbst insgeheim auszuklammern und auf den Rest hinabzuschauen (hierzu empfehle ich, sich einfach klassisch Reality-TV auf RTL anzuschauen). Vielleicht ist es aber auch eine Art der Reflexion – das würde erklären, wieso Karl Marx immer noch so populär ist wie Lebenshilfebücher, die den Weg zur authentischen Persönlichkeit beschreiben. Und die Klischees von Lateinamerika bedienen diese Sehnsucht nach Authentizität, nach wahrem Glück, das noch nicht von kapitalistischen Interessen verseucht ist. Es sind aber eben Klischees. In Lateinamerika sind nicht alle immer glücklich, arm und selbstlos, genauso wenig, wie in Deutschland immer das Gegenteil der Fall ist.
Und wenn man tatsächlich so unzufrieden mit dem Leben hier ist, zwingt einen ja niemand hierzubleiben. Ich habe in Nicaragua mit einer Deutschen gearbeitet, die genug hatte vom europäischen Materialismus und dem starren, durchzivilisierten System, aber sie war konsequent genug und lebt seit 20 Jahren in einfachen Verhältnissen und ohne viel Besitz dort. Wer allerdings als Rückkehrer ständig seine Heimat kritisiert und trotzdem dort auf die gleiche Art und Weise weiterlebt wie zuvor, ist unglaubwürdig und wird zu Recht als Australien-Lisa belächelt.
Ich könnte nicht für längere Zeit in Nicaragua leben. Ich musste dort auf vieles verzichten, was ich gewohnt war, z. B. einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr oder ein regelmäßiges Kulturprogramm.
Also werde ich mich wohl einleben müssen. Das muss nicht unbedingt heißen, dass ich alles, was mich hier irritiert, einfach ignoriere und weitermache wie bisher. So, wie man sich nach dem Urlaub wieder einlebt, indem man den Koffer auspackt, das Regenwetter kommentiert und am nächsten Morgen zur Arbeit fährt. Für mich wird das Einleben im Gegenteil bedeuten, auf das zu achten, was mich jetzt am Anfang stört, und besonders aufmerksam zu sein, bevor es mir dann in einigen Monaten gar nicht mehr auffällt. Dann kann ich versuchen, das anders zu machen. Vielleicht wäre es nicht schlecht für eine Gesellschaft, wenn sie Rückkehrern zuhören würde – die sehen das Leben hier mit gewissem Abstand, weil sie noch nicht in ihrem Alltag versunken sind. Freilich müssen sie nicht nur kritisieren. Die neue Perspektive lässt auch Dinge erkennen, an die man sich so gewöhnt hat, dass man sie nicht mehr wertschätzt – gute Schulen, eine funktionierende Demokratie und eine unabhängige Justiz, um nur einige Beispiele zu nennen.