Als ich Anfang September ankam, waren es oft noch bis zu 30 Grad. Das hat sich allerdings schnell geändert. Jetzt ist es leider immer nass und grau. Circa Anfang Oktober fing es an kälter zu werden, nach zwei Wochen war es dann so kalt, dass ich in meinem Zimmer nicht mehr aus dem Bett kam. Heizungen kann man in der Ukraine nämlich leider nicht selber an- und ausstellen, da alle Heizungen über eine Zentrale gesteuert werden. Ich musste schon zwei Tage lang mit Mütze schlafen, da ich es sonst nachts nicht ausgehalten hätte. Am 31. Oktober wurde dann endlich die Heizung bei uns zu Hause angestellt. Auf der Arbeit war es auch nicht besser, bis dort die Heizungen angestellt wurden, liefen fast alle mit Jacke im Gebäude herum und froren trotzdem. An einem Tag konnte ich sogar meinen Atem in meinem Zimmer sehen, und als ich auf dem Weg zur Arbeit auf die falsche Stelle trat, steckte ich plötzlich bis zum Knie im Schnee. Bevor es anfing zu schneien, hat es oft geregnet und ein großer Teil des Weges zur Metro war noch nicht asphaltiert, also musste man durch den Matsch trampeln. Ich habe mich am Anfang gefragt, ob diese Straße wohl noch gemacht wird, solange ich in der Ukraine bin. Anfangs sah es nicht danach aus, doch im November wurde die Straße dann plötzlich innerhalb von drei oder vier Tagen fertiggestellt und ich muss mir meine Schuhe nicht mehr dreckig machen. Anfang Dezember hat es dann drei Tage lang ununterbrochen geschneit und der 20-minütige Weg von der Metro nach Hause war wirklich ein Kampf. Falls es einmal im Monat einen Tag gibt, an dem die Sonne wenigstens ein bisschen scheint, freut man sich dafür umso mehr. Jeden Montag kommt eine deutsche Frau, die seit 20 Jahren in der Ukraine lebt, in unser Projekt, um einen Gottesdienst zu leiten. Diese Frau hat mir erzählt, dass die im Moment herrschenden Wetterverhältnisse für November und Dezember noch sehr mild waren und sie eigentlich was anderes gewöhnt ist. Über die Feiertage habe ich meine Familie in Deutschland besucht, da waren acht Grad plötzlich sehr angenehm. Vor meiner Abreise war ein Besucher des Projekts, in dem ich arbeite, so freundlich, mich nochmal darauf hinzuweisen, dass ich dem Weihnachtsmann eine SMS schreiben solle, damit er auch weiß, was ich gerne als Geschenk hätte. Leider habe ich in dem Moment nicht daran gedacht, ihn nach der Handynummer zu fragen. Die ganze Armut und die vielen Obdachlosen, die bei der Kälte draußen schlafen müssen, sind wirklich schwer mitanzusehen, da es hier nicht die Möglichkeit gibt, wenigstens in einem Obdachlosenheim unterzukommen, und man selber ihnen weder medizinisch noch anders langfristig helfen kann, da fühlt man sich schon ziemlich hilflos. Dass wir es in Deutschland sehr gut haben, wusste ich schon vorher, aber jetzt hat man da nochmal eine andere Sicht darauf, ganz besonders im kalten Winter.

Obdachlose in der Kanalisation

Eine Mitarbeiterin meines Projekts hat mir erzählt, dass Obdachlose nachts oft in der unterirdischen Kanalisation schlafen gehen, um wenigstens ein wenig Schutz vor der Kälte zu finden. Obdachlosenheime oder Ähnliches sind ihr nicht bekannt, auch Essensstuben gibt es nicht. Oft sehe ich, wie Obdachlose tagsüber am Eingang der Metro liegen oder sogar in der Metro selber schlafen, wofür sie aber vorher Geld zusammenkriegen müssen, um überhaupt in die Metro hineinzugelangen. Auch in Deutschland ist es nichts Ungewöhnliches, bettelnde Menschen zu sehen. Meiner Erfahrung nach ist dies hier in der Ukraine noch viel extremer. Da die Ukraine ein ziemlich armes Land ist, denke ich, dass es dem Staat nicht möglich ist, diesen vielen Menschen zu helfen. Dieses Thema hat mich sehr beschäftigt und ich habe mehrere Mitarbeiter und meine Russischlehrerin nach Informationen über das Leben der Obdachlosen befragt und leider nur wenige Infos erhalten können. Ich glaube, das liegt daran, dass diese Menschen wirklich am Rande der Gesellschaft leben und „normale Bürger“ selber nicht wissen, wie die Obdachlosen eigentlich durch den Winter kommen.