Felix und Janine waren für ein Jahr in Australien. Beide haben ganz unterschiedliche Geschichten von ihrer Reise zu erzählen. Sie haben viele neue Erfahrungen bei den verschiedensten Jobs gesammelt, Menschen aus aller Welt kennengelernt, faszinierende Orte und exotische Tiere gesehen. In einem kleinen Dorf an der Ostküste haben sich beide bei der Farmarbeit kennengelernt. Dann ging es gemeinsam weiter.

Erst Work …

Felix Böker über die harte Feldarbeit in Australien, die er verrichtet hat, um ein Second-Year-Visum zu erhalten.

Nachdem mein bester Freund Paul und ich das Abitur gemacht hatten, hatten wir in einer Partynacht die spontane Idee, für ein Jahr nach Australien zu gehen. Also flogen wir im Oktober 2012 nach Sydney. Dort blieben wir für drei Wochen, in denen wir erfolgreich fast unsere kompletten Ersparnisse ausgaben.

Am schnellsten – so hörten wir – verdient man Geld, wenn man auf einer Farm arbeitet. Also fragten wir in unserem Hostel nach Nummern und Kontakten und bekamen schließlich die Nummer von Shelly, die ein Working Hostel in einem kleinen Ort namens Home Hill im Bundesstaat Queensland besitzt. Am Telefon versicherte sie uns, dass wir Arbeit bekämen, wenn wir zügig anreisten. Also flogen wir von Sydney nach Townsville, wo wir eine Nacht verbrachten. Am nächsten Tag ging es weiter mit dem Bus.
Auf der Hinfahrt durchquerten wir eine flache Landschaft mit unzähligen Zuckerrohrfeldern und kleinen Ortschaften, die man so nur aus Cowboy-Filmen kennt und die von Halt zu Halt kleiner und karger wurden. Letztendlich mussten wir in der allerkleinsten Ortschaft aussteigen: Home Hill. Der Ort bestand aus einer Hauptstraße, an der alle wichtigen Institutionen waren: ein Supermarkt, eine Apotheke, ein Fischerladen, ein Thriftshop (Secondhandladen > wichtig für Backpacker!) und zwei Pubs.
Neben den Häusern der Einheimischen, die nicht hoch, sondern in die Fläche gebaut sind, stand unser pinkes Hostel. Man konnte schon von Weitem sehen, dass es in einem schlechten Zustand war. Wir traten in den großen Wohnbereich. Ein großer, offener Raum, in dem schon einige saßen, die von der Arbeit zurückgekommen waren. Wir waren in ordentlicher „Touri-Montur“, und sie saßen dort verdreckt und sahen grimmig aus.

In einem schlechten Film gelandet?

Ich dachte, wir wären in einem schlechten Film gelandet und ich würde nie mit diesen Leuten klarkommen. Aber nach kurzer Zeit – und vor allem nach drei Monaten – wurden Fremde zu engen Freunden.
Anders als uns Shelly im Vorfeld versprochen hatte, mussten wir eine Woche warten, bevor wir arbeiten konnten. Eine unfassbar langweilige Woche, in der wir uns fast entschieden hätten, wieder abzureisen. Nachdem ein Job auf einer Paprikafarm frei wurde, entschieden Paul und ich uns, uns Tag für Tag abzuwechseln. Paul ging als Erster arbeiten und kam mit gekrümmtem Rücken und Schmerzen zurück und sagte, dass es hart, aber machbar sei.

Nun war ich an der Reihe: Wir kamen um sieben Uhr morgens mit einem Bus voller Backpacker an. Ich war der einzige Neue und hatte absolut keine Erfahrung mit Feldarbeit. Wir parkten vor einer offenen Garage nahe dem Feld, die als Pausenvorrichtung diente. Dort sah ich meinen ersten Supervisor: einen kleinen, abgebrühten Kerl mit Cowboyhut und selbstgestochenen Tattoos, der vor vielen Jahren aus Deutschland ausgewandert war.

Alle gingen zum Feld, wo schon der Traktor mit dem Anhänger bereitstand. Der Supervisor wies mich kurz ein und los gings. Paprika hängen leider an recht kurzen Büschen, die teilweise flach auf dem Boden liegen, d. h., dass man sich immer gebückt oder recht nah am Boden bewegen muss. Anders: Nach knapp 20 Minuten hatte ich so große Schmerzen im unteren Rückenbereich, dass ich sprichwörtlich nur noch auf allen vieren dem Laufband hinterherarbeiten konnte. Gedanken quälten mich: Was machst du eigentlich hier?! Du hast dein Abitur und zerstörst hier deinen Rücken?! Warum tust du dir das an?! Ein Arbeitstag hatte acht Stunden mit einer halbstündigen Pause um 12 Uhr. Zu den unbeschreiblichen Schmerzen kamen die hohen Temperaturen. Tagsüber konnten es bis zu 40 Grad werden, und es war ein Segen, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob. Alle sagten, man würde sich an die Schmerzen gewöhnen, aber ich konnte und wollte mich zu diesem Zeitpunkt nicht daran gewöhnen.

