Letztes Jahr im September kam bei mir mal wieder Fernweh auf und der Gedanke, dass ich nochmal wegmüsste. Das Jahr in Australien lag jetzt tatsächlich schon drei Jahre zurück, wow, wo ist bloß die Zeit geblieben? Ich wollte jedenfalls einfach nochmal raus hier, von mir aus auch nicht so lange, das ginge nämlich sowieso noch nicht, denn da war ja noch was – mein Studium. Aber bitte weg aus Deutschland, weg von allen gestressten Leuten (wozu ich mich zu der Zeit selbst zählte) und rein in ein Abenteuer – irgendeins, bitte!

Praktikum? Au-pair? Nein: Workaway

Als mir der Gedanke kam, dachte ich auch nicht lange darüber nach und fing an, online zu suchen, was es denn so für Möglichkeiten gibt. Ich dachte zuerst an eine Art Praktikum, am besten irgendwo in Skandinavien, denn da wollte ich schon immer mal hin. Vielleicht was mit Tieren oder Au-pair? Bevor ich überhaupt etwas fand, war ich schon so begeistert von der Idee, dass für mich feststand, dass ich es im November und Dezember machen würde – was auch immer es dann sein würde. Mit dem Gedanken, für diese Zeit das Studium pausieren zu lassen, konnte ich mich sehr gut anfreunden, denn zu der Zeit kam ich sowieso nicht weiter mit Lernen vor lauter Gestresstsein – und dann brächte es schließlich auch nichts, wenn ich am Ende alle Klausuren versemmeln würde, oder? Eben! Ich suchte tagelang online nach Volunteering und Praktika, doch so richtig fündig wurde ich nicht. Dann stieß ich durch Zufall auf die Seite www.workaway.info – eine Plattform für Reisebegeisterte und Abenteuerlustige, also genau das Richtige für mich. Workaway bietet Familien, Paaren, Alleinstehenden und Unternehmen – eigentlich allen – die Möglichkeit, sich dort zu registrieren und Unterkunft und Verpflegung (in den meisten Fällen) anzubieten und im Gegenzug von den Reisenden etwas Unterstützung und Hilfe zu bekommen, je nachdem, welche Arbeiten anfallen. Ähnlich wie auch bei Work and Travel. Für alle, die reisen möchten, bedeutet das günstige Reisemöglichkeiten, weil man natürlich viel Geld spart, aber vor allem bietet diese Art des Auslandsaufenthalts unglaublich viele Chancen, Erfahrungen zu sammeln, Sprachen zu lernen, Kulturen sowie Land und Leute kennenzulernen. Um Kontakt aufnehmen zu können, muss man sich ebenfalls registrieren und zahlt eine Jahresgebühr von 29 Euro, was meiner Meinung nach vollkommen angemessen ist – schließlich dient es auch der Sicherheit. Die Reisenden werden Workawayer genannt und die Familien etc., die so etwas anbieten, werden Hosts genannt – also Gastgeber. Beide Seiten müssen dazu ein Profil erstellen und am besten natürlich so viele Informationen wie möglich zur Verfügung stellen. Ich hab mir schließlich auch ein Profil erstellt, denn ich war begeistert, dass es so eine Plattform gibt! Und vor allem hab ich mich geärgert, dass ich das erst jetzt erfahren habe!

Was mit Kindern und Tieren in Skandinavien – gibt es das?

Ich verbrachte die nächsten Tage damit, mich durch die Hostlisten zu suchen und zu schauen, was es für interessante Sachen gibt. Und ja, es gibt jede Menge interessante Sachen! Sei es Tierpflege, Au-pair, Garten- und Landarbeit, Bauarbeiten, Hilfe bei der Eröffnung eines Hostels, Arbeit als Guide – es ist wirklich für jeden etwas dabei. Ich wurde mir immer sicherer, dass es etwas mit Tieren oder Kindern sein sollte – am besten beides. Das wäre dann etwas ganz Neues für mich, denn als Au-pair hatte ich null Erfahrung und mit Tieren ebenfalls nicht sonderlich. Melonen ernten kann ich dafür (lest dazu meinen Work-and-Travel-Bericht). Ich suchte mir eine Handvoll Familien aus Schweden, Norwegen und Finnland heraus, deren Profile mich angesprochen hatten, und schrieb ihnen eine Nachricht. Ich war so neugierig, dass ich es kaum abwarten konnte. In den nächsten Tagen bekam ich dann Antwort von einer schwedischen Familie mit fünf Kindern und einer Farm mit rund 45 Tieren – das war auch mein Favorit gewesen. Sie hatten Platz im November und Dezember und sie würden sich sehr freuen, wenn ich käme. Wir erzählten uns gegenseitig etwas mehr über uns und tauschten ganz bald Nummern aus und kommunizierten über WhatsApp weiter. Das Datum stand fest, der 11.11.2016 sollte es sein! 🙂 Schweden, ich komme!