Wir hielten drei Wochen auf der Paprikafarm durch. Danach würde jeder Job, den ich machen dürfte, ein Geschenk werden.

Gutes Geld für harte Arbeit

Auf der nächsten Farm pickten wir Kürbisse unter dem Regiment einer strengen Supervisorin Liz, die gerne Leute feuerte. Auch hier blieben wir rund drei Wochen.
Letztendlich bekamen Paul und ich glücklicherweise einen Job auf einer mit 6000 Hektar riesigen, neuangelegten Farm, wo wir Pipelines für die Wasserversorgung der Felder verlegen mussten. Verglichen mit Picken war das ein einfacher Job, aber trotzdem befanden wir uns jeden Tag 10 Stunden unter der prallen Sonne und mussten hart arbeiten. In Home Hill sparten wir jeweils knapp 4000 AUD (ca. 3700 Euro).
Nachdem wir nun knapp drei Monate auf dem Land gearbeitet hatten, waren wir mehr als bereit für Urlaub. Wir verließen Home Hill, glücklich darüber, dass die Arbeit vorbei war, aber auch schweren Herzens, da man viele neu gewonnene Freunde verlassen musste in der Gewissheit, sie wahrscheinlich nie mehr wiederzusehen.

Felix_Collage

Nach der Metropole zurück aufs Land

Nach vier Monaten Erholung in Sydney entschlossen Andrea, ein Freund, mit dem ich mittlerweile seit einem halben Jahr reiste, und ich uns dazu, wieder Farmarbeit zu verrichten, um Geld für Reisen zu sparen. Also flogen wir zurück nach Townsville.
Ich wusste nur eins: Ich würde nie wieder Pa-prika pflücken. Vor allem nicht bei Chapman. Einer Farm, die ich nur von Geschichten kannte. Ich wusste, dass die Supervisors die Backpacker wie Dreck behandelten und die Arbeitsgeschwindigkeit, die verlangt wurde, die höchste von allen Farmen sei. Aber ich wusste auch, dass ich jede Chance ergreifen musste, einen Job zu bekommen.

Wir nahmen am nächsten Tag den Bus nach Home Hill. Wieder durch diese weite Landschaft, wo ab und an ein Auto auf der anderen Spur entgegenkam oder ein Ort durchquert wurde. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als wir ankamen. Nichts, aber wirklich nichts hatte sich geändert. Ich war aufgeregt. Gespannt auf die neuen Leute, die man treffen würde, und auf die harte Arbeit.
Eines der ersten Gesichter, die ich sah, war das von Janine. Ich kannte sie vom ersten Mal in Home Hill. Damals war sie aber nur für eine Woche dort. Ich war froh, dass sie da war, da einem schon bekannte Leute das Einleben um einiges einfacher machen. Auch Shelly erkannte ich wieder an ihrer krächzigen und penetrant lauten Stimme. Sie war allerdings die Letzte, die ich vermisste. Doch gab sie mir gleich einen Job für den nächsten Tag. Ich sollte für zwei Wochen in einem Lagerhaus Wassermelonen packen. Das war mit einer der langweiligsten Jobs, die ich je machen musste. Danach wurde ich vom selben Farmer zum Pflücken abkommandiert. Ich arbeitete mit der mir schon bekannten Supervisorin Liz zusammen. Sie erkannte mich und machte mich prompt zum Follower. Ich musste hinter den anderen hergehen und nur noch checken, ob jemand etwas vergessen hatte.

Bitte keine Paprika

Wir fuhren oft an Paprikafeldern vorbei, und ich hoffte, dass meine Zeit hier sich nicht mit der Saison der Paprikas überschnitt.
Trotz der Arbeit war ich froh, wieder zurück auf dem Land zu sein. Jede Fahrt zur Farm glich einer Safari. Kängurus, exotische Vögel, Flughunde, Wildschweine, Schlangen und noch andere Tiere konnte man oft beobachten. Die Natur, die zum größten Teil unberührt ist, fasziniert mich sehr.
Den Job als Follower hätte ich die komplette Saison machen können. Leider entschied sich der Farmer dafür, einige Wochen Erntepause einzulegen, was für die Backpacker die vorzeitige Arbeitslosigkeit bedeutete. Ich hatte einen „dayoff“. In Home Hill heißt das, dass man nichts tun kann außer zum Pool gehen, Basketball spielen, trainieren oder fernsehen. Und vor allem verlor man Geld, da das Hostel mit 150-200 AUD (170 Euro) pro Woche sehr teuer war. Nach sechs Tagen packte mich die Verzweiflung, und ich bat Shelly darum, mir einen Job zu geben. Irrelevant, auf welcher Farm. Ein Tag später fiel ausgerechnet bei Chapman jemand aus. Shelly fragte mich, ob ich dazu in der Lage sei. Also war ich an der Reihe.

Meine ersten Tage bei Chapman waren ein Albtraum. Morgens um sechs sagte Shelly mir, dass sie mir keinen Job mehr gebe, wenn ich aufgeben oder gefeuert werden sollte.
Der Bus, der in einem schrottähnlichen Zustand war, fuhr los. Ich saß nur da, genoss den Sonnenaufgang und bereitete mich mental aufs Picken vor. Unser Bus kam an Ivors kleinen, Häuschen an, wo er und Rhino warteten. Wir stiegen aus und Ivor, ein älterer, abgebrühter Kerl mit einem noch härteren Blick, kam auf uns zu und fragte, wer neu sei. Ich und zwei Italiener meldeten uns und er sagte nur: „Also ich bin Ivor. Und ich bin ein Arschloch!“ Ich versuchte zu lächeln, aber ich hatte zu viel Respekt vor dem Bevorstehenden. Statt zu picken, mussten wir „handplanten“. Denn die Sämaschinen konnten, da es am Vortag geregnet hatte, nicht arbeiten. Also mussten die Backpacker aushelfen. Wir bekamen jeweils eine Plastikplatte mit 100 Sprösslingen. Die sollten wir auf unserer Linie einpflanzen. Neun Stunden: Loch durch die Plastikfolie in die Erde stechen, Sprössling rein und mit Erde die Wurzeln bedecken. Ich entwickelte verschiedene Techniken, um schneller zu werden, aber auch, um die verschiedenen Muskeln gleichmäßig belasten und entlasten zu können. Rhino war ein großer, bärtiger Kerl, dessen Hobby es war, mit seinen drei Jagdhunden Wildschweine zu erlegen. Nachdem die Hunde eines gepackt hatten, stach er dem Wildschwein mit seinem Jagdmesser ins Herz. Er schrie nur rum, dass wir schneller machen sollten, und drohte uns mit dem Rauswurf. Wir machten das für zwei Tage, und es ist nicht in Worte zu fassen, was man für Schmerzen hat. Am dritten Tag war es so weit. Ich sollte das erste Mal Paprika pflücken mit Ivors Team. Er sagte uns zuerst, wie man die Paprika vom Busch holt, ohne dass die Büsche brechen, und drohte uns, dass ein Kasten Bier (40 Dollar) für das ganze Team fällig sei, wenn man in die Knie gehe. Am Anfang waren wir langsam und klagten über die Schmerzen. Jeder Tag war eine Katastrophe. Da Ivor cholerische Züge hat, flippte er bei Kleinigkeiten aus, als würde die Welt untergehen. Der körperliche und mentale Stress waren das Härteste. Aber zumindest gab es anderthalb Wochen jeden Tag nach der Arbeit Bier …

Alle gewöhnten sich gleich schnell daran, da wir zum gleichen Zeitpunkt gestartet waren. Man half dem, der an einem Tag schwach war, und lobte den, der uneigennützig geholfen hatte. Wir wurden ein Team. Die, die zu schwach oder zu langsam waren, wurden recht schnell gefeuert. Es gab viele Tage, die sehr stressig waren. Das waren die, an denen Ivor einen Kater hatte und richtig mies gelaunt war.
Einmal hatte Arthur, ein Franzose, am Ende eines Tages eine Paprika übersehen. Ivor aber nicht. Er sagte, dass Arthur sie gefälligst pflücken solle. Der Franzose sah sie nicht und alle, die um ihn herum standen, zeigten auf sie, als Ivor schon vom Anhänger sprang und mit langen, schnellen Schritten auf den Ahnungslosen zumarschierte und ihn im Nacken packte. Er drückte seinen Schädel in Richtung der Paprika und schrie, dass er sie jetzt pflücken solle. Arthur war total geschockt, wir anderen kamen angesprungen, um Schlimmeres zu verhindern, doch so schnell die Situation entstand, so schnell war sie vorbei, und Ivor entschuldigte sich.