Ein Zuhause mit fünf Kindern und 45 Tieren

Nun war es Ende September und ich hatte gut sechs Wochen, um mich vorzubereiten. Wie, wusste ich auch nicht so richtig, denn ich musste es sowieso auf mich zukommen lassen und ins kalte Wasser springen. Was ich aber tat, war, schon mal ein wenig Schwedisch zu lernen und mich ein bisschen mehr über das Land zu informieren und natürlich zu überlegen, wie ich dorthin komme.
Als der Tag immer näher rückte, wurde ich schon etwas nervös, aber ich hatte auch richtig Lust darauf! Ich machte mich auf den Weg mit dem Bus nach Kopenhagen und von dort aus mit dem Zug nach Helsingborg. Dort sollte ich abgeholt werden von Emelie, meiner Gastmama und … wurde ich auch, keine Angst! Aber ich muss sagen, so nervös, wie ich im Zug war, war ich wirklich lange nicht! Es war ein komisches Gefühl. Was würde mich erwarten? Doch alles war halb so wild. Emelie war super nett, auch der größte Sohn, Casper, war mit dabei. Jeder ein wenig schüchtern anfangs. Aber das war ja auch eine vollkommen neue und ungewohnte Situation. Wir mussten dann mit dem Auto nochmal knapp 45 Minuten fahren bis zu ihrem und meinem neuen Zuhause und haben auf dem Weg noch die anderen Kinder eingesammelt. Im Auto haben Emelie und ich schon mal viel geredet, die Kids haben sich eher noch zurückgehalten. Als wir dann zu Hause ankamen, war es schon Spätnachmittag und fast dunkel. Mir wurde mein Zimmer gezeigt, das kannte ich nämlich noch nicht von Bildern. Man bekommt sowieso erst vor Ort einen richtigen Eindruck, und meiner war super! Was ich auch gut fand von der Familie, dass sie sich ehrlich dargestellt haben, so wie sie sind und wie es halt ist und keine gestellten Bilder, das ist schon mal sehr gut. All die Wochen hatte ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, dort zu sein – und plötzlich war ich es. Der kleine Mijo hat dann zu seiner Mama gesagt: „Das wird bestimmt die Beste von allen!“ – Total süß! Vor mir waren schon drei andere Workawayer da in diesem Jahr, alle jeweils vier Wochen. Abends gab es Pizza und ich hab auch Magnus, den Papa, kennengelernt. Alle waren nett und wir haben uns gut unterhalten, aber wir waren auch alle müde. Ich von der Fahrt, Emelie von der Nachtschicht, die Kids von der Schule, sodass es für alle recht früh ins Bett ging.
Dann kam direkt das Wochenende und die beiden Kleinsten haben gleich mal meine Grenzen ausgetestet und wir haben direkt nach dem Aufstehen Fangen gespielt. Überhaupt haben wir viel gespielt die Tage, waren bei den Tieren draußen und ich war hin und weg von der Landschaft. Wunderschön! Emelie hat mir erklärt, wobei sie am meisten Hilfe braucht – das waren vor allem der Haushalt und die Kinder. Bei fünf Kindern kommt schon ordentlich was zusammen. Drei Waschmaschinen jeden Tag und zwei- bis dreimal die Spülmaschine laufen lassen, helfen beim Kochen und auf die Kinder aufpassen. Mit jedem weiteren Tag lernt man sich besser kennen und lebt sich ein und findet seinen Platz in der neuen Familie.

Workaway-Regeln: Helfen gegen Wohnen

Bei Workaway steht immer, dass man so vier bis fünf Stunden an vier bis fünf Tagen in der Woche helfen soll, den Rest hat man dann Freizeit. Das ist eine Art Anhaltspunkt, denn es ist natürlich von Gastgeber zu Gastgeber verschieden. Emelie hatte mir schon vorher gesagt, dass es keinen festen Zeitplan gebe, sondern dass ich mir die Zeit so einteilen könne, wie ich wolle, denn ich sei Teil der Familie. So war es dann auch, und das fand ich gut so: Ich konnte meinen Tag selbst planen und helfen, was und wie viel ich wollte. Nach einigen Wochen habe ich einen richtig guten Rhythmus gefunden. Meistens habe ich morgens ein bisschen Haushalt gemacht bis mittags und dann bin ich meinen Hobbys nachgegangen und hatte Zeit für mich – vor allem in der Woche, denn da waren die Kinder sowieso in der Schule. Am Wochenende gab es dann immer mehr Action und wir haben viel unternommen.