Ein andermal hatte Frederico nicht verstanden, dass er nur mit einem eingesteckten Hörer seiner Musik lauschen konnte. Nachdem er von Ivor dreimal aufgefordert worden war, den zweiten aus dem Ohr zu nehmen, und er ihn wieder einsteckte, rastete Ivor aus, nahm ihm die Hörer weg und riss sie entzwei. Er kaufte ihm zwar neue, aber auch wenn es nicht oft zu solchen Situationen kam und sie ausschlaggebend für den Zusammenhalt unter uns Backpackern war, war mir klar, dass kein Arbeitgeber so etwas ungestraft mit mir machen darf.
Ein harter Job.

ruckdsackstillife

Die Supervisors mochten mich, da ich kaum freie Tage nahm und mich nie beschwerte. Der Ton mit ihnen war immer respektvoll, aber rau, genauso wie im Team. Ich fühlte mich öfter wie in der Armee als in einem Fruitpickerteam, da jede Arbeit immer schnell und auf der Stelle ausgeführt werden musste. Ich erinnere mich an meinen letzten Tag. Meine Gruppe war 20 Minuten früher fertig als die anderen, die immer noch Paprikas pflückten. Euphorisiert von dem Gefühl, das letzte Mal die Arbeit zu machen, lief ich zu ihnen und half jedem mal. Ich schuftete, mein Rücken war schwach, aber ich hatte ein Lächeln im Gesicht. Jeder, der weiterreiste, kaufte an seinem letzten Tag einen Bierkasten, um noch mal mit allen zusammen auf der Farm anzustoßen. Es waren harte und schmerzliche drei Monate, aber ich habe viele Erfahrungen gesammelt.

Neben der Arbeit verstand ich mich immer besser mit Janine. Bis sie irgendwann eine Art Motivation für mich war, da es für mich wichtig war, jemanden zu haben, der auf mich wartete, wenn ich zurückkam. Ich freute mich jeden Abend, ins Hostel zu kommen und sie zu sehen, mit ihr zu essen und zusammen schlafen zu gehen. Wir entschlossen uns, zusammen weiterzureisen, und überlegten uns Orte und Dinge, die man machen könnte. Von Cairns nach Darwin und von da aus nach Bali. Somit hatte ich ein Ziel, auf das ich zu arbeiten konnte.

Backpacker sind nichts wert, aber das schweißt zusammen

Der Abschied von den Leuten fiel mal wieder schwer. Zufälligerweise hatte am nächsten Tag ein Großteil des Hostels frei, und somit feierten alle eine beispiellose Party, die Shelly am nächsten Morgen zum Toben brachte. Aber vor allem der Abschied von meinem Freund Andrea fiel mir schwer. Er war ein sehr guter Freund geworden, dessen Bekanntschaft zu machen es allein schon wert war, nach Australien zu reisen.

Alles in allem habe ich fast sechs Monate auf dem Land gearbeitet und kann sagen, dass ich dort die besten Erfahrungen gemacht habe. Gezeigt hat es mir, dass ich mich viel zu oft unterschätzt habe und dass nur ich weiß, wo meine Grenzen sind. Häufig bekommt man mit, dass man für einige Australier nur eine billige Arbeitskraft ist und dass man als Backpacker nicht so viel wert ist. Ein Fakt, an den man sich nicht gewöhnen, den man aber tolerieren muss. Wobei hier ganz klar auch gewisse Grenzen nicht überschritten werden dürfen.

Eingeprägt hat sich außerdem der Teamgeist, der mir vor allem während der Zeit bei Chapman sehr auffiel. Erfahrungen, die ich ohne meine Reise so niemals hätte machen können, und jetzt weiß ich die Arbeitsbedingungen hier in Deutschland mehr zu schätzen.

Ich habe die Tage für das Second Year Visa zusammengearbeitet und werde nach meinem Studium wieder nach Australien fliegen, um dort die Westküste zu erkunden. Ich persönlich finde, dass jeder mal Erfahrungen im Ausland machen sollte, egal ob vor, während oder nach dem Studium, da es den Horizont erweitert und das Verständnis für andere Kulturen und Denkweisen entwickelt.

Und ja – es ist merkwürdig für mich, Paprika im Supermarkt zu sehen. Und nein – ich habe keine Phobie davor.

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