Ich bin spontan noch über Weihnachten und Silvester geblieben und ich hab so unfassbar viel erlebt und mitgenommen in den zwei Monaten. Das kann man alles gar nicht so kurz zusammenfassen, aber ich werde es mal versuchen. Ich hab die ganze Familie mit der Zeit kennengelernt samt Verwandten und Bekannten. Wir haben Ausflüge gemacht – ob mit den Hunden raus in die Natur zur Küste, nach Ullared in das größte Geschäft Schwedens oder nach Malmö, um zwei neue Hunde zu kaufen. Ich war mit zum Bastelabend in der Schule mit den Kindern, zum Weihnachtsshopping mit Emelie und Casper, wir haben auch auf der Farm alle zusammen geholfen, wir waren zum Weihnachtskonzert in der Kirche, im Kino und Sushi essen. Doch am Ende sind es immer die kleinen Dinge, die das Ganze so besonders machen: die Abende in der Küche und die langen Gespräche mit Casper, die Familienabende im Wohnzimmer mit leckeren Pralinen, das gemeinsame Kochen und Backen mit den zwei Kleinsten, Trampolinspringen und draußen mit den Kids auf Entdeckungsreise gehen, „kul“ spielen (Fangen), mit den Schafen kuscheln, mit den Hunden spielen, Minnahs Haare machen, schwedische Filme mit den Kindern schauen und ganz viel Quatsch machen natürlich.

Ich komme wieder!

Es ist Wahnsinn, wie schnell man sich einleben kann bei einer völlig fremden Familie, wie schnell man Teil der Familie wird und wie schnell man sich an alles gewöhnt. Die zwei Monate vergingen wie im Flug! Ich hab alle so ins Herz geschlossen, und weil es mir so gut gefallen hat, habe ich beschlossen, im Februar wieder nach Schweden zu gehen und noch eine Weile zu bleiben und von dort aus mein Studium zu beenden. Die letzten Tage dort war ich echt traurig, gehen zu müssen, aber ich wusste, ich werde bald wiederkommen. Das hatten wir auch schon besprochen und alle fanden es gut! Meine kleinen Monster wollten mich auch gar nicht gehen lassen und haben mir den ganzen Tag gesagt, dass sie mich lieb haben, und mir ein Kuscheltier mitgegeben, damit ich sie nicht so doll vermisse. Da geht einem wirklich das Herz auf! Es war eine unglaublich tolle Erfahrung, die mich in vielen Dingen weitergebracht hat, und ich kann es wirklich jedem empfehlen, der nach so etwas sucht!

Infos:

Was ist Workaway?

Eine Plattform, auf der du nach der Registrierung Gastgeber auf der ganzen Welt kontaktieren kannst, um dort für eine Weile zu leben. Es geht vor allem um den kulturellen Austausch.

Was bietet Workaway und was wird von mir erwartet?

Du bekommst eine Unterkunft und Essen und natürlich jede Menge neue Erfahrungen in dem jeweiligen Land. Im Gegenzug hilfst du der Familie, dem Paar oder Jungunternehmern etwas bei der Arbeit, etwa fünf Stunden am Tag, vier bis fünf Tage pro Woche.

Was kostet die Registrierung?

Für eine Einzelperson kostet es 29 Euro pro Jahr und für einen Pärchen-Account 33 Euro pro Jahr.

Wie alt muss ich sein, um mich anzumelden?

18 Jahre.

Wie läuft das alles ab?

Nach der Anmeldung hast du die Möglichkeit, Kontakt zu Gastgebern aufzunehmen. Wenn du zum Beispiel eine Familie gefunden hast, bei der du einige Monate leben möchtest, dann besprichst du mit ihr alles Weitere. Stell alle Fragen, die du hast, und klärt vorher so viel wie möglich ab, damit du dir nicht unsicher bist in manchen Sachen. Oft ist es auch besser, vorher zu skypen. Dann kann die Planung losgehen. Um Flüge, Visa etc. musst du dich selbst kümmern. Und dann kann der Trip deines Lebens losgehen.